Stau in Berlin

Verkehrschaos: Bürger fühlen sich von der City abgeschnitten

Um von Außenbezirken in die City zu kommen, müssen Bewohner viel Zeit einplanen. Der ADAC fordert den Ausbau von U- und Straßenbahnen.

Eine der Ursachen für die überfüllten Straßen in Berlin ist die wachsende Zahl von Pendlern aus dem Umland und den Außenbezirken in die City.

Eine der Ursachen für die überfüllten Straßen in Berlin ist die wachsende Zahl von Pendlern aus dem Umland und den Außenbezirken in die City.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Staus, Baustellen, Verkehrsbehinderungen auf dem Weg in die Innenstadt: Viele Bewohner der Berliner Außenbezirke fühlen sich mehr und mehr abgeschnitten. Nun formiert sich Protest gegen die Verkehrspolitik des Senats – unter anderem in Pankow, Spandau und Treptow-Köpenick.

320.000 Menschen pendeln nach Berlin

Eine der Ursachen für die überfüllten Straßen ist die wachsende Zahl von Pendlern aus dem Umland und den Außenbezirken in die City. Täglich fahren alleine mehr als 320.000 Menschen aus dem Umland in die Hauptstadt oder umgekehrt zur Arbeit – viele von ihnen mit dem Auto. Und in vielen Außenbezirken wird gebaut, neue Wohngebiete sind in Planung. Experten mahnen den Ausbau der Infrastruktur mit Bussen und Bahnen an, damit es nicht auf Dauer zum Verkehrsinfarkt kommt.

Vor allem im Norden von Pankow, dem einwohnerstärksten Bezirk, wehren sich Anwohnerinitiativen gegen die Überlastung des Straßennetzes. Von Buch über Karow, Blankenburg und Niederschönhausen passieren Tausende Pendler täglich zahlreiche Staustellen in Richtung Stadtzentrum.

„Zum Anwohnerverkehr kommt der Durchgangsverkehr. Und die Kapazitäten reichen hinten und vorne nicht aus“, sagt Steffen Lochow vom Bucher Bürgerverein. Besondere Sorge bereiten die vielen Bauvorhaben. In Pankow sollen immerhin bis zu 50.000 zusätzliche Wohnungen bis zum Jahr 2030 entstehen.

In Blankenburg gab es deshalb bereits mehrere Demonstrationen, weitere sind geplant. Beispiel: Eine Initiative macht sich für eine Verkehrsberuhigung am Schlosspark stark. Sie will die Ossietzkystraße nächste Woche in Form eines Sitzstreiks „besetzen“. Gleiches Bild auch in Biesdorf: Dort wollen Anwohner am Freitag für sichere Schulwege und eine Entlastung des Verkehrs auf die Straße gehen.

Forderung: Ausbau von Straßen und Brücken

Die extrem angespannte Verkehrssituation in Treptow-Köpenick war das wesentliche Thema des Leserforums der Berliner Morgenpost am Montagabend. Oliver Igel, Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick (SPD), forderte dabei den Senat auf, auch den Ausbau von Straßen und Brücken für Autofahrer in den Blick zu nehmen. „Es muss einen Mix geben. Mir geht ziemlich auf die Nerven, dass auf Landesebene inzwischen nur noch über Radwege und Radschnellwege gesprochen wird“, sagte Igel beim Leserforum.

Ein besonderes Nadelöhr ist die Salvador-Allende-Brücke in Köpenick. Seit die Verbindung über die Müggelspree gesperrt ist, stauen sich die Autos in der Köpenicker Altstadt und auf der Spindlersfelder Straße. Weitere Baustellen, etwa am Bahnhof Karlshorst an der Treskowallee, erschweren die Fahrt in die Innenstadt noch. Je nach Tageszeit müssen Autofahrer bis zu 40 Minuten längere Fahrzeiten einplanen.

Stau auf Spandaus Straßen

Auch in Spandau ist der Verkehr ein Thema, das die Menschen beschäftigt – vor allem unter dem Aspekt, dass Tausende Wohnungen gebaut werden, der öffentliche Nahverkehr in großen Teilen Spandaus aber nur durch Busse gesichert ist. Schon jetzt sind Straßen in Richtung Zentrum, bedingt durch die vielen Pendler, die aus Potsdam, dem Havelland oder Hennigsdorf nach Berlin wollen, am Morgen häufig völlig dicht.

Auf der Heerstraße kann sich die Situation noch einmal verschärfen, wenn der Ausbau der Radwege dort beginnt. Ein Starttermin für die Arbeiten ist noch offen, geplant ist aber, während des Umbaus die Zahl der Spuren von fünf auf drei zu reduzieren. 50.000 Autos und viele Busse sind täglich auf der Heerstraße unterwegs. Stundenlanger Stau im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr sei dann programmiert, kritisierte Ulrike Sommer, stellvertretende Vorsitzende der Spandauer SPD. Besonders schwierig ist die Situation im Norden und Süden von Spandau. Insgesamt mehr als 15.000 Wohnungen sollen laut Stadtentwicklungsamt in den kommenden fünf Jahren fertig werden, ein Großteil davon in den nördlichen Ortsteilen Haselhorst und Hakenfelde.

Straßen sind nicht beliebig erweiterbar

Für die Verkehrsexperten ist das grundsätzliche Problem, dass die Stadt schon jetzt eng bebaut ist und Straßen nicht beliebig erweiterbar sind. Bei der Entwicklung von Neubaugebieten müssen deshalb alternative Verkehrsformen, in erster Linie der öffentliche Personennahverkehr, von Beginn an berücksichtigt werden. „Die Alternativen zum Auto reichen aktuell nicht aus, um genügend Menschen den Umstieg auf andere Verkehrsmittel schmackhaft zu machen“, sagte ein ADAC-Sprecher. „Der Ausbau von U- und Straßenbahnen muss weiter vorangetrieben und der Takt verdichtet werden.“