Europawahl am Sonntag

Berliner erzählen, was Europa für sie bedeutet

Die Berliner Morgenpost hat Berliner gefragt, was Europa für sie bedeutet, ob sie der EU vertrauen und warum sie (nicht-) wählen?

Matt Pitt ist gebürtiger Engländer und hat sich in Deutschland einbürgern lassen

Matt Pitt ist gebürtiger Engländer und hat sich in Deutschland einbürgern lassen

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin.  Am Sonntag wählt Deutschland ein neues Europaparlament. Viele Menschen werden nicht zur Wahl gehen – das ist bei Europawahlen schon fast Tradition. 2014 lag die Wahlbeteiligung in Berlin bei gerade einmal 47 Prozent. Dabei wird die Wahl in diesem Jahr von vielen Parteien zur „Schicksalswahl“ ausgerufen. Wie entwickelt sich Europa? Wird die reformationsbedürftige Europäische Union weiter ausgebaut oder werden die Nationalstaaten gestärkt?

Am Freitag baten der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) die Berliner deshalb, sich an der Wahl zu beteiligen: „Geben Sie Ihre Stimme für ein Europa des Friedens, der Sicherheit und der Freiheit“, schreiben die drei Spitzenpolitiker der rot-rot-grünen Koalition. Ein Europa der Nationalstaaten sei vor allem kein Garant für den europäischen Frieden. „Was Krieg und Zerstörung für eine Stadt und ihre Menschen konkret bedeuten, hat sich in das kollektive Gedächtnis unserer Stadt eingebrannt“, heißt es in dem Schreiben weiter. Die Botschaft ist klar: unsere Zukunft liegt in Europa.

Aber wie ist die Stimmung unter den Berlinern? Reporter der Berliner Morgenpost haben sich wenige Tage vor der Wahl auf der Straße umgehört. Es ist gar nicht so leicht, mit Berliner über Europa zu reden. Für viele, sagen sie, sei das Thema einfach zu abstrakt. Sie könnten dazu gar nichts sagen.

Die Reporter treffen auch auf Menschen, die am Sonntag nicht wählen gehen werden – vor die Kamera wollen sie lieber nicht. Ihr Tenor: die Politik im fernen Brüssel sei abstrakt und wenig greifbar. Sie wüssten nicht, wen sie überhaupt wählen sollten.

„Europa nicht kidnappen lassen“

Die Fridays-for-Future-Demonstrationen fingen als Schülerbewegung an. Mittlerweile stehen zwischen den Jugendlichen mehr und mehr ältere Menschen. Am Freitag war auch Ulrike Rautenstrauch bei der Demonstration am Brandenburger Tor. Sie hatte die Sterne der EU-Flagge als Kette um den Hals hängen. Ein eindeutiges Statement.

Die 70-Jährige erinnert sich noch an das „frühe Europa“, wie sie sagt. „Überall stieß man an Grenzen, jedes Land war wie eine eigene, kleine Insel. Die Freizügigkeit, die Europa heute ausmache, das sei keine Selbstverständlichkeit. „Wir müssen wieder mehr dafür ackern“, sagt die Kreuzberger Künstlerin. Ob sie denn am Sonntag wählen gehe? Na klar. Rautenstrauch: „Es ist wichtig nicht zu erlauben, dass die falschen Leute die Wahl kidnappen.“ Es brauche bei der momentanen Weltlage eine starke EU. Sonst, sagt die Frau, sind wir machtlos.

„Ohne Europa geht’s nicht mehr“

Für sie ist Europa die Grundvoraussetzung, dass in der Welt „vernünftig weitergeht“. So sagt das Renate Vogt aus Pankow. Die 74-Jährige ist mittlerweile Rentnerin. Sie hat schon per Brief gewählt. Bereits in den 60er-Jahren genoss sie die Vorzüge dessen, was später die Europäische Union werden sollte: als Au-Pair-Mädchen arbeitete sie in England und Frankreich. Sie sagt: „Die heutige Jugend kann doch gar nicht mehr ohne Europa und es wäre undenkbar das wieder zurückzuschrauben.“ Der neu aufflammende Nationalismus, sagt Vogt, mache ihr deshalb große Angst.

„Europa ist ein Friedensprojekt“

Matt Pitt ist erst seit Januar 2019 deutscher Staatsbürger. Wegen des Brexits hat sich der gebürtige Brite einbürgern lassen – umso mehr sorgt er sich nun um Europa: „Für mich ist Europa ein Friedensprojekt.“ Das werde heute zu oft vergessen. Klar sei die EU nicht super sexy, sagt der 32-Jährige. Viele Menschen dächten eher an zu viel Bürokratie als an die Vorteile der Union. Trotzdem sagt er: „Alle sollten am Sonntag wählen gehen!“ Denn nur gemeinsam könnten die europäischen Länder Antworten auf die großen Probleme der Zeit finden. „Das schaffen Nationalstaaten allein nicht mehr.“

„Wählen ist für mich Pflicht“

Jörg W. wohnt in Charlottenburg. Vor seiner Rente arbeitete er als Kaufmann. Der 75-Jährige findet klare Worte: „Europa ist für mich ein großer Haufen von Menschen, ein Chaos.“ Aber ein Chaos, das sich in die richtige Richtung entwickle, sagt der Rentner. Denn grundsätzlich vertraue er der EU und ihren Institutionen. Auch, wenn ihm oft alles viel zu langsam voran ginge, Entscheidungen zu viel Zeit bedurften. Da zweifle er dann an der Politik. Deshalb ist er sehr gespannt, wie am Sonntag die „demokratischen Parteien“ abschneiden. Für ihn stehe aber eines sowieso fest: „Ich gehe Wählen.“ Warum denn? „Weil das für mich eine Pflicht ist“, sagt er mit fester Stimme. Immer und egal bei welcher Wahl.

„Zu wenige Junge gehen zur Wahl“

„Europa bedeutet für mich Freiheit“, sagt Rebecca Eilfert. Die Studentin, die nebenher beim Max-Planck-Institut arbeitet, wird am Sonntag auf jeden Fall wählen gehen, weil sie will, dass der Klimaschutz vorangetrieben wird – und das gehe nur gemeinsam in Europa. „Es gehen zu wenige junge Leute wählen“, sagt die 25-Jährige, die in Friedrichshain-Kreuzberg wohnt. Wenn sie an Europa denkt, hat sie auch Kritik: Es gäbe zu viel Diskriminierung von Minderheiten. Sie wünscht sich ein Europa „in dem alle Menschen ihre Träume ausleben können.“

„Bisher Erreichtes fortführen“

Wenn Christoph Jöckel an Europa denkt, dann hat er freies Reisen im Kopf, den freien Verkehr von Waren und vor allem: Frieden. Der 44- Jährige Charlottenburger ist Geschäftsführer einer Beratungsagentur. Er vertraue der Europäischen Union. Warum? „Aufgrund der persönlichen Erfahrungen, die ich gemacht habe, wegen der internationalen Freundschaften, die ich schließen konnte“, sagt Jöckel. Dass er am Sonntag wählen geht, ist für ihn selbstverständlich. Das sei ja eine Pflicht. Nur, wenn die Menschen zur Wahl gingen, sich beteiligten, dann könnte das, was die EU bisher erreicht hat, auch fortgeführt werden.

„Europa ist meine Heimat“

Richard Maarb hat alles schon erledigt – wie fast eine halbe Millionen weiterer Berliner hat er per Brief gewählt. Der 23-Jährige Student aus Friedrichshain findet es schade, dass die Wahlbeteiligung bei Europawahlen oft so niedrig sei. „Ich finde es schade, dass wenige junge Leute wählen gehen.“ Man habe das auch beim Brexit sehen können, da haben viele Junge es verpasst, sich zu engagieren.“ Wer nicht wähle, der habe sich auch nicht im Nachhinein zu beschweren. Europa ist für ihn mehr als ein politisches Projekt. „Es ist meine Heimat.“ Der Student hat ein Jahr in Frankreich gelebt. Dort habe er schnell gemerkt, dass er auch in anderen europäischen Ländern zu Hause sein könne. Für ihn ist das ein großer Verdienst der EU und ein großes Stück Freiheit.