DAK-Suchtbericht

Jeder zehnte Arbeitnehmer neigt zum Alkoholismus

Die DAK legt den Gesundheitsreport 2019 vor und fordert bessere Prävention bei Alkoholabhängigkeit und Spielsucht am Arbeitsplatz.

Alkohol am Arbeitsplatz

Alkohol am Arbeitsplatz

Foto: Jens Büttner / dpa

Etwa 178.000 Arbeitnehmer in Berlin trinken Alkohol in riskanten Mengen. Das sind rund zehn Prozent aller Beschäftigten in der Hauptstadt. Diese Zahlen gehen aus dem Gesundheitsreport 2019 der Krankenkasse DAK-Gesundheit hervor. Er ist am Dienstag in Berlin vorgestellt worden. Schwerpunkt des Reports ist das Thema Sucht. Im Bericht werden die Auswirkungen von Süchten wie Rauchen, Trinken und Computerspiele auf den Job untersucht.

„Suchtprobleme sind in der Arbeitswelt kein Nischenthema“, sagte Volker Röttsches, Leiter der Landesvertretung der DAK in Berlin. „Unsere Studie zeigt, dass hochgerechnet 447.000 Arbeitnehmer in Berlin zigarettenabhängig sind.“ Das ist jeder vierte Beschäftigte.

Krankenstand liegt leicht über dem Bundesdurchschnitt

Ähnlich hoch wie der riskante Alkoholkonsum ist der Studie zufolge das riskante Gaming der Arbeitnehmer. Viele Betroffene sind wegen ihrer Sucht abgelenkt im Job, kommen zu spät zur Arbeit oder gehen früher. „Zudem wirkt sich die Suchtproblematik auf den Krankenstand aus“, so Röttsches. Die DAK fordere ein absolutes Werbeverbot für Tabak und E-Zigaretten.

Die Studie ist am Iges-Institut für Infrastruktur und Gesundheitsfragen in Berlin erstellt worden. Riskanter Alkoholkonsum, der zu körperlichen Schäden führen kann, bedeutet bei Männern mehr als 24 Gramm Reinalkohol pro Tag. Dies entspricht laut Iges-Institut etwa zwei Gläsern Bier je 0,3 Liter. Bei Frauen liegt der Grenzwert bei 12 Gramm pro Tag oder einem Glas Bier.

Auch der Krankenstand der Berliner Arbeitnehmer ist im Report genannt. Er lag 2018 bei 4,5 Prozent und damit leicht über dem Bundesdurchschnitt (4,2 Prozent). „Das bedeutet, dass jeden Tag 4,5 Prozent der Beschäftigten krankgeschrieben waren“, sagte Susanne Hildebrandt, Mathematikerin und Projektleiterin am Iges-Institut für Infrastruktur und Gesundheitsfragen. Zum Vergleich: der Krankenstand in Bayern und Baden-Württemberg betrug 3,7 Prozent. Der höchste Wert wurde mit 5,5 Prozent in Sachsen-Anhalt erreicht.

Etwa 20 Prozent aller Fehltage haben Muskel-Skelett-Erkrankungen als Ursachen, etwa 17 Prozent gehen auf psychische Erkrankungen zurück. „Diese Erkrankungen kommen nicht so häufig vor, dauern aber sehr lange“, so Projektleiterin Hildebrandt. Der Studie zufolge sind etwa 70 Prozent der Berliner Beschäftigten Nichtraucher. Abhängig vom Zigarettenkonsum seien etwa 25 Prozent, sagte Susanne Hildebrandt. Eine bundesweite Betrachtung des Iges-Instituts ergab, dass der Anteil der Nichtraucher unter den 18-29-jährigen Arbeitnehmern am höchsten ist. „Das ist sehr erfreulich“, so Hildebrandt, „und vermutlich ein Ergebnis der Diskussionen um den Nichtraucherschutz in den vergangenen Jahren.“ Rauchen sei nicht mehr so „en vogue“ wie früher. Diese Debatten gebe es beim Thema Alkohol jedoch noch nicht.

Dort sei der Kreis der Konsumenten deutlich höher. „Etwa 80 Prozent der Beschäftigten in Berlin trinken zumindest gelegentlich Alkohol“, so Hildebrandt. Etwa 20 Prozent, also ein Fünftel der Beschäftigten, sei abstinent. Die Zahl der Alkoholabhängigen unter den Beschäftigten sei gering, vermutlich deshalb, weil es mit dieser Abhängigkeit schwer sei, den Arbeitsplatz zu behalten. Im Fokus der Krankenkassen stehen die zehn Prozent der Berliner Beschäftigten, die Alkohol in riskanter Mengen trinken.

Für ihre Versicherten bietet die DAK ein neues, kostenloses Online-Coaching mit dem Namen „Vorvida“ an. Es soll helfen, den Alkoholkonsum zu verringern, und kann auf Smartphones und Tablets aufgerufen werden. „Nach unserer Erfahrung gibt es viele Erwachsene, die ihren eigenen Alkoholkonsum als problematisch empfinden und deswegen Hilfe suchen“, so Volker Röttsches, Leiter der Landesvertretung der DAK in Berlin. Mit „Vorvida“ könnten die Betroffenen ihre eigenen Trinkgewohnheiten reflektieren und hinterfragen. „Ziel ist nicht die Abstinenz, sondern der moderate Umgang mit Alkohol.“

Mediziner von der Studie nicht überrascht

Fast 61 Prozent der Berliner Beschäftigten nutzen Computerspiele, an Spielekonsolen, per Video oder auf dem Handy. Bei etwa zehn Prozent ist es der Studie zufolge eine riskante Nutzung. Zur Sucht gehöre das starke Verlangen zu trinken, zu rauchen oder zu spielen, so Susanne Hildebrandt. Oft gehe damit ein Kontrollverlust einher. Anfang und Ende des Alkoholkonsums oder des Spielens am Computer, seien nicht mehr selbst zu bestimmen.

Zur Präsentation des Gesundheitsreports am Dienstag war auch Darius Chahmoradi Tabatabai eingeladen, der Chefarzt der Hartmut-Spittler-Fachklinik für Entwöhnung am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum. Er sei nicht überrascht von den Ergebnissen der Studie, sagte der Mediziner. Die Untersuchung zeige, wie wichtig das Thema „Sucht am Arbeitsplatz“ sei. Er rate Arbeitgebern dazu, die Prävention weiterzuentwickeln. Im Hinblick auf den Nikotinkonsum sei sie gelungen. Bei Störungen durch Alkoholkonsum gebe es dagegen großen Nachholbedarf. Zwei Drittel der Betroffenen bekomme erst nach zwölf Jahren qualifizierte Hilfe.

Die Werte der Studie seien repräsentativ für die Berliner Bevölkerung, sagte DAK-Sprecher Stefan Poetig.