Kriminalität

Vermisste Berliner: Auf den Spuren der Wahrsager

Rebecca ist seit drei Monaten verschwunden. Der Tatverdacht gegen den Schwager ließ sich nicht erhärten. Die Ermittler sind ratlos.

Der Mann wurde zum zweiten Mal aus der Untersuchungshaft entlassen. Das teilte die Staatsanwaltschaft Berlin mit.

Beschreibung anzeigen

Berlin. Der Mann ahnte offenbar, dass sein Hinweis belächelt und als abwegig abgetan werden könnte. Und so mühte er sich, einige Dinge klarzustellen. Er sei kein „esoterischer Spinner“, schrieb er gleich am Anfang seiner E-Mail, und er komme aus „bürgerlichen Verhältnissen“. Sein Großonkel sei Rudolf Augstein, der verstorbene Herausgeber des „Spiegel“, ein guter Freund seines Vaters habe Helmut Kohl beraten. Nicht zu vergessen seine Cousine: Sie sei Richterin und leite das Amtsgericht in Rheinbach bei Bonn.

Die Dienste von „Sehern“, so führte der Mann weiter aus, gehörten in Deutschland – anders als in angelsächsischen oder osteuropäischen Ländern – nicht zum „Standardrepertoire kriminalpolizeilicher Ermittlungsarbeit“, das sei ihm bewusst. Wenn herkömmliche Methoden ausgereizt seien, könnten unkonventionelle Wege aber doch sinnvoll sein.

Grafik vergrößern

Dann schrieb der Mann über seinen „übersinnlichen Hinweis“ – und übermittelte GPS-Koordinaten, die zu einer Stelle am Petersdorfer See, rund 20 Kilometer westlich von Frankfurt an der Oder, führen. Er würde „freundlich bitten, das Areal mit einem versierten Leichenspürhund zu verifizieren“.

Die Adressaten der E-Mail, darunter Polizeipräsidentin Barbara Slowik und Generalstaatsanwältin Margarete Koppers, dürften die E-Mail mit Kopfschütteln quittiert haben. Vielleicht wurden sie aber auch nachdenklich. Denn zumindest mit seinem Hinweis, dass die „herkömmlichen Methoden“ im Fall der verschwundenen Rebecca Reusch offenbar ausgereizt seien, traf der selbst ernannte Wahrsager einen Punkt.

Fall Rebecca Reusch: Alle aktuellen Entwicklungen im News-Blog

Fall Rebecca Reusch: Die Ermittler sind ratlos

Denn wie es im Fall Rebecca weiter gehen soll, wissen die Ermittler der 3. Mordkommission des Landeskriminalamtes tatsächlich nicht. Drei Monate ist es nun her, dass das 15-jährige Mädchen verschwunden ist. Die Polizei hat seitdem Wälder und Seen abgesucht, DNA-Spuren abgeglichen und Handy-Daten ausgewertet, Zeugen befragt und Fahndungsaufrufe an die Bevölkerung veröffentlicht.

Doch in der Hand haben die Ermittler nichts. Zumindest nichts, womit sie den Fall beweissicher aufklären könnten. Sie haben Indizien, aber keine Beweise. Sie haben einen Tatverdächtigen, werden ihm aber womöglich nie eine Straftat nachweisen können. Sie haben die plausible Vermutung, dass Rebecca getötet wurde – aber keine Leiche.

Im Fokus der Beamten steht noch immer der Schwager des verschwundenen Mädchens: der 27 Jahre alte Florian R.. „Wir sind uns sicher, den Richtigen zu haben“ – das war die Botschaft, die aus Polizeikreisen zu hören war, nachdem der gelernte Koch am 5. März dieses Jahres in Untersuchungshaft kam. Eine Anklage und ein Gerichtsverfahren, eine Verurteilung und eine Haftstrafe: All das schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Hintergrund: Wie der Fall Rebecca Reusch zu einer bizarren Reality-Show wurde

Doch ein Ermittlungsrichter hob den Haftbefehl nach nur zwei Wochen wieder auf. Florian R. ist seitdem wieder auf freiem Fuß – und die Staatsanwaltschaft musste einräumen, dass der Mann, den sie schon mit einem Bein auf der Anklagebank sahen, zwar weiterhin als Beschuldiger gilt. Als „dringend“ könne man den Tatverdacht indes nicht mehr bezeichnen.

Fall Rebecca sorgt für großes Interesse bei den Medien

Berlin ist eine Großstadt, und es gibt auch andere Menschen, die hier spurlos verschwunden und wahrscheinlich Opfer eines Verbrechens wurden, ohne dass eine Leiche gefunden wurde. Für Efim Letouchi, damals 47 Jahre alt, verschwunden 1993, nachdem er in sein Büro fahren wollte, interessierten sich aber nur wenige. Auch Alfred Schulz, 72, der in Buckow nur etwas aus seinem Auto holen wollte und nie wieder kam, war den Medien kaum Schlagzeilen wert.

Für Rebecca Reusch interessierten sich dagegen Medien aus aller Welt. Das könnte an dem Foto liegen, das die Polizei in Absprache mit der Familie zur Fahndung herausgab. Nachbearbeitet per Computerprogramm zeigt es den Teenager mit Schmollmund und Lolita-Blick.

Das Interesse könnte auch daran liegen, dass der von der Polizei vermutete Tatablauf anmutet, als wäre er nicht von der oft banalen Wirklichkeit, sondern einem Drehbuchautor geschrieben: Eine 15-Jährige übernachtet bei ihrer Schwester, deren Ehemann kommt angeheitert von einer Party zurück und am nächsten Morgen, die Schwester hat das Haus schon verlassen, überkommt ihn die Lust oder was auch immer – vielleicht ist es ja alles auch nur ein tragischer Unfall, das Mädchen jedenfalls ist tot – und er hievt die Leiche in den Kleinwagen der Familie und verscharrt sie im Wald oder lässt sie in einem tiefen See verschwinden. Im deutschen Fernsehen hat man selbst zur Prime-Time schon langweiligere Krimis gesehen.

Lesen Sie auch: Entführte Sechsjährige aus Potsdam konnte sich befreien - Verdächtiger schweigt

Rebecca war wohl mit ihrem Schwager zu Hause

Dann die Ermittlungsarbeit: Häkchen an den Whats-App-Nachrichten des Mädchens, aus denen man schließen kann, dass Rebecca vor ihrem Verschwinden vermutlich allein mit dem Schwager zu Hause war. Das Erfassungssystem für Auto-Kennzeichen, durch die die Ermittler wissen, dass der Kleinwagen der Familie nach dem vermuteten Mord auf einer Autobahn in Brandenburg unterwegs war. War im Kofferraum Rebeccas Leiche? All das ist spannend – und all das konnten alle, die dann und wann gern mal eine „Reality“-Show sehen, im Fall der verschwundenen Rebecca in Echtzeit nachvollziehen.

Öffentlichkeit ist gut, so sagen Ermittler, denn nur wenn die Medien berichte, erhalte man Hinweise aus der Bevölkerung. Was aber, wenn die Hinweise nichts bringen und sich irgendwann nur noch „Wünschelrutengänger“ melden? In den Fluren der Staatsanwaltschaft im Gebäude des Kriminalgerichts in Moabit oder in den Besprechungsräumen der 3. Mordkommission des Landeskriminalamtes an der Keithstraße in Schöneberg ist die anfängliche Hoffnung, den medienträchtigen Fall nach der Verhaftung des Schwagers schnell zu einem Abschluss bringen zu können, jedenfalls längst der Resignation gewichen.

Die erfolglosen Suchen der vergangenen Monate sind den Mordermittlern noch gut im Gedächtnis. Sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn man eine ganze Autobahn sperrt und kilometerlang mit Spürhunden abläuft, nur in der Hoffnung, einen neuen Hinweis auf Rebecca zu finden. Und sie wissen, wie groß die Hoffnung werden kann, wenn diese Hunde, die Leichen bis zu 100 Meter Tiefe erschnüffeln können, an einem See anschlagen und plötzlich Hoffnung aufkeimt, das Rätsel um Rebecca zu lösen.

Ermittler setzen Tat wie ein Mosaik zusammen

Mehrere Tage suchten Mordermittler Mitte März am Wolziger See (Landkreis Oder-Spree). Es war der Moment, in dem viele glaubten, dass der Fall doch noch geklärt werden kann. Weil die Hunde damals auf dem See anschlugen, setzte die Polizei alles in Bewegung. Dort, wo der Storkower Kanal sich in den Wolziger See windet, bauten die Ermittler ihr Basislager auf. Immer, wenn das Echolot auf eine verdächtige Stelle auf dem Grund hinwies, gingen die Taucher ins Wasser. Immer und immer wieder. Denn es passte doch alles zusammen. Auch ein Zeuge meinte, den Schwager in der Gegend gesehen zu haben. Doch auch in diesem Fall zerschlugen sich die Hoffnungen. Die Suche wurde eingestellt.

Nicht nur die Mordermittler der Berliner Polizei klammerten sich an jeden Hinweis. Auch Freunde von Rebecca gingen jedem noch so kleinen Verdacht nach.

Wie klein die Hinweise sein können, zeigte eine Suche Ende März in Hennigsdorf. Justin G., 18 Jahre alt und ein Schulfreund von Rebecca, hatte öffentlich dazu aufgerufen, ein Waldstück zu durchkämmen. Ein weiterer junger Mann war dem Aufruf gefolgt, später schlossen sich noch Passanten an. Als beide, umringt von Fernsehkameras, am S-Bahnhof Hennigsdorf standen, und als Justin G. gefragt wurde, warum er Rebecca hier auf einem Waldfriedhof suche, sagte er, dass hier zuletzt Leute gesehen wurden, die sonst nie hier seien. Woher der Hinweis kam? Unbekannte hatten Rebeccas Schwester Vivien auf Instagram eine Nachricht geschrieben. Auch diese Suche blieb erfolglos.

Genau wie mehrere Suchen in Neukölln, die über Social-Media organisiert wurden. Auf Facebook hieß es dann: „Lasst die Familie in Ihren schlimmsten Stunden nicht alleine, niemand darf in diesen Stunden alleine sein“ – und auf Twitter schlicht #findbecci. Die Spur, der bis zu 70 Leute nachgingen: Rebeccas Familie vermutete, dass Rebecca in einem leeren Keller oder in einer Gartenanlage gefangen gehalten wird. Auch diese Aktionen brachten keine neuen Erkenntnisse.

Dabei waren die Voraussetzungen, den wohl spektakulärsten Vermisstenfall der vergangenen Jahrzehnte schnell aufzuklären, eigentlich recht gut. Bei Fällen wie dem von Burak Bektas, dem 2012 in Neukölln erschossenen Berliner, dessen Ermordung bis zum heutigen Tag nicht aufgeklärt werden konnte, gebe es kaum Ermittlungsansätze. Der Täter soll ein zufällig vorbeigekommener Passant gewesen sein, die Ermittler hätten bei einem solcher Tätertyp schlechte Karten. Im Fall Rebecca handele es sich aber „mutmaßlich um eine Tat im Familienkreis“. Es sei also recht klar, wen die Ermittler als Zeugen befragen und wessen DNA sie mit Spuren am Tatort abgleichen müssten.

„Aber in dem konkreten Fall ist es trotzdem schwierig weiterzukommen“, sagt der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Die Erfahrung zeige zudem, dass sich der erste Ermittlungsansatz meistens bewahrheite. „Manchmal geht es schneller, manchmal dauert es länger. Aber im Ergebnis werden die meisten Tötungsdelikte irgendwann aufgeklärt“, sagt Steltner.

Welche Spuren sind heute noch brauchbar?

Fragt sich nur, welche Spuren die Mordermittler mehr als drei Monate nach Rebeccas Verschwinden noch zum Erfolg bringen könnten. Wer bei der Polizei nachfragt, erfährt dazu nicht viel. Nur, dass inzwischen 2300 Hinweise eingegangen seien und dass die Abarbeitung noch andauere. Weil die schiere Masse die Kapazitäten der 3. Mordkommission übersteige, werde sie von der 5. Mordkommission unterstützt. Die strukturierten Suchen nach Rebecca seien im April vorläufig abgeschlossen worden. Diese würden beim Eingang neuer erfolgversprechender Ermittlungsanhalte aber umgehend wieder aufgenommen, hieß es.

Doch danach sieht es im Moment nichts aus. Denn auch innerhalb der Polizei gerät die Gewissheit, dass Rebecca tot sei, immer mehr ins Wanken. Inzwischen gibt es auch in der Behörde Stimmen, die immer lauter fragen: Was ist, wenn alles anders war und Rebecca doch nur ausgerissen ist? Oder was ist, wenn nicht der Schwager, sondern doch jemand anderes Rebecca getötet hat?

Wie verzweifelt die Lage der Mordermittler ist, zeigt, dass sie mittlerweile bei Kategorie drei angekommen sind. In dieser Kategorie liegen Hinweise von Wahrsagern, Wünschelrutenträgern und Menschen, die mit Toten sprechen können. Der Mann, der der Polizei mit Verweis auf einen „übersinnlichen Hinweis“ GPS-Daten zu einem Waldstück am Petersdorfer See übermittelte, könnte von der Polizei also schon bald die erhoffte Rückmeldung erhalten. Ist der Fall dann geklärt? Nicht unbedingt. Auch er habe mit seinen Prognosen und Hinweisen schließlich „schon ordentlich daneben gelegen“, schreibt der „Seher“. Fehler zu machen, sei ja nur menschlich.