Migration

Erfolgsmodell: Bald 300 Stadtteilmütter für Berlin

Was lange ein Traum war, scheint in Berlin jetzt wahr zu werden. Stadtteilmütter mit Migrationsgeschichte, die anderen Familien mit Rat und Tat zur Seite stehen, bekommen endlich feste Jobs - nach 15 Jahren Durststrecke.

Sandra Scheeres (SPD), Bildungssenatorin von Berlin.

Sandra Scheeres (SPD), Bildungssenatorin von Berlin.

Foto: dpa

Berlin. Die roten Schals der Kreuzberger Stadtteilmütter sind ein leuchtendes Symbol für ein Erfolgsmodell: Ab 2020 sollen Berlins Stadtteilmütter erstmals feste Jobs mit einem Tarifgehalt bekommen - und deutlich mehr werden. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will die Zahl der Frauen mit ausländischen Wurzeln, die Brücken in Familien, Kitas und Schulen schlagen, bis 2025 auf insgesamt 300 verdoppeln. Damit könne das Angebot auf neue Stadtteile ausgeweitet werden, zum Beispiel auf Marzahn, Spandau und Reinickendorf, sagte Scheeres am Dienstag.

Die Senatorin konkretisierte damit das Landesprogramm, das der Senat in der vergangenen Woche beschlossen hatte. Bis einschließlich 2024 sollen rund 43 Millionen Euro für Stadtteilmütter zur Verfügung stehen. Die Mittel seien im Entwurf für den neuen Haushalt vorgesehen, ergänzte Scheeres.

Stadtteilmütter sind so etwas wie die guten Geister in Kiezen mit einem hohen Migrantenanteil. Nach einer sechsmonatigen Ausbildung knüpfen sie Kontakte zu Familien aus ihrem Herkunftsland oder auch zu Kitas und Schulen. Dann geht es um Erziehungsfragen bis hin zum Fernsehgucken, um Zucker in Getränken, Fast Food oder kreatives Spielen.

"Man macht als Mutter unbewusst viel richtig", sagt Sehnaz Yilmaz, die seit neun Jahren als Stadtteilmutter in Kreuzberg arbeitet. "Aber man kann es auch immer besser machen." Sie habe zum Beispiel gelernt, Kinder auch mal träumen und etwas entdecken zu lassen.

"Ich war eine strenge Mama. Ich wollte alles perfekt machen." Ihre neue Gelassenheit gibt sie heute auf kurdisch und türkisch weiter. Yilmaz kam als junge Frau nach Berlin. Sie weiß, wie es sich anfühlt, plötzlich in einem fremden Land zu leben. Das hilft bei ihrer Arbeit, Vertrauen zu schaffen.

Ein Hauptziel von Stadtteilmüttern ist es, Kindern mit ausländischen Wurzeln bessere Bildungschancen zu eröffnen. Sie machen sich zum Beispiel dafür stark, dass Kinder zum Schulanfang gutes Deutsch und auch die Sprache ihrer Eltern korrekt sprechen - und kein Mischmasch aus beidem. Dafür helfen sie bei der Suche nach einer Kita, geben Freizeit-Tipps und helfen bei Behördengängen. Und es gibt noch eine Besonderheit. Für das, was Stadtteilmütter in Familien sehen oder erleben, gilt Schweigepflicht. Auch das schafft Vertrauen.

Der Job als Stadtteilmutter kann auch ein Sprungbrett für Frauen sein, die sich mit dieser Erfahrung auch ohne Schulabschluss weiterqualifizieren möchten. "Oft geht es in den sozialen Bereich", berichtet Ramona Granson für die Diakoniegemeinschaft Bathania in Mitte. Wer Prüfungen zur Sozial- oder Integrationsassistentin schafft, dem stehen weitere Türen offen. Denn die Prüfung ist dem Mittleren Schulabschluss gleichgestellt. "Wir hatten schon Frauen, die später Erzieherin geworden sind oder studiert haben", ergänzt sie.

Anfangs aber liegen die Hürden nicht hoch: Eine Stadtteilmutter muss Deutsch können und die Sprache ihres Heimatlandes, sie muss offen für Neues sein, Kritik vertragen können, Zeit haben für Weiterbildung, gern unter Leute gehen - und vor allem selbst Kinder haben.

Vor 15 Jahren wurde dieses Prinzip in Neukölln erdacht und seitdem ständig weiterentwickelt. Hunderte Frauen qualifizierten sich seitdem, auch in Kreuzberg und Mitte. Doch verschiedene Fördertöpfe, befristete Stellen, unterschiedliche Bezahlung und das immer wieder drohende Aus für das Modellprojekt erschwerten die Arbeit erheblich. Wissen und gute Mitarbeiterinnen gingen wieder verloren. "Das neue Landesprogramm ist ein Meilenstein. Ein Traum ist wahr geworden", fasst Alix Rehlinger für das Diakoniewerk Simeon nun die Stimmung zusammen.

Zurzeit arbeiten 157 Stadtteilmütter in Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte. Weitaus mehr sind bereits qualifiziert, viele stehen auf Wartelisten für die Ausbildung. Die Organisatoren haben keine Zweifel daran, dass sich genug geeignete Frauen für Scheeres Landesprogramm finden. Ein Exportschlager für andere Kommunen, die um Rat fragen, ist das Stadtteilmutter-Modell schon lange - made in Berlin.