ZDF-Doku über Neukölln

„Die Jungs sind die Soldaten ihrer Familien“

Ein ZDF-Team begleitete ein halbes Jahr lang Sozialarbeiterin Songül C. in Neukölln und erhielt seltene Einblicke in die Clan-Szene.

Ein Großaufgebot der Polizei schützte die Veranstaltung auf dem Neuen 12-Apostel-Friedhof in Neukölln.

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Berlin. Unmittelbar neben der Stelle, an der der Intensivtäter Nidal R. im vergangen Jahr am Rande des Tempelhofer Feldes erschossen wurde, liegt der Jugendclub „Yo!22“. Viele der Jugendlichen dort kannten Nidal R. – und identifizierten sich mit ihm.

Hier arbeitet seit zehn Jahren Songül C. Ein Filmteam um Güner Yasemin Balci hat die Sozialarbeiterin für die ZDF-Reihe 37 Grad ein halbes Jahr lang begleitet. Am Dienstag um 22.15 Uhr wird der Film im Fernsehen ausgestrahlt.

Songül C. berichtet darin von ihrer Arbeit und den Schwierigkeiten dabei. Viele der Jugendlichen, mit denen sie zu tun hat, tragen die Namen großer Familien. Songül C. war selbst schon Drohungen ausgesetzt – etwa als sie in dem Jugendclub zwei verfeindeten Gruppen trennte und eine, um die Lage zu beruhigen, vor die Tür setzte. Danach wurde ihr Auto demoliert. Außerdem prangte auf dem Fahrzeug der Schriftzug „Hure“.

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Clans in Neukölln: „Die Jungs sind die Soldaten ihrer Familien“

Trotzdem ließ sich Songül C. nicht einschüchtern und machte weiter. In vielen jungen Männern sieht die Sozialarbeiterin Opfer großfamiliärer patriarchalischer Sitten. Die Gangsterromantik, wie sie in Serien wie „4Blocks“ transportiert wird, hat ihre Schattenseiten. „Die Jungs sind überhaupt nicht frei“, sagt Songül C. Die jungen Männer müssen die Familie ernähren und müssen auf ihre Schwestern aufpassen. „Die Jungs sind die Soldaten ihrer Familien“, heißt es in dem Film.

Songül C. will diesen Kreislauf durchbrechen. Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU), der in der Dokumentation auch vorkommt, unterstützt sie, sagt aber, dass es schwer, ist mit der dicken S-Klasse und der Rolex der Kriminellen zu konkurrieren.

Hamoudi will Neukölln verlassen, wenn er einmal Kinder hat

Der Hauptprotagonist des Filmes ist Hamoudi aus Neukölln. Der junge Mann ist in Berlin geboren und aufgewachsen und trotzdem nur geduldet. Jedes Jahr muss er zur Ausländerbehörde. „Ich hoffe, dieses Mal bekomme ich mehr als ein Jahr“, sagt Hamoudi, der vorbestraft ist und durch das Tanzprojekt von Songül C. die Kurve bekommen hat. Mittlerweile unterrichtet er andere Kinder. Er will sauber bleiben, sagt aber auch, dass er Neukölln verlassen wird, wenn er selbst einmal Kinder hat.

Es sind intime und ehrliche Momente wie diese, die den Film besonders machen. Ehrlich ist auch das Ende, als Songül C. sagt, dass sie gedacht hätte, mehr Jugendliche mit ihrer Arbeit zu retten. In zehn Jahren war es einer: Hamoudi.

37 Grad: Im Schatten der Clans - Eine Frage der Ehre, ZDF, Dienstag, 4. Juni 2019, 22.15 Uhr. Hier gibt es den Trailer zur Clan-Dokumentation.