Tiananmen-Platz

Wie das Massaker in Peking DDR-Bürgerrechtler beeinflusste

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Im Juni 1989 kommen 1000 Menschen zu einem Klagegottesdienst für die Opfer in die Samariterkirche in Friedrichshain.

Im Juni 1989 kommen 1000 Menschen zu einem Klagegottesdienst für die Opfer in die Samariterkirche in Friedrichshain.

Foto: picture alliance/Bernd Bohm

Am 3. und 4. Juni 1989 schlug chinesisches Militär gewaltsam Studentenproteste nieder - eine Zäsur für die DDR-Bürgerrechtsbewegung.

„Peking: Schüsse, viele Tote und Verletzte“, so titelt die Berliner Morgenpost am Sonntag, dem 4. Juni 1989. Mindestens 28 Menschen seien bei der blutigen Niederschlagung der Proteste am Platz des Himmlischen Friedens in Peking getötet worden. Später weiß man: Es waren Hunderte Tote und Tausende Verletzte. Auf dem Weg in die Innenstadt, wo die Studenten seit Wochen auf dem Platz des Himmlischen Friedens demonstrieren, haben Soldaten ohne Vorwarnung in die Menge geschossen, die sich ihnen entgegenstellte. Die Bundesregierung verurteilt die Gewaltanwendung und lässt deutsche Studenten und Dozenten in Sicherheit bringen.

Unter ihnen ist auch ein Berliner Wissenschaftler. Wolfgang Florian ist als Laborleiter der Bundesanstalt für Materialforschung 14 Tage auf Dienstreise in China. Am Ende der Reise gerät er unfreiwillig zwischen die Fronten, berichtet er am 7. Juni in der Berliner Morgenpost. Sein Hotel liegt in Fußnähe des Platzes. Am Sonnabend beobachtet Florian zahlreiche Studentengruppen, die auf dem Platz diskutieren. Er sieht, „dass die Bevölkerung den Aktionen spontan zustimmte. Sie machten das Victory-Zeichen und applaudierten“. Den blutigen Angriff des Militärs in der Nacht verpasst der Wissenschaftler, während er im Hotel schläft.

Am nächsten Morgen sieht er Konvois zerschossener Militärfahrzeuge vorbeifahren. Und folgt zu Fuß einer Rauchsäule, die von einem brennenden Militärlastwagen stammt. Dahinter stößt er auf eine Gruppe Studenten, die die Straße blockiert, berichtet er der Zeitung. Sie nehmen ihn mit in die nahe Universität und bitten ihn, fünf Tote zu fotografieren, die in den Räumen aufgebahrt sind. Er soll die Bilder mit nach West-Deutschland nehmen: „Erzählt es im Ausland, was die Regierung mit uns macht.“ Die Berliner Morgenpost veröffentlicht das Bild.

Die Angst, die DDR-Führung könnte ähnlich hart vorgehen

In Ost-Berlin lauten die Schlagzeilen anders. Der Platz des Himmlischen Friedens sei geräumt worden, „weil Konterrevolutionäre den Sturz der sozialistischen Ordnung beabsichtigt“ hätten“, heißt es in der DDR-Sendung „Aktuelle Kamera“. Es sei notwendig geworden, „Ordnung und Sicherheit unter Einsatz bewaffneter Kräfte wieder herzustellen“, so eine Erklärung der Volkskammer der DDR. Egon Krenz, damals Stellvertreter des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, will im September zu den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Volksrepublik China fahren. Umso weniger passen ihm da Anti-China-Proteste im eigenen Land.

Für die Bürgerrechtler jedoch ist das Massaker eine Zäsur. Seit Wochen werden Proteste in der DDR lauter. Vor allem, seit im Mai Fälschungen bei der Volkskammerwahl aufgedeckt worden waren. Die Solidarität mit den Gleichgesinnten in China ist ab nun ein weiteres, wichtiges Thema bei Demonstrationen und Aktionen. Die Befürchtung: Die Führung könnte auch in der DDR ähnlich hart gegen die Proteste vorgehen.

Trotz der Angst wagen Aktivisten und Kirchenmitglieder schon am 4. Juni erste Proteste. Ziel ist die Botschaft der Volksrepublik China an der Heinrich-Mann-Straße im beschaulichen Villenviertel von Pankow. „Um 20.45 Uhr erschienen 2 DDR-Bürger vor der Botschaft, stellten 3 Kerzen auf und entzündeten diese, um damit ihre Sympathie mit den demonstrierenden Studenten in der VR China zu bekunden“, notieren die Spitzel der Stasi-Hauptabteilung XX penibel. Auch sie sind alarmiert. Der Bericht ist über die Stasi-Unterlagenbehörde recherchierbar.

DDR-Führung schaltete auf stur

Die ersten Aktivisten werden „nach Belehrung“ von Sicherheitskräften von der Botschaft zu vertrieben, ebenso sechs weitere am Tag darauf, „darunter ein Kind“, die vor der Botschaft Blumen niederlegen wollen. Am 6. Juni stehen laut Stasi-Bericht drei Theologiestudenten aus Rostock an der Botschaft, die eine Resolution übergeben wollen. Immer mehr solidarisieren sich mit den chinesischen Studenten und den Opfern. Insgesamt notiert die Stasi 44 Festnahmen an der chinesischen Botschaft. Am 8. Juni wagen sich 200 Bürgerrechtler auf die Straße gegen die Wahlmanipulation. Es gibt weitere Festnahmen, der Protest geht weiter. Mehrere Kirchen in Ost-Berlin rufen zu Klagegottesdiensten und anderen Aktionen auf, bei denen über die aktuelle Entwicklung in China informiert wird. Aktivisten organisieren ein „Trommelfeuer für China“. Mit Töpfen, Eimern, Pfeifen und Rasseln soll von den Dächern Berlins für die Solidarität mit der chinesischen Demokratiebewegung getrommelt werden.

Mitte Juni 1989 dämmert der DDR-Führung, dass es schwer werden wird, die Proteste im eigenen Land zum Schweigen zu bringen. Stasi-Chef Erich Mielke spricht in einem Bericht vom 13. Juni von einer „erheblichen Zunahme provokatorisch-demonstrativer Handlungen“ und weist seine Einheiten an, jeglichen Protest zu verhindern. Erstmals erwähnt er auch die Entwicklungen in China, der Sowjetunion, Polen und Ungarn, wo die Demokratiebewegungen stärker werden. Die Ereignisse in den sozialistischen Bruderstaaten, so konstatiert Mielke, wirkten „inspirierend und stimulierend“ auf die Proteste in der DDR. Während die DDR-Führung auf stur schaltet, wird im Juni in Bonn Michail Gorbatschow, der sowjetische Staatschef mit lauten „Gorbi, Gorbi!“-Rufen gefeiert.