Fest in Berlin

50.000 feiern das Wunder der Luftbrücke

Vor 70 Jahren endete die Berlin-Blockade. 50.000 Besucher kamen zum Fest auf das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof.

Spaß im Sonnenschein: Familie Prochno vor dem Rosinenbomber auf dem Tempelhofer Feld.                             Foto: Sergej Glanze

Spaß im Sonnenschein: Familie Prochno vor dem Rosinenbomber auf dem Tempelhofer Feld. Foto: Sergej Glanze

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. „Der heutige Tag weckt tiefe Gefühle“, sagt Jürgen Schulz. Welche, könne er gar nicht so einfach beschreiben. „Rückblickend bin ich natürlich glücklich, dass alles gut ging“, sagt der 78-jährige Zeitzeuge. Zwar könne er sich noch genau an die Luftbrücke erinnern, die Dramatik der Situation habe er mit damals acht Jahren aber noch nicht verstehen können. „Wir wohnten zu der Zeit in Britz und die Flugzeuge flogen so tief über unser Haus, dass die Gläser in den Schränken klirrten“, erinnert er sich. Den Geschmack der englischen Cadbury-Schokolade habe er bis heute nicht vergessen. „Wir haben noch tagelang am Stanniolpapier gerochen – muss man sich mal vorstellen“, erzählt er.

Der Kreuzberger war einer von vielen Zeitzeugen, die am Sonntag das große Fest zum Ende der Berlin-Blockade vor genau 70 Jahren feierten. 50.000 Besucher waren dazu auf das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof gekommen.

„Die Luftbrücke zeigte den Menschen, dass sie nicht allein gelassen wurden“

Bevor die Berliner auf das Festgelände strömten, wurde in einer feierlichen Zeremonie und mit militärischen Ehren am Fuße des Luftbrückendenkmals an das Ende der Blockade erinnert. Vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949 hatte die Sowjetunion alle Zufahrtswege nach Westberlin blockiert. Um zwei Millionen Menschen vor dem Verhungern zu retten, versorgten die Westalliierten die Stadt fast ein Jahr lang aus der Luft.

Bei insgesamt 280.000 Flügen gelangten mehr als zwei Millionen Tonnen Lebensmittel, Kohle und Medikamente nach Westberlin. Die Flugzeuge landeten und starteten zum Teil im drei Minuten Takt. Eine Meisterleistung, für die die Berliner noch heute dankbar sind.

„Die Luftbrücke zeigte den Menschen, dass sie nicht allein gelassen wurden“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) beim Festakt. „Die Berliner werden das nie vergessen.“ Der Einsatz der US-Amerikaner, Briten, Franzosen, aber auch Kanadier, Südafrikaner, Neuseeländer und Australier habe gezeigt, „dass es gemeinsam gelingen kann, die größten Herausforderungen zu überwinden“. Kurz nach dem Krieg wurden die ehemaligen Feinde so zu Freunden. „Mit dieser Luftbrücke ist Unmögliches möglich geworden“, sagte Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD).

Großer Applaus für Rosinenbomber-Pilot Gail Halvorsen

Dann führte Müller den US-Piloten und Erfinder des Rosinenbombers, Gail Halvorsen, unter großem Applaus nach vorne. Der Mann, der damals im Landeanflug selbstgebastelte Taschentuch-Fallschirme mit Schokolade und Kaugummis für die Kinder abwarf, war trotz seines hohen Alters von bald 99 Jahren auch zu diesem Jubiläum nach Berlin gekommen. „Heute ist ein schöner Tag“, sagte er in bestem Deutsch. Und rief dem Publikum zu: „Ich bin ein Sohn dieser Stadt. Berlin ist meine zweite Heimat.“ Neben Halvorsen nahmen weitere sechs Veteranen der Luftbrücke an der Gedenkfeier teil. Gedacht wurde der etwa 80 Menschen, die während der Blockade ums Leben kamen.

Beim ehrenvollen Festakt vor dem Denkmal am Platz der Luftbrücke fehlte der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell. Er war am Sonntag auf anderen Terminen. Gekommen war stattdessen die Gesandte Robin S. Quinville. Dies wurde in Berliner Regierungskreisen als Affront gewertet. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) sagte der Berliner Morgenpost: „Es ist sehr traurig und bedauerlich, dass der Botschafter an einem solchen Tag nicht gekommen ist.“ Die USA entfernten sich immer mehr von der Partnerschaft mit Deutschland und Europa, so Pop. Doch US-Botschafter Grenell war den Feierlichkeiten nicht gänzlich fern geblieben. Er hatte am Vorabend bei einer Serenade als Dank für die Berliner Luftbrücke im Alliierten-Museum teilgenommen – auf Einladung von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU).

Während der Sonntagvormittag dem ernsten Gedenken und den Ehrengästen galt, wurde daraus auf dem ehemaligen Flughafenfeld ab 13 Uhr ein riesiges fröhliches Fest. Mit dem offiziellen Start füllten sich innerhalb nur weniger Minuten die grauen Vorfeldflächen.

Rosinenbomber wohl beliebtestes Fotomotiv des Tages

Zwischen Ständen mit Canadian Street Foot und Berliner Grillstübchen, Coca Cola und Berliner Brause waren lange Biertische aufgebaut. Besonders begehrt bei Kindern: eine Fahrt im kleinen 40 Jahre alten Kinder-Kettenkarussell. Von der Bühne auf der großen Vorfeldfläche drangen nostalgische Lieder wie „Lili Marleen“ oder die „Berliner Luft“.

Es spielten „The United States Air Forces in Europe Band“ auf, aber auch das Stabsmusikkorps der Bundeswehr, das Bundespolizeiorchester The Frogs und die Big Band des Lankwitzer Beethoven Gymnasiums. Der Rosinenbomber und die grünen Jeeps, in denen die für die Berliner so wertvolle Fracht einst transportiert worden war, waren das wohl beliebteste Fotomotiv des Tages. Einsatzkräfte und Hilfsorganisationen wie die Berliner Feuerwehr und Care Deutschland präsentierten sich auf dem Vorfeld und in den Hangars.

Auf einer über 70 Meter langen Projektionswand erzählte eine Filmcollage von der Zeit der Luftbrücke, dem Einsatz der westlichen Alliierten und dem Durchhaltewillen der Bevölkerung. Nebenan wurden Fotos aus der Zeit des Kalten Kriegs ausgestellt. Auf einer Bühne berichteten Zeitzeugen und Experten von der Zeit der Berlin-Blockade.

Bestes Wetter zum Luftbrücken-Gedenken

Das Wetter spielte grandios mit. Anna-Margareta Peters, die ehemalige Vorsitzende der Stiftung Luftbrückendank, wunderte sich darüber nicht. „Ich kann mich nicht darin erinnern, dass es am 12. Mai jemals geregnet hat. Das liegt sicher an der Verbindung der Piloten zum Himmel“, sagte sie.

Viele ältere Berliner kamen mit Kindern, Enkeln und Urenkeln, um die Erinnerung an damals weiterzugeben. Die Paare Dan und Melanie sowie Monique und Stephan waren mit ihren Kindern extra aus Herzberg und Wittenberg nach Berlin gefahren. „Es ist eine tolle Sache, dass das Luftbrücken-Gedenken mit einem so großen Familienfest verbunden ist“, sagte Monique. Bis 19 Uhr wurde auf dem ehemaligen Rollfeld in Tempelhof gefeiert.