Verkehr

Zahl der Raser steigt: Berlins Straßen immer gefährlicher

Berlin geht härter gegen Raser vor. Jeden Tag wird ein Verfahren eröffnet. 90 Prozent der Raser sind nicht Eigentümer der Wagen.

Der Prozess um die Kudamm-Raser als Chronik

Der Bundesgerichtshof hat das Urteil gegen die Kudamm-Raser aufgehoben. Die Angeklagten können auf wesentlich mildere Strafen hoffen.

Der Prozess um die Kudamm-Raser als Chronik

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Berlin. In Berlin wird jeden Tag ein neues Verfahren wegen illegaler Autorennen eröffnet. Das sagte Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) vor Journalisten am Mittwoch. Seit der Einführung eines entsprechenden Raserparagrafen im Oktober 2017 wurden 601 Verfahren eröffnet, so Behrendt weiter.

In Berlin werden Raser-Verfahren bei der Amtsanwaltschaft gebündelt. Diese Besonderheit gibt es sonst nur noch in Frankfurt/Main. Oberamtsanwalt Andreas Winkelmann sagte, dass allein in diesem Jahr bereits 184 Raser-Verfahren gegen bekannte und unbekannte Täter eröffnet worden seien. Tendenz steigend.

Kommentar: Lasst die Raser zu Fuß gehen!

Illegale Autorennen werden härter bestraft

Oberamtsanwalt Winkelmann ist der oberste Raserjäger Berlins. Seit der Einführung von Paragraf 315d des Strafgesetzbuchs kann Winkelmann härter gegen Raser vorgehen. Das Gesetz wurde im Zuge des Kudamm-Raser-Prozesses eingeführt. Auf „verbotene Kraftfahrzeug­rennen“ drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis oder hohe Geldstrafen. Wird eine Person fahrlässig gefährdet oder kommt jemand zu Tode, können daraus auch fünf bis zehn Jahre Haft werden.

Bei der Umsetzung des neuen Gesetzes gilt Berlin als besonders eifrig. In 199 Verfahren wurde bereits öffentlich Anklage erhoben und in 62 Verfahren rechtskräftige Verurteilungen ausgesprochen. Interessant sei laut Winkelmann auch, dass in etwa 90 Prozent der Fälle die festgestellten Raser nicht die Halter der Fahrzeuge seien. Das ist etwa dann der Fall, wenn die Fahrzeuge gemietet oder die Fahrzeuge noch nicht abbezahlt sind. In solchen Fällen ist die Bank der Halter des Autos.

Zahl der Anzeigen gegen Raser in Berlin steigt an

Während es in Berlin im Jahr 2017 insgesamt 711.606 Anzeigen gegen Raser gab, stieg diese Zahl 2018 auf 829.049 rasant an. Auch die rechtliche Behandlung hat sich deutlich verschärft. Im Jahr 2017 wurden in 79 Fällen illegale Autorennen als Ordnungswidrigkeit gewertet. In 19 Fällen wurden die Rennen als Straftat behandelt. Im vergangen Jahr wurden bereits 279 Strafverfahren wegen illegaler Autorennen geführt.

Dass Berlin nun härter gegen Raser vorgehen will, bringt Justizsenator Behrendt sogar Lob von der Opposition ein. Der rechtspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Holger Krestel, sagte: „Das Konzept von Justizsenator Behrendt geht in die richtige Richtung. Es ist absolut wichtig, gegen illegale Autorennen und deren Fahrer vorzugehen“. Jedoch müsse die Frage beantwortet werden, wie Personen identifiziert und herausgefiltert werden können, mahnte Krestel. „Mehr Polizeipräsenz oder die Entschärfung von bekannten Raserschauplätzen kann hier ein Ansatz sein“, so Krestel.

Berlin hat mehrere Raserstrecken

In Berlin gibt es laut Winkelmann mehrere beliebte Raserstrecken. Neben der Autobahn gehören lange und gerade Straßen dazu. Beliebt seien etwa die Yorckstraße, die Frankfurter Allee und die Gneisenaustraße. Der typische Raser sei laut Winkelmann männlich und zwischen 20 und 30 Jahren alt.

Ein Problem sei auch, dass neu zugelassene Autos im Schnitt immer mehr PS hätten. Laut Winkelmann liege die Zahl mittlerweile bei 150 PS. „Mein erstes Autos hatte 50 PS“, sagte Winkelmann der Berliner Morgenpost. Der Jurist sprach sich für neue Führerscheinklassen für hochmotorisierte Fahrzeuge aus. Auch sei es problematisch, wenn Fahranfänger sich bei Autovermietungen hoch motorisierte Autos ausleihen können.

Ein "Donut" bei Hochzeitsfeiern

Täter seien am meisten beeindruckt, wenn sie von der Polizei gestellt und dann Führerschein und Auto sofort beschlagnahmt werden, so Winkelmann. Sie müssten dann zu Fuß weiter. In den Verfahren erlebe er Verdächtige von arrogant über renitent bis betroffen. Die Fälle könnten zunehmen, denn die diesjährige „Rasersaison“ habe erst begonnen, so Winkelmann. Auffällig seien derzeit „Geschicklichkeitsfahrten“ zu großen Hochzeitsfeiern, bei denen Autos um 360 Grad gedreht werden - das sei im Jargon ein „Donut“.

Obwohl Polizisten von der Justiz ein härteres Vorgehen gegen Raser fordern und die Amtsanwaltschaft Lob für ihr hartes Vorgehen bekommt, kritisierte die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) Justizsenator Behrendt. Sie warfen dem Justizsenator Wahlkampf vor. „Herr Behrendt kann bei dem Thema die Rechnung nicht ohne die Polizei aufmachen. Für Verkehrssicherheit ist er nun wirklich nicht zuständig“, sagte der DPolG Landesvorsitzende Bodo Pfalzgraf. Man würde sich freuen, wenn endlich alle Fehlstellen in den Amts- und Staatsanwaltschaften und den Gerichten in Berlin besetzt wären. 93 Amtsanwälte bearbeiten insgesamt 400.000 Verfahren im Jahr.

Technik hilft den Ermittlern

Allerdings hilft eine immer besser Technik den Ermittlern. Fahrzeugdaten können ausgelesen und als Beweise verwendet werden. Auch die Kooperation mit Verleihfirmen funktioniere immer besser. Problematisch sei die Beschlagnahme von Fahrzeugen. Erst in einem einzigen Fall sei das bislang rechtskräftig gelungen.