Klima

Berlins langer Weg zum Kohleausstieg

Spätestens 2030 soll das Fernwärmenetz der Hauptstadt ohne fossile Energieträger auskommen. Eine Studie soll nun die Basis dafür legen.

Das Heizkraftwerk von Vattenfall in Moabit. Bis 2030 will Berlin aus der Kohle raus.

Das Heizkraftwerk von Vattenfall in Moabit. Bis 2030 will Berlin aus der Kohle raus.

Foto: Christophe Gateau / picture alliance

Berlin.  Berlins größte Luftverschmutzer sind die drei Kohlekraftwerke Reuter, Reuter West und Moabit. Gleich mehrere Millionen Tonnen schädliches Kohlendioxid stoßen die rauchenden Schlote der Heizkraftwerke jedes Jahr aus. Spätestens 2030 soll damit jedoch Schluss sein. Darauf hat sich das Land Berlin mit dem Betreiber der Anlagen, dem schwedischen Staatskonzern Vattenfall geeinigt.

Der Zwischenstand einer neuen Studie zeigt nun, dass der Kohleausstieg für Berlin aber langwierig und teuer werden könnte. „Die Bedingungen in Berlin sind alles andere als einfach“, sagte Michael Ritzau von dem Energieberatungsunternehmen BET am Dienstagnachmittag auf den Berliner Energietagen. Ritzau erstellt derzeit im Auftrag der Senatsverwaltung für Umwelt und Vattenfall eine sogenannte Machbarkeitsstudie für den Berliner Kohleausstieg. Politik und Wirtschaft erhoffen sich dadurch erste Handlungsempfehlungen, wie die Wärmeversorgung im Berliner Fernwärmenetz nach 2030 zu organisieren sein könnte.

Größtes Fernwärmenetz in Westeuropa

Schon angesichts der Zahlen ist das eine Mammut-Aufgabe: Das Fernwärmenetz unter der Stadt gilt als eines der größten Westeuropas. Mehr als 300.000 Haushalte sowie Industriebetriebe und öffentliche Gebäude werden über das rund 2000 Kilometer lange Leitungsnetz mit Wärme versorgt. Nach dem Ausstieg aus der Kohle sei es vor allem wichtig Abwärme zu nutzen. Ein denkbarer Standort dafür wäre etwa Ruhleben, wo die Müllverbrennungsanlage aber auch das Klärwerk viel Hitze erzeugt, die heute noch nicht optimal wiederverwertet werde. Aber auch Biomasse- und Solar-Anlagen könnten bei der künftigen Wärmeversorgung eine Rolle spielen. An anderen Standorte käme auch infrage die Abwärme großer Industriebetriebe zu nutzen. Davon allerdings gebe es in Berlin zu wenige, sagte Studienautor Ritzau. Auch der Bau sogenannter Power-to-heat-Anlagen könnte ein Puzzleteil der neuen Wärmeversorgung sein. Mithilfe der Technik könnte überschüssiger Strom sinnvoll genutzt und gleichzeitig ein Problem der deutschen Energiewende gelöst werden: Wegen der schwankenden Stromeinspeisung aus erneuerbaren Energiequellen müssten Stromnetzbetreiber heute immer öfter regulierend ins Netz eingreifen und Anlagen abschalten, erklärte Ritzau.

Studie soll im Herbst vorliegen

Vollständige Ergebnisse und erste Handlungsempfehlungen will BET erst im Herbst vorstellen. Klar ist aber schon heute: Die Umstellung der Berliner Fernwärmeversorgung wird ins Geld gehen.

Allein der Aufbau der Erzeugungsanlagen und die Erneuerung der Leitungen dürften Milliarden verschlingen. Aber auch auf den Berliner Verbraucher können Investitionen zukommen. Um den Energieverbrauch von Häusern zu verringern, müssten endlich Sanierungsmaßnahmen angestoßen werden. Vor allem im Gebiet des Fernwärmenetzes Nord gebe es heute eine alte Gebäudestruktur, sagte Frank Peter von der Denkfabrik Agora Energiewende. Wenn Gebäude energetisch saniert würden, würde der Wärmebedarf langfristig sinken.

Tanja Wielgoß, seit März Chefin der Berliner Vattenfall-Tochter Wärme Berlin AG, und Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) erklärten am Dienstag, zunächst die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie abwarten zu wollen. Danach werde man sich zusammensetzen und Optionen prüfen, sagte Günther. Wielgoß, die zuvor als Vorstandschefin der Berliner Stadtreinigung BSR jahrelang die Interessen des Landes vertrat, erklärte: „Wir machen das Schritt für Schritt.“ Vattenfall habe sich klar dazu bekannt, fossilfrei werden zu wollen.

Berlin droht Klimaziele zu verfehlen

Berlin müsse beim Klimaschutz jetzt beschleunigen und aufholen, sagte Regine Günther. Bis 2030 sollen die Kohlendioxid-Emissionen in Berlin um mindestens 60 Prozent im Vergleich zu den Emissionen des Jahres 1990 reduziert werden. Die Industrie- und Handelskammer hatte bereits gewarnt, dass der Senat seine Klimaziele verfehlen wird, sollten Politik, Verwaltung und Unternehmen nicht deutlich schneller vorankommen. Vor allem beim Thema Energie habe sich die Lage verschlechtert: Der Heizenergieverbrauch der Gebäude etwa sank zuletzt fast gar nicht.