Meinung

Die Welt verbessern wie Klimaaktivisten? Pro und Contra

Sollen wir unter anderem Kartoffeln anbauen, um die Welt zu retten? Zwei Köpfe, zwei Meinungen.

Uta Keseling und Julius Betschka

Uta Keseling und Julius Betschka

Foto: BM/ Reto Klar

Pro:

Ein bisschen Weltverbesserung schadet nicht

Als wir vor fast 20 Jahren unseren verwilderten Garten übernahmen, riet uns der Nachbar, ein alter Mann: „Alles rausreißen und Kartoffeln setzen!“ Kartoffeln verbessern die Erde, meinte er. Es klang wie: Kartoffeln verbessern die Welt – also genau das, was wir wollten.

Anfangs betrieben wir den Gartenbau wie eine Kriegsführung mit ökologischen Motiven. Klar, es sollte kein Gift in die Beete. Also starteten wir Feldzüge gegen Kartoffelkäfer und Nacktschnecken, indem wir sie mit der Hand einsammelten (ekelhaft). Wir googelten chemische Biokeulen (sinnlos), setzten allerlei Kräutertinkturen an. Wir versuchten es mit neuen, resistenten Züchtungen und mit alten Sorten. Die hatten den Vorteil, dass man sie mit dem Anbau neben der Ernste auch vor dem Aussterben auf unserem Planeten rettete, schmeckten allerdings teilweise sehr seltsam.

Im Garten habe ich verstanden, was Wichtigste ist, um die Welt zu retten

Dann geschah etwas. Ich bemerkte es zuerst im Supermarkt, wo ich ohne nachzudenken Dinge liegen ließ, die ich früher bedenkenlos gekauft hätte. Erdbeeren im Winter, Äpfel und Weintrauben im Frühjahr. „Bio“-Gemüse, das sich nur durch den Preis von der herkömmlichen Ware unterscheidet. Stattdessen nahm ich neulich einen Sack vergammelter „Linda“-Kartoffeln bei Edeka mit: Sie hatten schon so schön ausgekeimt, dass man sie gleich ins Beet setzen konnte.

Wenn es heute um Naturschutz geht, wundere ich mich manchmal, wie viel davon mir längst selbstverständlich ist. Plastikverpackungen zum Beispiel: Es muss doch jedem, der je den Müll runtergetragen hat, aufgefallen sein, wie groß unser persönlicher Plastikberg mittlerweile ist. In unserem Beeten kann man beobachten, was aus Plastik über die Jahre in der Natur wird: Es zerlegt sich in immer winzigere Krümel, bis wir sie mutmaßlich mitessen. Eingewachsen in Kartoffeln oder auch Möhren. Und wer einmal selbst einen Garten gegossen hat ahnt, was es kostet, in heißen Gegenden wie Südeuropa das köstliche Beerenobst für uns Nordeuropäer anzubauen, das es neuerdings im Supermarkt gibt.

Um ehrlich zu sein: Ich kaufe trotzdem Plastikverpackungen, wenn es nicht anders geht. Ich fahre Auto – unser Dorf hat keinen ÖPNV. Aber im Garten habe ich verstanden, was Wichtigste ist, um die Welt zu retten: Wir müssen zuerst selbst verstehen, jeder einzelne, wie und womit wir sie gerade zerstören.


Contra:

Zurück aus der Zukunft

Versuchen wir es mit einem Gedankenspiel: Statt Obst und Gemüse im Supermark zu kaufen, ernten Sie nur noch im eigenen Beet. Fleisch gibt es nur an Festtagen. In den Urlaub fahren Sie, wenn überhaupt, nach Brandenburg und zwar mit dem Fahrrad. Fliegen wäre verboten. Die weite Welt sähen Sie nur noch im Fernseher – falls Sie noch einen besitzen.

Was scheint, wie ein Blick in die Vergangenheit, ist aber in etwa das, wie sich einige Klimaaktivisten die Zukunft vorstellen. Sie gleicht einer Reise in eine Zeit, als die Welt noch riesig schien und der Mensch ihr Untertan. Weltbürger würden so wieder zu Kleinbürgern. Wir kämen zurück aus der Zukunft. Warum? Weil wir das Klima schonen und so wenig CO2 wie möglich ausstoßen sollen.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Wir müssen unser Leben radikal ändern. In 15 Jahren muss die CO2-Bilanz gegen Null tendieren, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Erhitzt sich der Planet weiter, wird die Umwelt für den Menschen immer lebensfeindlicher. Die Ziele der Klimaschützer sind richtig.

Wir werden dieses radikal neue Leben aber nicht mit Verzicht erreichen. Verzicht ist ein Eliten-Projekt, Askese muss man sich leisten können. Wer erzählt der Großfamilie, die sich ihren ersten Urlaub in der Ägypten leisten kann, dass das „leider“ nicht mehr geht? Mit welcher Zeit pflegen wir nach der Arbeit noch das Kartoffelbeet?

Unter Anstrengungen haben Berliner Familien in einem Pilot-Projekt, nicht einmal zehn Prozent ihrer CO2-Emissionen vermieden. Dabei war Fliegen 2014 weltweit für nur zwei Prozent des schädlichen Klimagases verantwortlich. Statt einer Kultur des Verzichts, braucht es eine des Taten- und Forschungsdranges. Dafür muss die Politik die Rahmenbedingungen setzen. Darin hat sie lange versagt. Roboter-Schiffe, die klimaneutral Strom aus Wasserkraft erzeugen. Solarkraftwerke im Weltraum oder auf dem Hausdach. Warum wird immer noch Kohlestrom produziert? Die grüne Zukunft wird menschgemacht, mit moderner Technik. Es hilft nichts, sich im Kartoffelbeet zu verstecken.