Terrorismus

Clément B.: „Ich war ein Kumpel von Anis Amri“

Islamisten aus dem Umfeld des Breitscheidplatz-Attentäters sollen in Wedding einen Anschlag geplant haben. Einer steht nun vor Gericht.

Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz im Fall Amri?

Der Verfassungsschutz behauptet, er sei in den Fall Amri nicht involviert gewesen. Unser Redakteur Ulrich Kraetzer kennt Unterlagen, die das Gegenteil belegen.

Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz im Fall Amri?

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Berlin. Im Gefängnis kann es einsam werden – und wenn endlich Besuch kommt, haben Gefangene oft viel zu erzählen. So ging es offenbar auch Clément B. Seit vier Monaten saß der Islamist nun schon in Untersuchungshaft. Und als am 25. August vergangenen Jahres endlich mal wieder sein Vater in dem Gefängnis im französischen Marseille vorbeischaute, hatte Clément B. Erstaunliches zu berichten.

„Ich war ein Kumpel von Anis Amri, der den Anschlag in Berlin gemacht hat“, soll der damals 31-Jährige gesagt haben. Noch eine Woche vor der Tat in Berlin soll B. über sein Handy Kontakt zu Amri gehabt haben. Der Attentäter vom Breitscheidplatz habe ihm sogar noch am Tag vor seiner Todesfahrt mit einem Lkw eine Sprachnachricht übermittelt.

„Feuer und alles“, habe Amri gesagt. Und: „Wo bist du, der Dschihad, wenn du nicht kommst, äh, dann mache ich eine Sache.“ Er habe die Nachricht aber erst nach dem Anschlag abgehört, versicherte Clément B. seinem Vater. Und: Er habe damit „nichts zu tun“.

Die französischen Ermittler hörten mit

Glaubt man den Ermittlungsakten, die die Berliner Morgenpost einsehen konnte, ist der Wortlaut der Gespräche zwischen Clément B. und seinem Vater gut dokumentiert. Denn die französischen Sicherheitsbehörden hörten mit. Zweck der Maßnahme: Die Ermittler hofften auf weitere Beweise. Denn Clément B. stand im Verdacht, im Zusammenhang mit den französischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2017 einen Anschlag mit hochexplosivem Sprengstoff vorbereitet zu haben.

Zeugenaussagen und auch Daten der Mobiltelefone legen zudem nahe, wie eng die Kontakte zwischen B. und Amri waren. Bisher gibt es keine Belege dafür, dass der Tunesier Komplizen bei seinem Attentat auf dem Breitscheidplatz hatte. Bekannt ist jedoch, wie stark Amri die Nähe zu anderen radikalen und teilweise auch gewaltbereiten Islamisten suchte, nicht nur in Berlin, sondern auch in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Kontakt zu IS-Terroristen

Er besuchte seine radikalen Freunde im Berliner Islamisten-Treff „Fussilet-Moschee“, er hatte Kontakte zu IS-Terroristen. Ein Mann mit dem Kampfnamen „Abo Hothaifa“ war laut Ermittler Amris Kontaktmann in Libyen. Und ein Tunesier mit dem Decknamen „Moumou1“ leitete Amri bei dem Anschlag an, womöglich auch aus Libyen – wie viele, zu denen Amri Kontakt sucht, agierte er für das Terrornetz des IS.

Auch der Tunesier Bilel Ben A. ist ein enger Freund Amris, wie Amri ist auch er der deutschen Polizei lange vor dem Anschlag als gewaltbereiter Islamist bekannt. Ben A. und Amri trafen sich noch am Abend vor der Tat in einem Imbiss im Wedding.

Der Angeklagte war vor den russischen Behörden geflohen

Ab dem heutigen Donnerstag rückt mit einem Prozessbeginn in Berlin ein weiteres mögliches Netzwerk von Anis Amri in den Fokus. Dort sitzt Magomed-Ali C. auf der Anklagebank, ein heute 31 Jahre alter Russe, der sich schon mit Anfang 20 im Kaukasus radikalisierte und 2011 nach Berlin floh, als die russischen Sicherheitsbehörden den Islamisten ins Visier genommen hatten.

Der Russe C. soll den Franzosen Clément B. im Sommer 2015 mit in die extremistischen Kreise der Fussilet-Moschee gebracht haben. Dort lernte B. dann auch Anis Amri kennen. Magomed-Ali C., Clément B. und Anis Amri – die drei Islamisten hatten offenbar für eine Zeit vor dem Anschlag enge Verbindungen. Und gemeinsame radikale Pläne.

In den abgehörten Gesprächen des französischen Islamisten Clément B. mit seinem Vater berichtete B. laut Ermittlungsakten, dass er und ein Mitstreiter aus der Islamisten-Szene in dessen Wohnung in Berlin-Buch hochexplosiven Sprengstoff gehortet hätten. Als die französischen Anti-Terror-Ermittler das Gespräch abhörten, übermittelten sie die Überwachungsprotokolle prompt den Kollegen in Deutschland. Es ist die Wohnung von Magomed-Ali C.

Der Verdacht dürfte nicht leicht zu beweisen sein

Im August vergangenen Jahres nahmen Berliner Beamte den Mann fest. Nun steht C. vor Gericht – wegen des Verdachts der Vorbereitung eines Terroranschlags. Der Vorwurf dürfte allerdings nicht leicht zu beweisen sein. Denn Rückstände, die darauf schließen ließen, dass in der Wohnung von C. tatsächlich Sprengstoff lagerte, fanden Polizisten sich nicht.

Aufschlussreich über Amris Verbindungen zu dem Franzosen B. und dem Russen C. dürfte das Verfahren trotzdem werden. Aufhorchen lässt beispielsweise ein Gespräch, in dem Clément B. seinem Vater laut Überwachungsprotokoll über Drogengeschäfte berichtete.

„Wir gehen mehrere Kilo Kokain einkaufen, und dann verkaufen wir die an andere“, sagte B. laut Ermittlungsakten. Dabei fallen auch die Namen „Ali“ (mutmaßlich Magomed-Ali C.) und „Anis“ (mutmaßlich Anis Amri). Unmittelbar danach sagte B. den Akten zufolge: „Waffen sind teuer, hey, Waffen sind teuer.“

Drogengeschäfte zur Finanzierung eines Terroranschlags?

Wollte das Islamisten-Trio im großen Stil Kokain verkaufen, um mit den Erlösen Waffen für einen Terroranschlag zu kaufen? Die Ermittler des Bundeskriminalamtes hielten das für denkbar. Ob die Waffe, mit der Amri vor seiner Lkw-Todesfahrt den Fahrer des Wagens erschoss, durch gemeinsame Drogengeschäfte des Trios finanziert worden sein könnte, „bedarf der weiteren Abklärung“, schreiben die Ermittler in einem Vermerk vom September 2018.

Mit der Vermutung steht ein schwerwiegender Verdacht im Raum: Clément B. und Magomed-Ali C. könnten sich der Beihilfe schuldig gemacht haben. Die „Akte Amri“ müsste in diesem Fall neu geschrieben werden. Bisher handelt es bei dem Verdacht allerdings eher um eine Hypothese.

Die Waffe wurde in Bayern produziert

Die kleinkalibrige Pistole, mit der Amri vor der Tat den polnischen Lkw-Fahrer Lukasz U. erschossen hatte, war eine „Erma, Modell EP 552, produziert im bayerischen Dachau. Über Waffenhändler in der Schweiz und auf dem Balkan landet die Waffe in Deutschland. Und irgendwann bei Anis Amri. Wie der Weg der Waffe genau ist, und wie Amri die Waffe erhielt, bleibt bisher unklar.

Die ermittelnde Generalbundesanwaltschaft äußerte sich auf Nachfrage nicht zu dem Verdacht. Und doch dürften die Staatsanwälte genau auf Verbindungen zwischen dem Verfahren gegen C. zu den immer noch laufenden Ermittlungen im Fall Amri blicken.

Klar ist aus Sicht der Bundesanwaltschaft dagegen, dass Magomed-Ali C., Clément B. – und womöglich auch Anis Amri – bereits Monate vor dessen Todesfahrt auf dem Breitscheidplatz einen Terroranschlag verüben wollten. Die Berliner Morgenpost hatte darüber bereits vor rund zwei Monaten berichtet.

Ein Einkaufszentrum als Anschlagsziel

Den Sprengstoff, der laut Anklage in der Wohnung von C. lagerte, wollten die Islamisten demnach womöglich an einem prominenten Ziel detonieren lassen: im Einkaufszentrum Gesundbrunnen-Center am gleichnamigen S-Bahnhof.

Eher durch einen Zufall wurde die Attacke verhindert. Denn Beamte des Berliner Landeskriminalamtes statteten dem als „Gefährder“ kategorisierten C. im Oktober 2016 einen Besuch ab. Von dem Sprengstoff, der mutmaßlich in der Wohnung lagerte, wussten sie nichts. Doch die Islamisten waren aufgeschreckt.

Clément B. reiste wenige Tage später nach Frankreich – und trieb seine Anschlagsplanungen nun nicht mehr in Berlin, sondern in der Küstenstadt Marseille voran.

Anis Amri aber setzte seine Pläne in Deutschland fort. Er sei „fasziniert“ gewesen von dem Anschlag eines Islamisten mit einem Lkw im französischen Nizza im Sommer 2016, soll B. in Vernehmungen ausgesagt haben. Im Dezember 2016 schlug Amri dann auf dem Breitscheidplatz zu.