Konzertkritik

Rammstein - Feuer und Flamme im Olympiastadion

Rammstein spielen im Berliner Olympiastadion - und setzen mit einer fulminanten Show Maßstäbe. So war das Konzert.

Blick auf das Olympiastadion während des Konzerts von Rammstein.

Blick auf das Olympiastadion während des Konzerts von Rammstein.

Berlin. 
  • Rammstein geben spektakuläres Konzert im Berliner Olympiastadion
  • Konzert beginnt mit ohrenbetäubendem Knall
  • Flammen und schwarzer Konfettiregen
  • Zehntausende verwandeln Olympiastadion in siedenden Rockkessel

Dünne Nebelschwaden ziehen von der Bühne durchs Rund, barocke Musik kündigt die Ankunft der Band an. Die noch im Ruhemodus befindlichen Bühnenaufbauten versprechen Ankommenden seit Stunden eine dieser legendären Shows, auf denen jede Menge Pyrotechnik abgefackelt wird. Die Herren von Rammstein machen Tourneestation in ihrer Heimatstadt und das Publikum im ausverkauften Olympiastadion ist bereit, alles zu geben. Da eröffnet ein ohrenbetäubender Knall das Konzert.

Was für ein Heimspiel. Mit „Was ich liebe“ beginnt das Set, dazu steigen schwarzer Qualm und Brandgeruch auf. Rammstein brauchen keinen Anlauf. Die Pioniere der sogenannten "Neuen Deutschen Härte" hämmern ihre Riffs nach draußen, dass es kracht. Jede Geste von Sänger Till Lindemann überträgt sich unmittelbar auf einen Ozean ausgestreckter Arme, ob er nun tantenhaft den Dirigenten mimt oder in unnachahmlicher Manier sein Knie mit den Fäusten malträtiert.

Bereits beim zweiten Song marschieren Zehntausende zum Stechschritt von „Links 2,3,4“ auf der Stelle und verwandeln das Stadion in einen siedenden Rockkessel. Die für Rammstein ungewöhnlich unzweideutige programmatische Standpauke steht in AfD-Zeiten mit Sicherheit nicht zufällig ganz oben auf der Setliste. Immer schon haben die sechs Musiker einen Sinn für subtile Botschaften bewiesen.

Schwarzer Konfettiregen im Olympiastadion

Keineswegs schmieren sie ihren Fans nur das jüngst erschienene Album um den Bart, im Gegenteil wird mit Hits aus alten Zeiten nicht gegeizt. „Sehnsucht“, „Mein Herz brennt“ oder „Heirate mich“ sind unter den ersten Liedern. Mit dem Miniblock aus „Deutschland“ und „Radio“ bewirbt man mittendrin die letzte Scheibe, anschließend geht es aber auch schon mit Altbekanntem weiter.

Die Dramaturgie ist sorgsam aufgebaut. Nicht alles Pulver wird gleich zu Anfang verschossen, was bei Rammstein wörtlich zu nehmen ist. Allmählich steigern sich die Showeffekte. Ein Riesenkinderwagen geht zu „Puppe“ in Flammen auf, während schwarzer Konfettiregen wie Asche das Stadion einhüllt. Beim Menschenfressersong „Mein Teil“ wird Keyboarder Flake wie üblich in einem Kochtopf gegrillt, der vom als irrer Koch agierenden Lindemann mit immer großkalibrigeren Flammenwerfern angeheizt wird. Und spätestens mit „Du Hast“ ist dann ein absoluter Höhepunkt erreicht.

Rammstein live im Olympiastadion: Das sind die schönsten Bilder

Zum Intro des Klassikers marschiert der in einem goldenen Marsianeranzug steckende Flake vor seinem Synthie im Takt, was ein eigens installiertes Laufband ermöglicht. Das Stadion bekommt die Möglichkeit, den Refrain a capella gen Bühne zu schmettern, ein umwerfender Moment angesichts dieser Masse. Als Gitarren, Schlagzeug und Synthie dann wieder einsetzen, illuminiert der Schein riesiger Feuerfontänen die Szenerie, Hitzewellen schlagen einem ins Gesicht und während Rauchschwaden den Himmel verdunkeln, wird in denselben ein ekstatisches „Nein!“ gebrüllt - als klare Antwort auf die im Liedtext aufgeworfene Frage nach dem Willen zu ehelicher Treue. Das hat was.

Till Lindemann sitzt auf riesiger Konfettikanone

Mit „Sonne“ folgt ein weiterer Superhit auf dem Fuße. Danach verlassen Rammstein die große Bühne und intonieren von einem kleinen Mittelpodest aus „Engel“. Nur vom Klavier begleitet, wird ein Stadionchor dirigiert und es wäre interessant zu wissen, wie weit man ihn hat hören können. Dabeisein aber ist viel besser, zumal im Anschluss die traditionelle Schlauchbootfahrt der Band über Abertausende Hände ihrer Fans ansteht.

Till Lindemann steht an der Landungsbrücke der Hauptbühne und nimmt seine Mannen wieder in Empfang. Es geht mit „Ausländer“, „Du riechst so gut“ und „Pussy“ dem Ende entgegen. Bei letzterem Stück kommt eine überdimensionierte Konfettikanone zum Einsatz, auf der Lindemann sitzt, als ob sie sein vergrößertes bestes Stück wäre.

Rammstein sind ein Gesamtkunstwerk

Natürlich sind Rammstein inzwischen ein wenig zu ihrer eigenen Coverband geworden. Das unvergleichlich Neue, das sie in den Neunziger Jahren groß und zum erfolgreichsten deutschen Rockexport aller Zeiten gemacht hat, reproduzieren sie heute nur noch: Brutale Riffs, charakteristische Sounds, ähnliche Arrangements immer gleicher Versatzstücke. Wer den Tabubruch zum Geschäft erklärt, hat bei der x-ten Platte außerdem ein Problem mit der Themenfindung, wenn doch alles von brennenden Menschen über Inzest bis zu Kannibalismus schon abgearbeitet ist.

Das jeweils neueste Album ist daher selten besser als die früheren Scheiben. Andererseits sind Rammstein von Anfang an als Gesamtkunstwerk angetreten. Visuelle Inszenierung und gigantische Liveshows waren immer ein integraler Bestandteil ihres künstlerischen Konzeptes. Diesbezüglich setzen sie nach wie vor Maßstäbe, weswegen auch niemand diesen 22. Juni so schnell vergessen wird.

Die Titel „Rammstein“, wie immer mit viel Feuer unterlegt, und „Ich will“ beenden den Abend. Ein geniales Finish, bei dem Lindemann in jenem Beifall untergeht, den sein Text einfordert. Zum Abschied kniet die Band vor ihrem Publikum, bevor sie sich per Fahrstuhl nach oben absetzt. Wie zu Beginn ertönt ein lauter Knall. Die Klammer schließt sich, der Traum ist vorüber. Und das Publikum kann nun anfangen, die überwältigenden Eindrücke zu verdauen.

Fans hatten sich schon am Vormittag versammelt

Schon am Freitagvormittag hatten sich erste Fans vor dem Berliner Olympiastadion versammelt. Seit fast 10 Jahren hatten Rammstein-Fans sehnsüchtig auf den Nachfolger des Albums "Liebe ist für alle da" gewartet. Parallel zum Erscheinen des neuen Albums "Rammstein" startete die Band die erste Stadiontournee ihrer Geschichte.

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Wo spielen Rammstein noch live?

Nach dem Berlin Konzert am Sonnabend geht es für die Band zunächst nach Rotterdam und Paris bevor mit Hannover die nächste Station in Deutschland ansteht. Hier die weiteren Tourdaten:

25.06.19 - Rotterdam, De Kuip
28.06.19 - Paris, Paris La Défense Arena
02.07.19 - Hannover, HDI Arena
06.07.19 - Milton Keynes, Stadium MK
10.07.19 - Brüssel, Stade Roi Baudouin
13.07.19 - Frankfurt/M., Commerzbank-Arena
16.07.19 - Prag, Eden Aréna
17.07.19 - Prag, Eden Aréna
20.07.19 - Luxemburg, Roeser Festival Grounds
24.07.19 - Chorzów, Stadion Śląski
29.07.19 - Moskau, VTB Arena
02.08.19 - St. Petersburg, Saint Petersburg Stadium
06.08.19 - Riga, Lucavsala Park
10.08.19 - Tampere, Ratina Stadion
14.08.19 - Stockholm, Stockholm Stadion
18.08.19 - Oslo, Ullevaal Stadion
22.08.19 - Wien, Ernst-Happel-Stadion

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