Umweltpolitik

Die Biomüll-Muffel wohnen in Berlins City

Die Berliner sollen weniger Hausmüll produzieren. Dazu müssten sie aber mehr Bio-Abfälle gesondert entsorgen.

Gerade in großen Mietshäusern in Berlins Innenstadt scheuen Menschen davor zurück, Essensreste in den Bioabfall zu werfen.

Gerade in großen Mietshäusern in Berlins Innenstadt scheuen Menschen davor zurück, Essensreste in den Bioabfall zu werfen.

Foto: Peter Steffen / dpa

Berlin. Unter grüner Regie verfolgt das Berliner Umweltressort ambitionierte Ziele. So soll die steigende Zahl der Hauptstädter in den nächsten Jahren erheblich weniger Hausmüll in die grauen Restabfall-Tonnen werfen. Das Abfallwirtschaftskonzept aus dem Hause der Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) sieht in einem Öko-Szenario vor, dass die Abfallmenge von derzeit 828.000 Tonnen pro Jahr auf nur noch 673.000 Tonnen schrumpfen soll. Auch das weniger anspruchsvolle Normal-Szenario geht von 747.000 Tonnen aus.

Derzeit sind Experten aus Umweltverbänden und Unternehmen dabei, ihre Stellungnahmen zum Abfallwirtschaftskonzept mit der Verwaltung zu diskutieren. Der wichtigste Akteur in Berlin ist die landeseigene Berliner Stadtreinigung (BSR), die den Hausmüll anders als Recyclingmaterial oder Gewerbeabfall als hoheitliche Aufgabe einsammelt und entsorgt.

Die Manager der seit dem Wechsel von Tanja Wielgoß zu Vattenfall zum Jahresbeginn ohne Chef agierenden BSR sehen die Pläne der Verwaltung und die noch ambitionierteren Konzepte von Umweltaktivisten sehr kritisch. Man unterstütze zwar die Ziele von „Zero Waste“, also eine abfallfreien Zukunft, heißt es in internen Gesprächen. Man verweist auf Erfolge der vergangenen zehn Jahre, in denen die pro Kopf erzeugte Menge Hausmüll bereits von 251 auf 229 Kilogramm gesunken sei. Aber was Günthers Beamte in ihrem Konzept aufgeschrieben haben, sei schon „sehr, sehr ambitioniert“. Vor allem, wenn die Gebühren nicht explodieren sollen.

Fast alle Haushalte in Außenbezirken haben eine Biotonne

Wesentlicher Hebel, damit weniger Abfall in den grauen Tonnen landet, soll laut Abfallwirtschaftskonzept die verstärkte Sammlung von Biomüll sein. Inzwischen muss jeder Berliner Hauseigentümer eine Biotonne aufstellen. Vor allem in den Außenbezirken, wo das lange nicht üblich war, hat die BSR jetzt braune Bioabfall-Behälter aufgestellt. Inzwischen seien 93 Prozent aller Haushalte angeschlossen, heißt es aus der Anstalt öffentlichen Rechts.

Sechs Prozent der Haushalte nutzten die Möglichkeit, ihre Bioabfälle auf dem eigenen Kompost im Garten zu entsorgen. Ob alle das ordentlich machten, sei zwar unklar, aber man werde bei den Menschen nicht in den Komposthaufen herumstochern. Damit sei bis auf einige komplizierte Restabfälle der Auftrag der flächendeckenden Sammlung von Bio-Abfall im Grunde erfüllt.

Angenommene Bio-Abfall-Mengen kaum zu erreichen

Das Problem bleiben aber die Mengen-Vorgaben: Mit der Pflichtbiotonne rechnet die BSR nun mit einem Anstieg von bisher 76.000 Tonnen Bioabfällen auf 120.000 pro Jahr. Das Öko-Szenario im Abfallwirtschaftskonzept sieht jedoch knapp das Doppelte vor. Selbst das Basis-Szenario verlangt noch knapp 200.000 Tonnen.

Weil nun aber die bisher nicht angeschlossenen Wohnhäuser der Außenbezirke zum Bio-Sammel-System gehören, müssen diese zusätzlichen Mengen aus der Innenstadt kommen, argumentiert die BSR in ihrer Stellungnahme zum Abfallwirtschaftskonzept, das der Berliner Morgenpost in einer Zusammenfassung vorliegt. Derzeit wirft jeder Bewohner der City-Bezirke rund 18 Kilogramm Biomüll im Jahr in die braunen Tonnen. Das ist nur ein Zehntel der Pro-Kopf-Menge in den Außenbezirken, weil die vielen Gartenbesitzer dort auch Grünabfälle und Laub auf diesem Wege entsorgen. Die Berater des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos haben in einer Studie eine Bio-Abfall-Menge in der City von 25 Kilogramm angenommen. Das Öko-Szenario von Senatorin Günther verlangt aber 51 Kilogramm. Um das zu schaffen und die Lücke zu schließen, müssten sich die Maßnahmen „vor allem auf Bewusstseinsbildung im Innenstadtbereich konzentrieren“, so die BSR. Sie verweist auf die Faustregel: Je mehr Parteien in einem Wohngebäude leben, desto weniger streng trennen die Bewohner ihren Abfall.

Für 40 zusätzliche Recyclinghöfe fehlen die Flächen

Mit den von dem Unternehmen als erreichbar angenommenen Bio-Abfall-Mengen hätte die BSR auch kein Kapazitätsproblem für die Entsorgung. 162.000 Tonnen schafft die BSR pro Jahr, je zur Hälfte in der Biogasanlage in Ruhleben und in der im vergangenen Jahr erworbenen Kompostierungsanlage in Hennickendorf im Landkreis Märkisch-Oderland, die weiter ertüchtigt werden soll.

Weiter plant die BSR, in Restaurants und Läden verstärkt Speisereste zu sammeln, die sich gut in Biogas umwandeln lassen. Darum soll die gemeinsam mit dem privaten Entsorger Alba betriebene Tochterfirma BRAL in Hohenschönhausen eine neue Vergärungsanlage für 50.000 Tonnen Speisereste errichten.

Gewerbemüll und Bauschutt wird kaum betrachtet

Auch andere Maßgaben des Abfallwirtschaftskonzeptes hält die BSR nicht wirklich für realistisch. Wo sie zum Beispiel 40 zusätzliche Recyclinghöfe unterbringen soll, damit es die Bürger nicht mehr so weit haben, ist den Managern angesichts der scharfen Flächenkonkurrenz gerade in der Innenstadt schleierhaft. Bisher betreibt die BSR 15 solcher Höfe, der am Südkreuz wird im Jahr 2020 sogar geschlossen. Sollte die BSR wirklich einen Recyclinghof pro 100.000 Einwohner betreiben müssen, wie es das Konzept vorsieht, würde das 50 Millionen Euro pro Jahr kosten, um die nötigen Investitionen zu refinanzieren. Die Müllgebühren müssten um bis zu 20 Prozent steigen, rechnet die BSR vor.

Ohnehin konzentriere sich das Abfallwirtschaftskonzept stark auf den schon sehr gut kontrollierten Hausmüll, wird kritisiert. Der mache aber nur ein Fünftel des Berliner Abfalls von acht Millionen Tonnen aus, die vor allem aus Bauschutt und Gewerbemüll besteht. Auch die Bezirksämter würden die in Grünanlagen anfallenden Grünabfälle nur kompostieren, anstatt sie durch Vergärung in Energie umzuwandeln.