Städtepartnerschaft

Tokio-Reise: So entspannt zeigt sich Müller im Ausland

Der Regierende Bürgermeister, Michael Müller, ist drei Tage in Tokio unterwegs. Entspannte Tage zum Netzwerken und mit fremder Kultur.

Zwischen offiziellen Terminen hat Michael Müller gelegentlich auch Zeit für Spaß.

Zwischen offiziellen Terminen hat Michael Müller gelegentlich auch Zeit für Spaß.

Foto: Christine Richter

Tokio. 8915 Kilometer liegen zwischen beiden Städten. Zwischen Berlin, Deutschland, und Tokio, Japan. Und trotz der großen Entfernung sind sich die beiden Metropolen näher als so manche andere Städte, denn seit 25 Jahren sind sie partnerschaftlich verbunden. „Die Städtepartnerschaft funktioniert“, sagt Michael Müller am Mittwochvormittag. Da zieht der Regierende Bürgermeister vor den mitgereisten Journalisten eine kleine Bilanz seiner dreitägigen Tour nach Fernost. Die Würdigung der Städtepartnerschaft ist nur einer von drei Punkten, weshalb er sich auf den Weg nach Tokio gemacht hat.

Was funktioniert zwischen Berlin und Tokio, ist rasch erzählt: der Kulturaustausch, die Diskussion über Stadtentwicklung, neuerdings auch Kooperationen bei der Abfallwirtschaft und immer mehr der Sportaustausch, vor allem im Jugendsport. Die Philharmoniker sind regelmäßig in Japan, Ende Oktober reist Kultursenator Klaus Lederer (Linke) nach Tokio, wenn die Berliner Symphoniker dort zu Gast sind.

Es sind Tage der Kooperationen

Das Berliner Recycling-Unternehmen Alba hat am Montag im Beisein des Regierenden Bürgermeisters einen Kooperationsvertrag mit dem japanischen Unternehmen Seiu unterzeichnet, am Mittwochnachmittag wird dann eine Kooperation zwischen der Deutschen Schule in Tokio und Alba Basketball vereinbart – in der deutschen Botschaft, Jugendliche in gelben Alba-Shirts strahlen in die Kameras, wieder ist Müller dabei. „Läuft“, sagt ein Mitglied der Delegation, als der Vertrag unterschrieben wird.

Zuhause herrscht immer wieder Koalitionsstreit

„Läuft“ – das gilt auch für den Regierenden Bürgermeister, zumindest hier im Ausland. Anders als in Berlin, wo es dauernd Streit in der rot-rot-grünen Koalition gibt. Sei es um das solidarische Grundeinkommen, das Müller zu seiner Herzensangelegenheit erklärt hat – und das vor allem die Grünen, aber auch die Linken und die SPD-Fraktion jetzt nicht mitfinanzieren wollen. Sei es um die Enteignungen von großen Wohnungsunternehmen, für die die Linken und Grünen votieren, die Müller jedoch ablehnt. Sei es um das Polizeigesetz, das Innensenator Andreas Geisel (SPD) bislang vergeblich reformieren will.

Viele Themen belasten Müllers Regierung in Berlin, noch zweieinhalb Jahre muss man miteinander auskommen, doch es fehlt die gemeinsame Leitlinie, von Euphorie ganz zu schweigen.

Berliner Stadtoberhaupt erkundet Tokio zu Fuß

Wie anders ist das hier in Tokio. Die Heimat ist weit weg, der Koalitionsstreit auch. Müller, begleitet von ein paar Mitarbeitern aus der Senatskanzlei und einer großen, rund 30-köpfigen Wirtschaftsdelegation, ist sichtlich entspannt. Vom ersten Abend an. Nach dem Zehn-Stunden-Flug scherzt er viel am Sonntagabend beim Empfang in einem Tokioter Start-up-Unternehmen, wo – wie überall bei Start-up-Unternehmen – die Wände unverputzt sind und die Kabel offen von der Decke herunterhängen.

Nach zwei Stunden wollen die meisten Wirtschaftsleute ins Hotel zurück, Müller will – wie so oft auf seinen Auslandsreisen – erstmal laufen. Mit einem Tross geht‘s zur nächsten großen Kreuzung, die Touristen fasziniert, weil bei Grün dann Hunderte Menschen auf einmal losgehen. Und ähnlich wie am Checkpoint Charlie in Berlin kann man auch in Tokio an vielen Kreuzungen die Straße diagonal überqueren – nur hier machen das deutlich mehr Menschen.

In wenigen Wochen treffen sich die G20-Staatschefs in Japan

Müller macht Fotos und Selfies mit den Wirtschaftsleuten – entspannt, denn hier ist er von vertrauten und freundlich gesinnten Menschen umgeben. Wie von dem Geschäftsführer der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), Jan Eder, vom Chef der Berliner Energieagentur, Michael Geißler, dem Chef der Wirtschaftsfördergesellschaft „Berlin Partner“, Stefan Franzke, oder dem Leiter der BMW-Motorradproduktion in Berlin, Helmut Schramm, und der Vorstandsvorsitzenden der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Sigrid Nikutta.

Gut läuft es auch bei den anderen beiden Schwerpunkten der Reise – der Unterstützung der Unternehmen bei ihren Wirtschaftskontakten sowie dem Städtenetzwerk „U20“, das in Tokio tagt und eine gemeinsame Erklärung im Vorfeld des G20-Gipfels verabschiedet. In wenigen Wochen, vom 28. bis 29. Juni, treffen sich die G20-Staatschefs im japanischen Osaka.

Stadtentwicklung ist Müllers liebstes Thema

Die Zusammenarbeit mit den anderen Metropolen liegt Müller wirklich am Herzen. Man wundert sich, denn eigentlich ist Berlin ja für sich ein Pfund, seine Vorgänger haben sich zwar um die Partnerstädte wie Los Angeles oder Paris und London bemüht, aber weniger um die weit entfernten Metropolen wie Buenos Aires oder Johannesburg.

Müller spricht inzwischen zwar besser Englisch, aber lange noch nicht sicher – sodass er auch auf der Konferenz sein öffentliches Statement auf Deutsch hält, während seine Kollegen aus Paris oder Mexiko sich mit schlechtem Englisch mühen und vom Blatt ablesen. Aber er, der ehemalige Stadtentwicklungssenator, interessiert sich sehr für Stadtentwicklung, er mag diese Themen. „Ich liebe Städte“, sagt er, als er am Montagmittag von der Berliner Architektin Anne Groß mehr als zwei Stunden lang durch die Stadt geführt wird. Noch zwei Tage später bedauert er, dass sie nicht alle seine Fragen beantworten konnte.

Seit zwei Jahren gibt es die Bürgermeister-Initiative

„Der internationale Kontakt wird immer besser“, sagt Müller nach Abschluss der U20-Konferenz am Mittwochvormittag. Vor zwei Jahren ist diese Initiative, angestoßen vom Bürgermeister aus Buenos Aires, den Müller vier Jahren zuvor besucht hat, ins Leben gerufen worden.

„Alles, was von den Großen auf dem G20-Gipfel beschlossen wird, kommt unmittelbar bei uns in den Städten an, die Entscheidungen werden bei uns sofort sichtbar“, erklärt Müller seine Motivation – und die anderer Stadtoberhäupter. Er engagiert sich deshalb im Netzwerk Metropolis, nun auch bei U20, außerdem beim UN-Habitat.

Inzwischen kennt er viele Bürgermeister und wird auch in Tokio beim Eröffnungsempfang am Dienstagabend im Hyatt Hotel freundlich begrüßt.

Von seinem Kollegen aus Buenos Aires, aus Helsinki, von der Bürgermeisterin Virginia Raggi aus Rom. „Die persönliche Nähe, die macht Spaß“, sagt Müller. Später, am Abschlusstag, macht er Handyfotos von den Kollegen – und von dem Aufmarsch der Fotografen, die ihn und die anderen Bürgermeister auf der Bühne fotografieren.

Stadtoberhäupter werden vom Premierminister empfangen

„Die Probleme in den Millionen-Metropolen sind ähnlich“, sagt Müller. Es geht um Mobilität, Klimaschutz, Umweltbelastung, Digitalisierung, Gesundheitsversorgung und demografische Entwicklung. „Natürlich ist das Trinkwasser bei uns sauberer als in Durban“, so der Regierende Bürgermeister, „aber wir müssen uns auch um die Luftverschmutzung, den Diesel oder die Abfallreduzierung kümmern.“

Auf dem U20-Kongress, an dem in Tokio dann deutlich mehr als 20, nämlich insgesamt 35 führende Vertreter der weltweit großen Metropolen teilgenommen haben, wird eine Resolution zu all diesen Themen – auch zur Gleichstellung von Frauen – beschlossen. Das wichtigste Thema? „Der Klima- und Umweltschutz“, sagt Müller. Er ist sichtlich stolz, dass die anderen Metropolen auch ihre Bürgermeister oder Stellvertreter geschickt haben. Die Stadtoberhäupter werden am frühen Mittwochnachmittag sogar vom japanischen Premierminister Shinzo Abe empfangen.

Die letzte Tokio-Reise liegt fünf Jahre zurück

Nach der Tokioter Gouverneurin Yuriko Koike darf Müller für die Städte sprechen. „Der Premier fragte dann auch nach, das war sehr freundlich“, erzählt Müller nach dem Treffen, denn Journalisten durften nicht dabei sein. So macht er gerne Politik – und lernt gleichzeitig noch eine fremde Kultur kennen.

Und kennenzulernen gibt es viel. Müller war vor fünf Jahren schon einmal in Tokio, damals noch als Stadtentwicklungssenator. Nun lässt er sich wieder viel zeigen – beim Stadtrundgang durch die kleinen und großen Gassen, er besucht auch das Museum, in dem an den Schriftsteller Mori Ogai (1862-1922) erinnert wird.

Der Regierende interessiert sich für Schrift und Rituale

Schriften sind eines von Müllers Interessen, das Museum ist klein, aber fein. „Gibt es eigentlich auch bei den japanischen Schriftzeichen eine Handschrift, so wie wir das kennen?“ – „Gibt es“, erklärt die Museums-Kuratorin. Aber nicht so ausgeprägt, denn sonst würde man die Schriftzeichen nicht mehr lesen können. Einen Tag später besucht Müller dann noch den größten und ältesten Tempel in Tokio, lässt sich von dem Stadtführer die Rituale mit Weihrauch und Lebensvorhersagen erklären, will wissen, ob es im Buddhismus etwas Ähnliches wie Konfirmation oder Firmung gibt. „Gibt es nicht“, sagt der Stadtführer.

Der deutsche Botschafter führt später durch seinen Garten mit den historischen Holz-Toren und der großen, beeindruckenden Glocke. Auf diesem Areal haben früher einige Samurai-Familien gelebt. Müller darf die Glocke schlagen. Man sieht ihm an, dass er das gerne macht.

Das Wichtigste der Reise: Besuch beim Technikkonzern NTT

Und was war das Wichtigste auf dieser Reise? „Der Besuch bei NTT“, antwortet Müller spontan. Der japanische Technikkonzern baut – über sein Tochterunternehmen „e-shelter“ – in Mariendorf einen Campus und ein Rechenzentrum auf. Mehrere hundert Millionen Euro sollen in den nächsten Jahren dort investiert werden, Müller ist auch einen Tag nach dem Zusammentreffen noch ganz angetan von dem lebhaftem Manager Tsunehisa Okuno.

Dass diese Millionen-Investition auf ein Areal in Tempelhof, also in Müllers Wahlkreis fällt, ist nur Zufall. „Ein netter Nebeneffekt“, sagt Müller – und lacht. Dann ernsthaft: „Das sind wichtige Signale, wenn solche Unternehmen in Berlin investieren.“ Das ist, so weiß man, in Berlin kein Selbstläufer. Google hat seinen Plan, einen Campus in Kreuzberg zu errichten, im vergangenen Jahr wegen der anhaltenden Proteste dagegen aufgegeben.

Das private Highlight: Sumo-Ringern zuschauen

In Tokio bleibt bei dem vollgepackten Programm nur wenig Zeit für Privates. Müller nimmt sich einen Abend für sich – und geht in der Nähe des Hotels, wo es viele kleine Essbuden, Bars und winzige Restaurants gibt, essen („Den rohen Thunfisch, den konnte man mit der Zunge zerdrücken“), staunt über die vollen Karaoke-Bars und Spielcasinos („Alt und jung, Männer und Frauen spielen da wie verrückt, alle rauchen“) – und beim Sumo-Turnier knapp zwei Stunden lang über die mächtigen Ringer („Das war mein privates Highlight“).

Viel Zeit blieb dann nicht mehr. Noch in der Nacht zu Donnerstag geht es zurück nach Berlin, Ankunftszeit in Tegel: 8.30 Uhr. Eine Stunde später tagt die SPD-Fraktion, dann das Abgeordnetenhaus. „Die Aktuelle Stunde geht zur Europawahl“, sagt Müller – 8915 Kilometer entfernt – am Donnerstagmittag. „Da will ich selbst reden.“ Der Alltag, der holt ihn schnell wieder ein.