Klimawandel

Wie eine Berliner Familie versuchte, klimaneutral zu leben

Ein Jahr lang beteiligte sich eine Familie am Versuch „Klimaneutral leben in Berlin“ und versuchte, weniger CO2 zu produzieren.

(v.l.) Mira, Karin Beese, Nika und Hannah ziehen im Garten ihr eigenes Gemüse und Salat. Auch damit wollen sie CO2 einsparen.

(v.l.) Mira, Karin Beese, Nika und Hannah ziehen im Garten ihr eigenes Gemüse und Salat. Auch damit wollen sie CO2 einsparen.

Foto: Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  In Büscheln schauen Radieschenblätter aus der dunklen Erde. Der Ruccola ist noch so winzig, dass man genau hingucken muss. Für Karin Beese und ihre Töchter Nika, Hannah und Mira aber sind die Pflänzchen etwas Tolles. Schon deshalb, weil es ihren Gemüseanbau erst seit dem vergangen Jahr gibt.

Die Gärtnerei war ein Projekt von vielen, Teil eines ihr ganzes Leben durchdringenden Versuchs, umweltbewusst zu leben. Nicht nur ein bisschen, nicht nur vorübergehend, sondern wirklich und ein ganzes Jahr lang.

Das Jahr ist rum, der Gemüseanbau ist geblieben. Wie vieles, an das die Familie sich erst hatte gewöhnen müssen, das aber jetzt zu ihrem Alltag gehört. 2018 beteiligten die Neuköllner sich am Feldversuch „Klimaneutral leben in Berlin“ (Klib), initiiert vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (Pik).

Das Ziel: 40 Prozent unter dem Bundesschnitt

Mehr als 100 Berliner Haushalte wollten entsprechend dem Konzept des Pik ihren CO2-Fußabdruck – also die Emission klimaschädlichen Kohlendioxids – reduzieren. Zusammen sollten sie in dem Jahr 40 Prozent unter dem Durchschnitt der Bundesbürger bleiben. Geklappt hat das nicht ganz: Die Klib-Haushalte emittierten im Versuchsjahr durchschnittlich 7,8 Tonnen CO2 pro Kopf, 35 Prozent weniger als jene elf Tonnen, die jeder Bundesbürger durchschnittlich produziert.

Dafür hatten die gut 100 Wohngemeinschaften, Familien und Singles, darunter ohnehin schon klimaaffine Verbraucher ebenso wie ehemalige Klimasünder, ihren gemeinsamen CO2-Fußabdruck um insgesamt etwa zehn Prozent reduziert.

Karin Beeses fünfköpfige Familie war noch ehrgeiziger als das vom Pik vorgegebene Ziel. Nicht mehr als fünf Tonnen CO2 pro Kopf wollten sie in den zwölf Monaten verantworten. „Vorher lagen wir bei 6,8 Tonnen“, sagt Beese. Deutlich unter dem Durchschnittswert, ohnehin.

Aller Konsum wurde in CO2-Werte umgerechnet

Um diesen Wert noch weiter zu senken, musste alles, was ihr Leben ausmachte, auf den Prüfstand. Mit einem vom Potsdamer Institut entwickelten Klimarechner ließen sich, etwas vereinfacht, jede Woche Konsum und Aktivitäten in CO2-Werte umrechnen.

Weil Beeses Familie 2018 sowieso in einen klimatechnisch modernen Neubau gezogen war, war ein im Allgemeinen erhebliches Einsparpotenzial – umweltrelevante Sanierungen am Haus – bereits erschöpft. Das Auto behielten sie, benutzt wurde es aber so selten wie möglich.

Ehemann Henri Holjewilken war es bereits gewohnt, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Auch Hannah (5) und Mira (4) bringt er stets so zur Kita. Karin Beese nutzt den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Gegessen wurde bereits fast nur vegetarisch, eingekauft wurden jetzt zusätzlich nur noch regionale und Bioprodukte.

Vegane Küche zu aufwendig

„Noch klimafreundlicher wäre vegane Küche“, sagt Karin Beese. „Aber das haben wir nicht geschafft, es ist einfach so viel aufwendiger, wenn man sich ausgewogen ernähren will.“ Dafür verzichtete die Familie auf die Bestellung der von allen geliebten Pizza. Nicht ohne knapp am Streit vorbeischlitternde Überzeugungsarbeit durch Karin Beese, die anfangs die treibende Kraft der familiären Klimakatharsis war: „Das“, gesteht sie, „gab schon Diskussionen.“

Vor allem aber war da der Rechner im Kopf. Ohne Einbußen beim Lebensstandard sollte Klib realisiert werden, diese Leitlinie hatte das Pik ausgegeben. „Aber wenn man einmal diese Brille aufhat, ist es doch anstrengend“, sagt Beese.

Jede neue Zahnbürste, jeder Kinobesuch, jedes Brötchen an der Ecke oder Mittagessen mit Kollegen – Gastronomie wird beheizt, braucht Strom, Angestellte und Lieferanten legen Wege zurück – musste auf der gedanklichen Merkliste als klimarelevant verbucht werden. Die rund 20-minütige Abrechnung jede Woche war noch der geringste Aufwand.

Experte: "Wir müssen radikal anders leben"

Als Gewinn sieht Karin Beese den Klimaversuch trotzdem. „Ich kann sagen, wir hatten ein ganz tolles Jahr 2018.“ Die Pizza selbst zu backen, wurde zum Familienevent. Das Klimaargument erleichterte den Eltern teils sogar die Erziehungsarbeit: Es sei manchmal einfacher gewesen, damit zu überzeugen, als mit den üblichen Mahnungen, sagt Karin Beese schmunzelnd.

Auch Henri Holjewilken fing bald Feuer. Die Sommerferien verbrachten sie im Zelt in Mecklenburg, statt in Portugal, wohin sie ursprünglich einmal hatten fliegen wollen.

„Es gab Leute“, erzählt Beese, „die zunächst besser dastanden als wir. Und dann ging die Tochter für ein Austauschjahr nach Neuseeland, und mit einem Flug war die ganze Bilanz hin.“ Fahrten mit dem Auto nach Polen oder nach Sachsen zu den Großeltern aber ließ Familie Beese sich nicht nehmen.

Knapp am Einsparziel vorbeigeschrammt

Die Zufriedenheit mit dem Experiment, das längst Normalzustand ist, wurde auch nicht geschmälert, weil das persönliche Einsparziel am Ende trotz aller Mühen um 0,3 Tonnen CO2 verfehlt wurde. „Fast hätten wir es geschafft“, sagt Karin Beese, „obwohl wegen des Umzugs einfach manche Sachen gekauft werden mussten, Möbel zum Beispiel. Genauso wie das Zelt für den Urlaub. Aber am Ende waren es die Weihnachtsgeschenke. Und auf die zu verzichten, kam nicht in Frage.“

Tabu war außerdem, an den Hobbys der Kinder zu sparen. Obwohl sie ohne Klib wohl mehr unternommen hätten, so Karin Beeses Vermutung, sei das Bewusstsein, weniger zum CO2-Ausstoß beigetragen zu haben, dafür eine andere Glücksquelle.

Wichtig ist der 37-Jährigen daneben das Beispiel, das sie anderen geben. Fast unvermeidlich kam das Gespräch mit Freunden auf das Thema, nicht immer war es einfach, dabei den richtigen Ton zu finden, nicht vorwurfsvoll oder belehrend zu erscheinen.

Klimaschutz ist für viele ein Thema

Schließlich, so die Erfahrung von Karin Beese, sähen viele den Klimaschutz bereits als ausgesprochen wichtig an. Immer wieder hätten sich Gesprächspartner interessiert an ernsthaften Versuchen privater CO2-Einsparung gezeigt – „und dann vergessen sie es wieder oder es geht im Alltag unter“, so Beese.

Die Selbstversorgung aus dem Garten will sie selbst künftig noch ausbauen. Denn in ihrer Familie endet Klib nicht, nur weil das Jahr 2018 vorbei ist. Auch wenn gelegentlich mal wieder Pizza bestellt wird.

Hoffnung setzen sie und ihr Mann auf den technischen Fortschritt, und auf größere Einsparprojekte, als sie ein Individuum schultern kann: Ihr Mann etwa hat bei dem Onlinehandel, für den er arbeitet, einen Versuch angestoßen. Verbraucher sollen unkompliziert per Mausklick die Klimakosten ihrer Postlieferung durch Kompensations-Spenden an Umweltschutzprojekte ausgleichen können.

Reallabor zeigt auch Grenzen des Einzelnen auf

Ähnliche Modelle werden aktuell im Zusammenhang mit der CO2-Steuer diskutiert. Das Reallabor, bestätigte der Leiter des Berliner Feldversuchs Klib am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, Fritz Reusswig, bei der Bilanz im Januar 2019, habe auch die Grenzen des Einzelnen aufgezeigt.

„Wenn man ehrlich ist, dann müssen wir uns daran gewöhnen, dass uns weniger zusteht“, lautet Beeses Resumee. Dass das ganz ohne Einschränkung des Lebensstandards gehen wird, da ist sie sich seit dem Jahr 2018 nicht mehr ganz so sicher.

Tatsächlich würde selbst das für den Versuch vom Pik ausgegebene CO2-Einsparziel nicht ausreichen, um die Ziele des Klimagipfels in Paris zu erreichen. Auf ein bis zwei Tonnen pro Kopf und Jahr müsste der Ausstoß des Klimagases bis 2050 dafür sinken. Unerreicht im Klib-Labor: Auf den Spitzenplatz kam ein Dreipersonenhaushalt mit 3,2 Tonnen pro Kopf.