Prozess um fahrlässige Tötung.

Kleinkind bei Unfall getötet: Geldstrafe für Verursacher

Weil er einen Unfall verursachte, bei dem ein Vierjähriger zu Tode kam, wurde ein 23-Jähriger am Mittwoch verurteilt.

Das Urteil fiel vor dem Amtsgericht Tiergarten. (Archivbild)

Das Urteil fiel vor dem Amtsgericht Tiergarten. (Archivbild)

Foto: Sven Braun / dpa

Es gab einen lauten Knall, ein Kind flog durch die Luft, die Mutter schrie, so lauteten kurz und knapp die Kernsätze, mit denen Zeugen am Mittwoch im Amtsgericht Tiergarten einen Unfall im Herbst 2017 schilderten. Dem Unfall am Vormittag des 19. Oktober 2017 gingen eine ganze Serie von Verkehrsverstößen voraus, am Ende war ein vierjähriger Junge tot.

Verursacht wurde der Unfall von Arbnor L. Die Staatsanwaltschaft klagte den 23-Jährigen an. Bei einem vorschriftsmäßigen Verhalten des Angeklagten hätte der tödliche Unfall vermieden werden können, lautet die Begründung für die Anklage. Das zuständige Schöffengericht folgte am Mittwoch im Wesentlichen den Argumenten der Anklagebehörde und verurteilte L. zu einer Geldstrafe und verhängte ein einmonatiges Fahrverbot.

Am Tag des tödlichen Geschehens herrschte dichter Verkehr auf der Romain-Rolland-Straße in Heinersdorf. Auf der Fahrspur Richtung Innenstadt standen die Fahrzeuge im Stau, es ging nur schrittweise voran. Arbnor L. dauerte das alles viel zu lange, er war zusammen mit seinem Bruder auf dem Weg ins Fitnessstudio. Kurzentschlossen scherte L. nach rechts auf die Busspur aus (erster Verstoß) und fuhr nach Darstellung der Staatsanwaltschaft mit stark überhöhter Geschwindigkeit (zweiter Verstoß) an den wartenden Fahrzeugen vorbei.

Das Kind lief bei Rot los, die Mutter konnt es nicht zurückhalten

An der nächsten Ampelkreuzung warteten auf der Mittelinsel der Fahrbahn mehrere Fußgänger, unter ihnen eine Mutter mit einem kleinen Kind. Für sie zeigte die Fußgängerampel rot, das Kind lief trotzdem los (dritter Verstoß). Die Mutter, an der linken Hand einen Einkaufstrolley, in der rechten Hand eine große Tasche, hatte in diesem Moment keine Chance, ihren kleinen Sohn zurückzuhalten.

Der Angeklagte L. bremste und versuchte noch, dem Jungen auszuweichen, vergeblich. Sein linker Außenspiegel traf den Vierjährigen am Kopf. Eine zufällig unter den Zeugen befindliche Ärztin kümmerte sich sofort um das Kind, nur wenige Minuten später übernahm ein Notarzt. Doch alle Bemühungen blieben vergeblich, der Vierjährige erlag zwei Wochen später in einem Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

L. wirkte nicht wie ein rücksichtsloser Raser

Wie ein rücksichtloser Raser wirkte der Angeklagte, Architekturstudent und Deutscher mit kosovarischen Wurzeln keineswegs. Bei der Schilderung des Unfallhergangs brach er mehrfach in Tränen aus. Zeugen berichteten zudem, nach dem Unfall sei er panisch umher gerannt, habe einige hilflose Versuche gestartet, dem bewusstlos am Boden liegenden Junge irgendwie zu helfen und dabei immer wieder gerufen „Was habe ich getan“.

Dass er auf die Busspur ausgeschert sei, räumte der Angeklagte ein. Dass er wie von der Staatsanwaltschaft vorgetragen auf mindestens 74 Stundenkilometer beschleunigte, bestritt er allerdings vehement. Maximal 50 sei er gefahren, beteuerte L. Wie schnell der Angeklagte zum Tatzeitpunkt tatsächlich fuhr, war für die Bewertung des Gerichts letztlich von untergeordneter Bedeutung. Selbst wenn der Angeklagte tatsächlich mit 50 Stundenkilometern unterwegs gewesen sei, wäre der Unfall nicht zu vermeiden gewesen, zu plötzlich sei das Kind auf die Fahrbahn gelaufen, trug der Unfallsachverständige in seinem Gutachten vor.

Auch die Tatsache, dass das plötzliche auf die Straße rennen des Vierjährigen mitursächlich für das tragische Geschehen war, hatte das Gericht zu berücksichtigen. Ebenso die besonderen Umstände durch den Stau, der Fußgänger oft verleite, zwischen stehenden Fahrzeugen die Fahrbahnen zu überqueren. An der Schuld des Angeklagten und der Fahrlässigkeit seines Handelns änderte das für das Gericht allerdings nichts. L. habe die nötige Sorgfalt vermissen lassen, die insbesondere vor Ampelkreuzungen verlangt wird, so die Einschätzung. 40 Tagessätze verhängten die Richter. Weil L. als Student derzeit ausschließlich von der Unterstützung der Eltern lebt, wurde die Tagessatzhöhe mit bescheidenen fünf Euro berechnet.

Dass Autofahrer bei stockendem Verkehr gern auf die Busspur ausweichen, ist eine Unsitte, die auch in Berlin täglich zu beobachten ist, hieß es im Verlauf der Verhandlung. In diesem Fall hatte dies Verhalten tödliche Folgen. Auch eine andere Unsitte war bei dem tragischen Geschehen in Heinersdorf zu beobachten. Kaum war der Unfall passiert, machten sich zahlreiche Gaffer unter den Autofahrern und Fußgängern daran, Fotos des Unfalls zu machen. „Kaum war der Unfall passiert, zückten die ihre Handys, wir haben dann erstmal mit mehreren Leuten und mit Hilfe einer Decke die Sicht versperrt, berichtete ein sichtlich angewiderter Zeuge.