Berliner Handwerkskammer

Carola Zarth: „Werkunterricht könnte Schülern helfen“

Carola Zarth, Präsidentin der Berliner Handwerkskammer, fordert stärkere praktische Ausbildung in Schulen und zweifelt an den Lehrern.

Die Charlottenburgerin Carola Zarth ist neue Präsidentin der Berliner Handwerkskammer. Die 53 Jahre alte Chefin einer Kfz-Werkstatt folgte auf Stephan Schwarz, der 16 Jahre an der Spitze der Kammer stand.

Die Charlottenburgerin Carola Zarth ist neue Präsidentin der Berliner Handwerkskammer. Die 53 Jahre alte Chefin einer Kfz-Werkstatt folgte auf Stephan Schwarz, der 16 Jahre an der Spitze der Kammer stand.

Foto: Maurizio Gambarini/Funke Fotoservices

Berlin.  Die Handwerker in der deutschen Hauptstadt werden erstmals in der Geschichte von einer Frau geführt. Carola Zarth, Geschäftsführerin einer Kfz-Werkstatt aus Charlottenburg, ist in der vergangenen Woche zur neuen Präsidentin der Kammer gewählt worden. Im Interview mit der Berliner Morgenpost erklärt sie, wie es um das Image der Handwerkerschaft steht und wie der Fachkräftemangel gelindert werden könnte.

Berliner Morgenpost: Frau Zarth, Sie sind die erste Präsidentin in der Geschichte der Berliner Handwerkskammer. Welches Zeichen geht davon aus?

Carola Zarth: Ich hoffe, ein positives Zeichen und auch ein Signal an alle Frauen, dass ein Beruf im handwerklichen Bereich durchaus interessant sein kann.

Von Gleichstellung ist das Handwerk nicht nur in Berlin aber noch weit entfernt. Wie lässt sich das ändern?

Auch heute gibt es schon Berufe im Handwerk, die sind für Frauen sehr attraktiv. In Berlin gibt es zum Beispiel viele Tischlerinnen. Aber dort, wo es körperlich anstrengend ist, gibt es ganz klar weniger Frauen. Das ist zum Beispiel bei den Gerüstbauern der Fall. Generell müssen wir Frauen immer wieder ermutigen, vielleicht auch mitunter eine ungewöhnliche Berufswahl zu treffen.

Nicht nur Frauen fehlen im Handwerk. In Berlin fiel es den Unternehmen zuletzt schwerer, Nachwuchs zu gewinnen. Viele Ausbildungsplätze blieben unbesetzt. Welchen Weg wollen Sie als neue Präsidentin gehen, den Fachkräftemangel zu lindern?

Den einen Weg gibt es nicht. Das Handwerk steht in Berlin im Wettbewerb mit vielen anderen Akteuren. Wir versuchen etwa, durch eine Image-Kampagne für junge Menschen interessant zu werden. ‚Du kannst nicht wissen, dass es nichts für dich ist, wenn du es nicht ausprobiert hast‘, ist zum Beispiel ein Spruch, der provokant ist und mir gefällt. Davon verspreche ich mir einiges, aber das kann nicht der einzige Weg sein. Die Handwerkskammer muss den Betrieben aber die notwendigen Hilfen an die Hand geben. Das kann zum Beispiel das Berufsabitur sein, das es seit dem vergangenen Jahr in Berlin gibt. Innerhalb von vier Jahren erwerben junge Leute dabei das Abitur sowie den Gesellenbrief im Beruf Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Das ist ein attraktives Angebot. Darauf müssen wir weiter aufbauen.

Junge Menschen kommen immer seltener auf die Idee, Handwerker zu werden. Die Anzahl der Studierenden nimmt aber jährlich zu. Für wie problematisch halten Sie das?

Das ist ein großes Problem. Wir sehen das zum Beispiel gerade beim Thema Unternehmensnachfolge. Das betrifft in den kommenden Jahren Tausende Betriebe in Berlin. Natürlich muss, um die Betriebsübergabe zu regeln, zunächst ein passender Nachfolger gefunden werden. Das ist aber kaum möglich, weil junge Leute jahrelang zu Hause am Küchentisch gehört haben, dass sie unbedingt studieren müssen, um später beruflich erfolgreich sein zu können. Das stimmt aber gar nicht. Diesen Wandel in den Köpfen der Gesellschaft hinzubekommen, ist aber schwierig. Was nötig ist, ist echte Bildungsgerechtigkeit: Nicht nur Kinder aus Handwerkerfamilien müssen studieren dürfen. Für Kinder aus Akademikerfamilien darf es auch kein Problem sein, eine Ausbildung zu machen. Da haben wir alle zusammen noch ganz dicke Bretter zu bohren.

Welche Rolle spielt die Schule?

Ich glaube, es ist ein Fehler, dass junge Leute in der Schule nicht mehr an praktische Tätigkeiten herangeführt werden. Werkunterricht gibt es ja gar nicht mehr an Berliner Schulen – und wenn, dann nur in sehr abgespeckter Form. Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt. Werkunterricht könnte den Schülern auch bei der Berufsorientierung helfen. Es ist ja so, dass sich Jugendliche damit heute unglaublich schwer tun. Es wird viel ausprobiert, teilweise mehrfach mit unterschiedlichen Studiengängen begonnen. Aber die jungen Leute denken wenig darüber nach, dass eine Ausbildung vielleicht eine größere Genugtuung bringen könnte, als in überfüllten Hörsälen zu sitzen.

Wie kann sich das ändern?

Da ist zunächst natürlich mal die Senatsverwaltung für Bildung gefragt. Es hängt aber auch viel von den Lehrerinnen und Lehrern selbst ab. Die Lehrkräfte gehen ja gewissermaßen von der eigenen Schulzeit in das Studium und dann wieder zurück in die Schule. Ich stelle mir die Frage, ob Lehrer heutzutage überhaupt noch in der Lage dazu sind, praxisorientiert Berufsbilder zu vermitteln.

Könnten Handwerker einspringen, um in den Schulen Werkunterricht zu geben?

Bei der derzeitigen Auslastung aktive Handwerker zu finden, die auch noch die Schulen aufsuchen, um Werkunterricht zu geben, halte ich für schwierig. Vielleicht ist es aber möglich im Rahmen eines Projekts, Handwerker dafür zu gewinnen, die bereits im Ruhestand sind. Ehrenamtlich läuft hier bereits viel über Schulpartnerschaften.

Schule ist für die Handwerksfirmen ja auch sonst ein Thema. In Berlin sind viele Betriebe dazu übergegangen, Azubis Nachhilfe zu geben, um Grundlagenwissen nachzuholen. Ist das aus Ihrer Sicht Aufgabe der Betriebe?

Mich beeindruckt es, dass viele Kollegen das machen. Gerade vor dem Hintergrund der jetzigen Auftragslage. Das zeigt ja auch, dass Familienbetrieb im Handwerk nicht nur bedeutet, dass es um die eigene Familie geht, sondern, dass auch die Mitarbeiter ein Stück der Familie sind. Aber letztendlich ist das Nachholen von schulischem Lehrstoff nicht die Aufgabe der Betriebe. Dennoch wollen wir weiterhin auf lernschwächere Schüler zugehen. Ohne Frage wird der Weg für sie aber schwerer. Denn die Anforderungen haben in allen Berufen zugenommen. Die Herausforderung, die Berufsschule zu bestehen, ist aufgrund des technischen Wandels ohne Frage gestiegen.

Hilft die Digitalisierung dem Handwerk auch in Sachen Nachwuchsgewinnung?

Ich finde, viele Berufe sind durch digitale Unterstützung attraktiver geworden. Neulich hat mir ein Dachdecker erzählt, dass er auf seinen Baustellen jetzt auch Multicopter einsetzt. Durch die Digitalisierung verändern sich die Berufsbilder radikal. Das ist sicher spannend für junge Leute, und der digitale Wandel hilft dem Handwerk auch, eine gewisse Neugier für die Berufe zu wecken. Das versuchen wir auch über die Image-Kampagne zu transportieren, indem wir sagen: ‚Hey, hier gibt es mittlerweile ganz viel, was ihr tagtäglich auch mit eurem Smartphone macht‘.

Ob Berufe als attraktiv gelten oder nicht, ist auch immer eine Frage der finanziellen Perspektive. Verdienen Auszubildende und Handwerker an sich genug Geld?

Die Ausbildungsvergütungen sind unterschiedlich hoch. Aber ich denke schon, dass in einigen Bereichen sehr gut gezahlt wird. Generell wird dem Handwerk ja immer unterstellt, dass man sehr lange braucht, um gutes Geld zu verdienen. Das sehe ich anders. Wer mal den Vergleich zieht zwischen Studium und Ausbildung bis hin zum Meister wird feststellen, dass der zeitliche Aufwand sehr ähnlich ist. Und im Gegensatz zum Studium haben junge Leute dann schon auch als Auszubildende etwas Geld verdient.

Frau an der Spitze

Die Handwerkskammer Berlin wird erstmals in ihrer Geschichte von einer Frau geführt: Carola Zarth (53) ist am Mittwoch für fünf Jahre zur neuen Kammer-Präsidentin gewählt worden. Zarth folgte auf Stephan Schwarz, der das Amt insgesamt 16 Jahre inne hatte. Eine Forderung der neuen Präsidentin ist die Wiedereinführung von Werkunterricht an Schulen. Nach Angaben der Bildungsverwaltung ist Werkunterricht derzeit kein eigenständiges Fach. Inhalte daraus würden aber in den Klassen 7 bis 10 vermittelt.