Digital-Wirtschaft

Berlin entwickelt sich zum Zentrum Künstlicher Intelligenz

Immer mehr Unternehmen der Künstlichen Intelligenz siedeln sich in der Stadt an. Experten rechnen mit einem weiteren Anstieg.

Computer treten immer mehr in Austausch mit dem Mensch. Auf der IFA 2018 präsentierte das Internationale Design Zentrum Berlin seinen lernfähigen Roboter.

Computer treten immer mehr in Austausch mit dem Mensch. Auf der IFA 2018 präsentierte das Internationale Design Zentrum Berlin seinen lernfähigen Roboter.

Berlin entwickelt sich immer mehr zur Hauptstadt der Künstlichen Intelligenz (KI). Schon jetzt arbeiten 5000 Menschen in Unternehmen, die sich mit lernfähigen Maschinen und Systemen beschäftigen. In den kommenden Jahren wird sich die Zahl deutlich erhöhen. „Berlin ist der ideale Standort dafür“, sagt der Chef der Technologiestiftung Berlin, Nicolas Zimmer.

„Hier besteht eine hervorragende Wissenschafts- und Forschungslandschaft, das kreative Potenzial und die Internationalität.“ Berlin sei in dieser Vielfalt ein Labor für neue Unternehmen. Derzeit setzen Unternehmen, die sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen, rund 500 Millionen Euro um.

Jedes zweite neue KI-Unternehmen entsteht in Berlin

In den kommenden fünf Jahren wird sich die Summe nach Prognosen der Technologiestiftung vervierfachen. Jedes dritte Unternehmen, das sich mit lernfähigen Systemen beschäftigt, hat seinen Sitz in der Hauptstadtregion, jede zweite Neugründung findet zudem in Berlin und Brandenburg statt. Die größten Geschäftsfelder sind das Gesundheitswesen, die Optimierung von Geschäftsabläufen und die Robotik.

Nach Überzeugung Zimmers wird es in den kommenden Jahren dabei darauf ankommen, in der Stadt konkrete Lösungen für bestehende Probleme zu finden. „Berlin hat sich mit dem Zukunftspakt Verwaltung auf den Weg gemacht“, sagt Zimmer.

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Das CityLAB soll praktische Lösungen finden

Im Sommer eröffnet der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) zudem das „CityLAB“ im Gebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Hier sollen Experten der Stadtgesellschaft, Verwaltung, der Wissenschaft und der Digitalwirtschaft nach schnell umsetzbaren praktischen Lösungen suchen.

Allerdings wird bis dahin nach Überzeugung Zimmers noch eine Menge Überzeugungsarbeit nötig sein. „Für kleine und mittelständische Unternehmen ist es schon anstrengend genug, sich mit den Herausforderungen der Digitalisierung zu beschäftigen“, sagt Zimmer.

Die Deutschen haben Vorbehalte gegen KI

Beim Thema Künstliche Intelligenz seien die Vorbehalte noch größer. Nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov stehen die Deutschen der Künstlichen Intelligenz insgesamt eher skeptisch gegenüber. Ein Viertel der Befragten gab demnach an, dass sie die Risiken höher bewerten als den Nutzen. Nur 15 Prozent sehen in der Künstlichen Intelligenz mehr Vorteile als Risiken.

Der Chef der Technologiestiftung meidet dann auch das Wort lieber und spricht stattdessen vom „maschinellen Lernen“. Die Vorbehalte gegen die Künstliche Intelligenz kann Zimmer nachvollziehen, empfiehlt aber einen nüchternen Blick auf die Chancen und Risiken der neuen Technik. „Es bringt nichts, Begriffe mit Erwartungen oder Ängsten aufzuladen, die sie am Ende nicht erfüllen“, sagt Zimmer.

KI soll den Mitarbeitern in der Verwaltung helfen

Wichtig sei, dass die Anwender die Kontrolle über ihre Daten behalten. Staat und Gesellschaft müssten sich mehr als handelnde Akteure, denn als Konsumenten der großen Internetgiganten begreifen.

Große Hoffnungen setzt der Chef der Technologiestiftung in den Zukunftspakt Verwaltung, der in der kommenden Woche beschlossen wird. Bislang könne die Verwaltung mit der digitalen Entwicklung nicht mithalten. Das soll sich mit dem Zukunftspakt ändern. „In vielen Verwaltungen besteht eine Überforderung der Mitarbeiter durch Überlastung“, sagt Zimmer. „Hier könnte Künstliche Intelligenz helfen, zum Beispiel, in dem Muster in den Entscheidungen der letzten fünf Jahre erkannt werden und so den Mitarbeitern die Entscheidung erleichtern. Das ist keine Raketentechnik.“

575 Verwaltungsdienstleistungen sollen künftig online angeboten werden

In Berlin sollen künftig insgesamt 575 Verwaltungsdienstleistungen online angeboten werden, 72 davon stehen bereits zur Verfügung. „Hierzu wird der landesweit einheitliche Informations- und Kommunikationstechnik-Basisdienst „Digitaler Antrag“ zur Verfügung gestellt“, heißt es in der Antwort des Senats auf eine Anfrage der FDP. Wann es soweit ist, geht aus der Antwort des Senats nicht hervor.

Tatsächlich hinkt die Verwaltung der digitalen Entwicklung deutlich hinterher, kritisieren die Freidemokraten. „Die Halbzeitbilanz des Berliner Senats in Bezug auf die Verwaltungsdigitalisierung lautet: Der Berliner Senat hat keine Ahnung, wie viele Menschen die Online-Angebote nutzen“, sagt der Digital-Experte der Fraktion, Bernd Schlömer. „Der Senat kann daher auch nicht wirklich beurteilen, ob die Angebote angenommen werden.“

Es fehlen konkrete Anwendungsfelder

Insgesamt agiere der Senat beim Thema Digitalisierung planlos. „Der Senat hat überhaupt keinen Ansatz, wo er Künstliche Intelligenz einsetzen möchte und wie die Wege dahin aussehen könnten“, kritisiert Schlömer. Der Verwaltung fehle das Verständnis dafür, wo digitale Techniken im Verwaltungshandeln eingesetzt werden können.

Dabei fehlt es aus Sicht Schlömers nicht an möglichen Einsatzgebieten. „Programme der Künstlichen Intelligenz könnten zum Beispiel bei der Prognose der Umsatzsteuererwartung in Steuerverfahren eingesetzt werden“, sagt der Digitalexperte.

Doch um dafür entsprechende digitale Lösungen zu finden, müsste die Verwaltung die Daten zugänglich machen, um Test- und Trainingsmöglichkeiten zu eröffnen. Doch das finde nicht statt. „Wenn das nicht geschieht, wird da auch nichts kommen“, sagt Schlömer.

Insgesamt steht Schlömer den Bemühungen des Senats, die Verwaltung digital zu erneuern, skeptisch gegenüber. „Ich bin da pessimistisch“, sagt Schlömer. „Innovation ist offensichtlich nicht vorgesehen, es herrscht eine trostlose Lage.“

Der Senat versucht derzeit auf mehreren Ebenen, den digitalen Wandel in der Verwaltung voranzutreiben. Neben der Ausweitung des Online-Angebots, wird derzeit ein virtueller Bürger-Service-Assistent entwickelt, der „bereits Standardfragen zu den Dienstleistungen und Standorten im Land Berlin beantwortet“, heißt es in dem Antwortschreiben des Innenstaatssekretärs, Torsten Akmann. Das System befinde sich derzeit in der Erprobung. „Anhand der Erkenntnisse aus dieser Forschungskooperation wird sich zeigen, wie sich der Einsatz von KI für andere Bereiche nutzen lässt.“

Viele Firmen planen digitale Zentren in Berlin

Erste Versuche, Berlin als KI-Standort weiter aufzuwerten, laufen bereits an. So soll etwa das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) nach Berlin geholt werden. Der Internetkonzern Google plant einen Ausbau seiner KI-Forschung in Berlin und es bestehen zahlreiche Partnerschaften zwischen den Berliner Universitäten und der Charité mit anderen Forschungseinrichtungen.

Vor den Toren Berlins forschen Wissenschaftler am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam über lernfähige Maschinen. Außerdem hat der britische Turbinenhersteller RollsRoyce angekündigt, in Dahlewitz ein Zentrum für digitale Technologien zu eröffnen. Der Konzern stellt dafür insgesamt 113 Millionen Euro zur Verfügung.

Die FDP kritisiert die Planlosigkeit des Senats

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) kündigte an, vor allem die unabhängige KI-Forschung in der Stadt zu fördern. Unter anderem deshalb plant der Senat mit 100 zusätzlichen Digital-Professuren für die Forschung. Auch die Verwaltung beschäftigt sich bereits mit KI-Anwendungen.

„Das Themenfeld Künstliche Intelligenz wird derzeit im Rahmen einer Forschungskooperation zwischen der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, dem IT-Dienstleistungszentrum und dem KI-Labor der TU Berlin mit dem Ziel bearbeitet, ein modernes KI-basiertes Chatbotsystem zu entwickeln“, heißt es in der Antwort der Innenverwaltung auf eine Anfrage der FDP. Der Digital-Experte der Fraktion, Bernd Schlömer, sieht allerdings noch erheblichen Handlungsbedarf. „Bei Anwendungsfeldern oder Einsatzmöglichkeiten für Künstliche Intelligenz ist der Senat inspirationslos“, sagt Schlömer. „Innovation ist offensichtlich nicht vorgesehen.“