Verkehrsgeschichte

Hamburgs S-Bahn hält jetzt auch in Berlin

Im Deutschen Technikmuseum wurde am Mittwoch ein besonderes Stück Verkehrsgeschichte begrüßt. Der Wagen 471 – 462 war gut 50 Jahre im Einsatz.

Ein restaurierter Triebwagen der Hamburger S-Bahn (Baureihe 471, Baujahr 1954) ist das neueste Exponat in der Dauerausstellung Schienenverkehr im Deutschen Technikmuseum in Berlin. Der Wagen wird von zahlreichen Interessierten auf dem Museumsbahnsteig empfangen.

Ein restaurierter Triebwagen der Hamburger S-Bahn (Baureihe 471, Baujahr 1954) ist das neueste Exponat in der Dauerausstellung Schienenverkehr im Deutschen Technikmuseum in Berlin. Der Wagen wird von zahlreichen Interessierten auf dem Museumsbahnsteig empfangen.

Foto: Foto: Thomas Fülling

Berlin. In die Hamburger S-Bahn kann man ab sofort auch in Berlin einsteigen. Am Mittwoch ist ein Triebwagen der kleinen Schwester der Berliner S-Bahn im Deutschen Technikmuseum in Kreuzberg eingetroffen. Das 65 Jahre alte Fahrzeug, das noch bis 2001 im regulären Einsatz an der Alster war, bekam einen Ehrenplatz auf Gleis 19 im historischen Lokschuppen des Museums. Erwartet von Fotografen und Ehrengästen, war der Wagen mit der Fahrzeugnummer 471–462 zuvor am Bahnsteig im Außengelände des Museums eingefahren. Aber nicht aus eigener Kraft, sondern gezogen von einer Diesellok.

„Der Triebwagen ist fahrbereit, aber uns fehlt hier schlicht die Stromschiene“, begründete Lars Quadejacob, Leiter des Sammlungsbereichs Landverkehr, die unübliche Fortbewegung des Fahrzeugs. Wie die Züge der Berliner S-Bahn werden die Bahnen in Hamburg mit Gleichstrom angetrieben, der durch eine Schiene neben dem Gleis fließt und über einen seitlich am Wagen befestigten Stromabnehmer abgezapft wird. Trotz dieser grundsätzlichen technischen Gemeinsamkeit können allerdings S-Bahnwagen zwischen Berlin und Hamburg nicht einfach ausgetauscht werden. Ein Umstand, den die Berliner in der Zeit der S-Bahnkrise 2009 schmerzlich zur Kenntnis nehmen mussten. So werden die Hamburger Züge mit 1200 Volt Gleichstrom angetrieben, den Berliner Triebwagen müssen 750 Volt reichen.

Hohe Taktdichte der Zugfahrten

Die Stromschiene ist jedoch nicht die einzige Besonderheit der beiden ältesten S-Bahn-Systeme in Deutschland. Auch das vom Fernverkehr getrennte Schienennetz und die hohe Taktdichte der Zugfahrten prägen den Betrieb. „Die Hamburger S-Bahn ist faktisch unsere nächste Verwandte, wir stehen mit ihr ständig in einem sehr engen Erfahrungsaustausch“, sagte Berlins S-Bahnchef Peter Buchner bei der feierlichen Begrüßung des neuen Museumsexponats.

Allerdings machte er auch deutlich, wer die große und wer die kleine Schwester ist. So ist das 1924 in Betrieb genommene Berliner Schnell- und Stadtbahnsystem (seit 1928 S-Bahn genannt) nicht nur 15 Jahre älter als die 1939 gegründete Hamburger S-Bahn. Ihre Transportleistung sei mit 32 Millionen Kilometer Streckenleistung auch fast dreimal so groß wie die der Kollegin an der Alster. In Sachen Auslastung ihrer Züge liegen allerdings die Hamburger vorn: Im deutlich kleineren Streckennetz befördern sie 277 Millionen Fahrgäste im Jahr, die Berliner S-Bahn transportierte im Vorjahr rund 478 Millionen Reisende.

Gemeinsam wiederum ist: Angesichts ehrgeiziger Klimaziele wollen beiden Städte den Nahverkehr ausbauen. Buchner: „Die S-Bahn hat eine große Zukunft vor sich.“

Der von der Stiftung des Technikmuseums für „einen eher symbolischen Preis“ in Hamburg angekaufte Triebwagen hat für den Berliner Ausstellungsmacher Lars Quadejacob einen ganz besonderen Wert. Zum einen ist das Fahrzeug ein besonderes Stück Zeitgeschichte: So belegt ein altes Schwarz-Weiß-Foto, dass der Wagen am 22. Mai 1954, also vor genau 65 Jahren, in Dienst gestellt wurde. Es war der Tag, an dem in Hamburg die erste neue S-Bahnstrecke nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet wurde. Bis zum 26. Oktober 2001 war das von Wegmann in Kassel gebaute Fahrzeug im Einsatz, zuletzt auf der Linie S2 zwischen Altona und Bergedorf. Wegen seines Alters entwickelte sich der Zug, der noch bis 2004 für Sonderfahrten genutzt wurde, zu einem Wallfahrtsort der S-Bahn-Freunde, so der Verein Historische S-Bahn Hamburg, der sich später um den Erhalt des Wagens kümmerte.

Wichtiger Baustein zur Neugestaltung der Ausstellung

Für Quadejacob, der vor zwei Jahren die Leitung des Sammlungsbereichs Landverkehr übernahm, ist die Präsentation des Hamburger S-Bahnwagens auch ein wichtiger Baustein zur Neugestaltung der Ausstellung. „Wir wollen künftig mehr Fahrzeuge zeigen, die etwas mit der alltäglichen Lebenswelt der Besucherinnen und Besucher zu tun haben.“ Also weniger Loks, mehr Personenwagen. So musste auf Gleis 19 des historischen Lokschuppens eine technisch spannende Vier-Stromsysteme-Lokomotive Platz machen für die Oldtimer-S-Bahn. „Die Lok geht als Leihgabe in ein Museum nach Augsburg, das sich auf Eisenbahn in Europa spezialisiert hat“, so Quadejacob.

Der in dem für die Hamburger S-Bahn einst typischen ozeanblau-beige lackierte Triebwagen kann viel aus Verkehrs- und Zeitgeschichte erzählen. Nicht nur mit den im Wageninneren angebrachten Original-Plakaten aus den 80er-Jahren, auf denen für Butterfahrten nach Helgoland und den einst legendären Gepäckservice der Bundesbahn geworben wird. Sichtbar gemacht werden auch diverse Veränderungen während der langen Einsatzzeit. So wurden etwa in den 60er-Jahren die Holzpaneele durch eine billigere und pflegeleichtere Kunststoffverkleidung ersetzt. In den 70ern fielen die Raucherabteile weg, in den 80ern Zwischenwände – um das Sicherheitsgefühl zu steigern. In den 90er-Jahren wiederum musste auch die Hamburger S-Bahn Schutzvorkehrungen gegen Vandalismus treffen.

Der Bankierszug kommt

Für Robin Gottschlag vom Verein Historische S-Bahn Berlin wäre es schön, wenn auch Fahrzeuge aus der Hauptstadt im Technikmuseum so prominent gezeigt würden. Diesen Wunsch will Quadejacob in Kürze erfüllen. So soll ein sogenannter Bankierzug, ein historischer S-Bahnwagen aus den 1930er-Jahren, „in wenigen Wochen“ einen Platz neben dem Hamburger Triebwagen beziehen.

Berlins S-Bahn-Chef Peter Buchner versprach, dem Museum später auch einen Vertreter der Alt-Baureihe 485 (gebaut 1987–1992) zur Verfügung zu stellen. Noch könne er aber keinen abgeben, da sie im regulären Fahrbetrieb weiter dringend gebraucht werden.