Empfang beim Bundespräsidenten

Gute Gespräche über die Gesellschaft

Zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 200 Gäste zu Kaffee und Kuchen ins Schloss Bellevue geladen.

Karin Ghalib war zu Gast beim Bundespräsidenten.

Karin Ghalib war zu Gast beim Bundespräsidenten.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

200 Gäste aus ganz Deutschland haben am Donnerstag im Garten von Schloss Bellevue Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier getroffen und an einer großen Kaffeetafel mit ihm über die Verfasstheit der Bundesrepublik diskutiert. Anlass: der 70. Geburtstag der Verfassung.

„Auch deshalb sind wir heute hier: Weil wir nicht wollen, dass Hass und Feindseligkeit wie Gift in unsere Debatten sickern. Weil wir nicht wollen, dass die Unterscheidung von Fakten und Lügen verloren geht“, sagte Steinmeier zur Begrüßung. „Nicht im Netz und genauso wenig auf den Straßen und Plätzen: Überlassen wir unsere Debatten doch nicht den Lautsprechern und politischen Randalinskis!“ Kellner mit Kaffee und Törtchen, 22 eingedeckte Tische im weitläufigen Grün neben einem Teich mit Seerosen, an jedem Tisch sitzen unter weißen Sonnenschirmen im parkähnlichen Garten acht Gäste aus ganz Deutschland, dazu ein Moderator. Das Thema: Was macht das Land heute aus, was hält es zusammen? Was läuft gut, was schlecht?

Die Gäste kamen miteinander in Gespräch, aber auch mit dem Bundespräsidenten, mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesratspräsident Daniel Günther und mit dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle, der von beeindruckenden Gesprächen mit den 200 Gästen berichtete.

In den nicht öffentlichen Gesprächsrunden ging es auch darum, was die Gesellschaft heute zusammenhält. Die zentrale Frage lautete: „Ist Deutschland in guter Verfassung?“ Kanzlerin Merkel sagte, sie wünsche sich mehr von diesen Gelegenheiten, mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen und von deren Anliegen zu erfahren.

Unter den Gästen war auch Sandra Maischberger. „Ich hatte acht Menschen an meinem Tisch – Ost, West, Alt, Jung, vom Landwirt über den Sparkassenmenschen, den Studenten bis zum Abiturienten und Bekleidungsindustrie Ostdeutschland“, erzählt die Journalistin und Moderatorin. Für 20 Minuten sei die Kanzlerin mit am Tisch gewesen. Worüber gesprochen wurde? „Zum Beispiel über die Frage, ob wir überhaupt noch Parteien brauchen, aber auch darüber, ob wir ein Einwanderungsland sein wollen“, sagt Maischberger. An der Kaffeetafel hatte auch Karin Ghalib, aus Moabit Platz genommen. Sie ist Trainerin für gewaltfreie Kommunikation: „Im Laufe meines Lebens habe ich die Demokratie immer mehr schätzen gelernt“, sagt die 50-Jährige. Das Grundgesetz sei die Grundlage dafür, und das sollte gefeiert werden. „Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich teilnehmen durfte“, so die Moabiterin. Der Bundespräsident sei länger an ihrem Tisch gewesen.

Steven Siebert war ebenfalls beim Fest dabei. Der 23-Jährige ist Kameramann und wohnt sei vier Jahren in Berlin. „Ich komme aus Pirna bei Dresden. In meiner Familie wird viel AfD gewählt, was mir nicht gefällt“, sagt der junge Mann. Er habe darauf gewettet, dass er es schaffe, mit der Kanzlerin Kuchen zu essen und Kaffee zu trinken. Sein Fazit: „Es war keine Alibiveranstaltung.“

„Wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen, auch wenn sie nicht einer Meinung sind, macht das dem Grundgesetz alle Ehre. Von solchen Gesprächen lebt eine offene Gesellschaft, eine liberale Demokratie“, ist Bundespräsident Steinmeier überzeugt.