Formel E

Warum der Geox-Chef auf Elektroautos setzt

Mit seinem Formula-E-Rennteam war der Chef der Schuh-Firma Geox Mario Polegato in Berlin. Er will mehr Klimaschutz und mehr Europa.

„Die Formula E ist die Zukunft“: Mario Moretti Polegato mit dem Elektro-Flitzer seines Teams

„Die Formula E ist die Zukunft“: Mario Moretti Polegato mit dem Elektro-Flitzer seines Teams

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Auf den Bürgersteigen Berlins leisten die Schuhe von Mario Moretti Polegato vielen Menschen gute Dienste. Der Italiener aus der Region Veneto in der Nähe von Venedig, eine der reichsten Regionen Europas und Sitz vieler Familienunternehmen, stammt aus einer alten Weinbauern- und Unternehmerfamilie. Seit 1995 hat der 66-Jährige mit seiner Firma Geox ein Weltunternehmen mit mehr als 1000 eigenen Läden und mehr als 5000 Mitarbeitern aufgebaut. Die atmende Sohle der Schuhe hat Polegato selbst entwickelt, Patente schützen diese Innovation. Forbes hat den Geox-Chef unter den 13 reichsten Personen in Italien gelistet, sein Vermögen wird auf mehr als zwei Milliarden Euro geschätzt. Jetzt war Polegato in Berlin, um sein Team bei der Elektro-Autorennserie Formula E auf dem Flughafen Tempelhof zu unterstützen. Gelegenheit für ein Gespräch in der Boxengasse über Unternehmertum, Schuhe, Italien und Europa.

Berliner Morgenpost: Signore Polegato, ihre Familie besitzt bei Treviso ein großes Weingut, die Villa Sandi. Sie haben zunächst Önologie gelernt, die Lehre vom Weinbau. Wie sind sie ins Schuh-Business gekommen?

Mario Moretti Polegato Ich habe mich tatsächlich zunächst mit der Landwirtschaft beschäftigt. Wir haben ja auch wirklich ein schönes Haus dort, aus dem Jahr 1622. (Zieht eine Postkarte heraus, darauf die Villa Sandi mit Säulen im Stil von Palladio). Weinbau ist bei uns Familientradition. Wir produzieren sehr viel Prosecco sind sind dabei stark im Export.

Aber sie sind jetzt raus aus dem Weingeschäft?

Ja. Mitte der 90er-Jahre schickte mich mein Vater zu einer Weinmesse nach Reno, Nevada. Dort war ich dann joggen, es war sehr heiß, meine Füße brannten in den Sneakers. Da habe ich mit meinem Taschenmesser Löcher in die Gummisohle gestochen. Das hat geholfen.

Aber nicht jeder hätte aus dieser individuellen Lösung eine Geschäftsidee gemacht. Liegt bei Ihnen das Unternehmertum in den Genen?

Ich habe länger über meine Idee nachgedacht und sie dann in der Werkstatt eines befreundeten Schuhfabrikanten weiter entwickelt. Ich dachte, wenn mir das hilft, hilft es anderen auch. Immerhin werden heute 95 Prozent aller Schuhe mit Gummisohlen verkauft. Das bringt hygienische Probleme mit sich.

Als Laie würde man ja denken, Schuhe seien technologisch ausgereift und es gehe eigentlich nur um Design und Marketing.

Natürlich mussten wir einen Weg finden, wie kein Wasser mehr durch die Löcher eintreten kann. So haben wir eine spezielle Membran entwickelt, die zwar Dampf durchlässt, aber Wassertropfen eben nicht. Diese speziellen Sohlen haben wir dann kombiniert mit italienischem Design. Jeder mag gern italienische Schuhe.

Ist Ihre Erfindung jetzt ausgereizt?

Wir legen großen Wert darauf, unsere Technologie voranzutreiben. Im Moment entwickeln wir speziell für die Formula E besonders atmungsaktive Schuhe für die Fahrer. Viele Leute kennen ja Geox wegen der Löcher in den Sohlen. Jetzt haben wir ein Netz entwickelt, das in die Sohle eingearbeitet wird. Damit geht es ihm besser, weil während des Rennens ja sehr viel Hitze entwickelt wird. Dann entwickeln wir etwas neues für Ledersohlen. Nur fünf Prozent der Schuhe werden überhaupt noch mit Ledersohlen verkauft, der Markt ist also begrenzt. Aber das sind eben auch wichtige Leute, die Ledersohlen tragen. Ledersohlen atmen auch, sind aber nicht wasserdicht. Wir haben jetzt eine Membran in die Sohle eingearbeitet, so dass das Leder jetzt atmungsaktiv und wasserdicht ist. Und wir arbeiten an atmungsaktiver Kleidung. Wir tun eine Menge, investieren zwei Prozent unseres Umsatzes in Forschung und Entwicklung.

Sie designen und forschen in Italien. Wo produzieren Sie Ihre Schuhe?

Design und Technologie sind italienisch. Die Verarbeitung ist ausgelagert an verschiedene Partnerunternehmen. Die sitzen in Italien, in Osteuropa, im fernen Osten. Aus zwei Gründen: Unsere Produktion ist zu groß, um sie an einem Ort zu konzentrieren. Und wird produzieren in der Nähe der Läden. Aber die Qualitätskontrolle ist garantiert, weil das Leder aus Italien kommt, die Technologie und auch die Sohlen.

Sie haben viele eigene Läden. Aber Sie verkaufen auch über das Internet. Gibt es eine Zukunft für den stationären Handel?

Wir folgen den Markttendenzen. E-Commerce ist wichtig geworden für unser Geschäft. Wir verkaufen etwa 20 Prozent über das Internet und der Anteil nimmt jedes Jahr zu. Aber wir wollen auch die Läden behalten. Dort können wir die Kunden besser informieren und beraten.

Verstehen Sie Leute, die Schuhe übers Internet bestellen und sie dann zurückschicken, wenn sie nicht passen?

Es ist eben ein Markt. (lacht)

Sie haben zwei Läden in unserer Region, einen im Stadtzentrum, einen im Designer Outlet-Center Wustermark in Brandenburg. Haben Sie Pläne, Ihre Präsenz auszubauen?

Ja, wir wollen mehr machen und zwei oder drei weitere Läden eröffnen. Obwohl wir die Region schon ganz gut abdecken, weil wir in vielen Schuhgeschäften vertreten sind.

Italien hat ja eine große Motorsporttradition. Sie sind in der Elektro-Auto-Rennserie Formula E mit einem eigenen Team vertreten. Warum machen Sie das?

Formula E steht für die Zukunft. Die Energiekosten für Elektroautos sind einfach viel günstiger als bei Benzinern. Ich fahre ein Elektroauto. Tesla. 200 Kilometer von Mailand nach Venedig. Am Ende hat die Energie dafür 1,20 Euro gekostet. In einem herkömmlichen Mercedes kostet das Benzin dafür 60 Euro. Dieses Verhältnis wird auf die Dauer das Leben verändern. Und der zweite wichtige Grund ist das Klima. Jeden Freitag demonstrieren die jungen Leute in ganz Europa für Klimaschutz. Elektroautos sind ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz.

Es geht Ihnen also um Ökologie bei ihrem Engagement?

Na klar. Stellen Sie sich ein Berlin in der Zukunft vor, wo jede Maschine elektrisch läuft. Sie haben viel weniger Schadstoffe am Ort und viel weniger Kohlendioxid in der Atmosphäre. Berlin wäre fast wie ein Wald. Vielleicht ist es noch ein bisschen früh. Aber die junge Generation verlangt genau das.

Hilft denn wirklich so eine Rennserie dabei, Technologie für den Alltag zu entwickeln?

Der Wettbewerb ist ein Test für neue Techniken, nah klar. Bisher ist die Technologie lange nicht perfekt. Die Ladegeräte für die Batterien und so weiter. Aber es ist unmöglich, diese Evolution zu stoppen. Für uns bieten die Erfahrungen aus den Rennen tatsächlich die Möglichkeit, unsere Produkte zu verbessern. Für uns als Geox geht es dabei natürlich mehr um die Kleidung und Schuhe für die Fahrer als um die Technik des Autos.

Wir haben ja heute die Europawahlen. Wie wichtig ist Europa für ihr Geschäft?

Es geht um viel mehr als das Geschäft. Es geht um die ganze Welt. Wir haben auf der einen Seite Amerika, auf der anderen Seite China. Amerika neigt gerade zum Protektionismus, sie wollen ihren Markt abschotten. China baut ein Imperium auf, investiert in Afrika, auch in Italien haben sie Infrastruktur wie Häfen gekauft. In der Mitte steht Europa. Wir brauchen ein starkes Europa, um diese beiden Seiten auszubalancieren. Amerika und China respektieren manchmal das internationale Recht nicht. Sie haben die Balance gefährdet.

Aber in Europa steht es doch auch nicht zum Besten.

Ja, wir haben Brexit. Aber ich habe die Hoffnung, dass diese Wahlen die Chance bieten, Europa zu stärken. Wir brauchen Europa. Italien hat große Probleme mit der Migration von Menschen aus Afrika. Deshalb brauchen wir ein starkes Europa, um die Dinge auf diesem Kontinent zum Besseren zu organisieren. Nur dann werden die Menschen auch dort bleiben wollen.

In Europa machen sich viele Leute sorgen, Italien könnte noch tiefer in die Krise stürzen und Europa mitreißen.

Leider ist Italien derzeit nicht darauf fokussiert, seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu lösen. Stattdessen geht es immer nur jeden Tag um die Probleme mit der Immigration, um die Integration der Immigranten in die lokale Bevölkerung. Da wird es uns auch wenig helfen, wenn wir die Häfen dicht machen. Die Leute kommen trotzdem. Und über diese Situation versäumen unser Parlament und unsere Regierung, sich um die Wirtschaft und den Finanzsektor zu kümmern und zu investieren.

Von Deutschland aus gesehen wundern wir uns oft über Italien. Die stecken seit Jahrzehnten in einer Wirtschaftskrise und die meisten Menschen leben trotzdem ziemlich gut.

Jedes Land Europas ist einzigartig. Aber zusammen bilden wir Europa. Wir brauchen eine europäische Verfassung. Später brauchen wir einen europäischen Präsidenten, der von allen Bürgern gewählt wird. So wie in den USA.

Aber in Ihrer Region, im Norden von Italien, stehen die Menschen Europa sehr skeptisch gegenüber, dort ist die Lega Nord stark. Sie sind offenbar anderer Ansicht.

Ich bin Unternehmer, bin Mitglied im Weltwirtschaftsforum in Davos und im Aspen Institute. Da diskutieren wir oft über diese Situation. Wie gesagt: In Italien reden wir ganz viel über die schwarzen Einwanderer und ihre Integration. Und nicht über die Wirtschaftslage, wie wir sollten. Aber das ist in anderen Staaten nicht anders. Deutschland redet ja auch wenig über China. Obwohl sie es sollten. Was passiert denn, wenn China die Importe aus Deutschland einschränkt?

Kopieren die Chinesen Geox-Schuhe?

China hat die internationalen Handelsabkommen unterschrieben und sich verpflichtet, geistiges Eigentum zu schützen. Bisher kopiert niemand unsere Schuhe. Aber wir würden natürlich unsere Rechte verteidigen, wenn es jemand täte.