Preisverleihung

Kindertheaterpreis: Kindern auf Augenhöhe begegnen

Zum sechsten Mal wird der Berliner Kindertheaterpreis vergeben. Das Gewinnerstück wird in der nächsten Saison im Grips uraufgeführt.

Die Nominierten: Esther Becker, Tamara Bach, Kathrin Köller, Cathleen Braumann (v.l.). Rinus Silzle kommt erst zur Preisverleihung nach Berlin.

Die Nominierten: Esther Becker, Tamara Bach, Kathrin Köller, Cathleen Braumann (v.l.). Rinus Silzle kommt erst zur Preisverleihung nach Berlin.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Gewonnen haben sie alle fünf. Auch wenn es am Mittwochabend nur einen Preisträger geben wird. Zum sechsten Mal wird dann der Berliner Kindertheaterpreis auf der Bühne des Grips-Theaters vergeben. Der erste Preis ist dabei nicht nur mit einem Preisgeld von bis zu 4500 Euro verbunden, sondern auch mit der Ausarbeitung des prämierten Stückes für die Bühne. Uraufführung ist dann in der kommenden Spielzeit im Grips-Theater.

Gewonnen haben die fünf Nominierten aber schon jetzt. Denn mit der Nominierung vor anderthalb Jahren war für jeden ein Stipendium in Höhe von 1500 Euro und die Teilnahme an zwei Workshop-Phasen verbunden. „Dabei haben wir viel Input bekommen“, sagt Rinus Silzle, der zusammen mit Tamara Bach, Esther Becker, Cathleen Braumannn und Kathrin Köller zu den Nominierten gehört.

Ehemalige Preisträger und Fachleute haben Vorschläge eingereicht

Der Berliner Kindertheaterpreis wird seit 2005 vom Grips zusammen mit der Gasag vergeben. Mit der sechsten Auflage hat sich jetzt allerdings der Auswahlmodus verändert. Die Kandidaten bewerben sich nicht mehr selbst für den Wettbewerb, sondern werden von ehemaligen Preisträgern und Fachleuten aus unterschiedlichen Institutionen vorgeschlagen. Dabei sind Hochschulen, Verlage und Theaterorganisationen.

Insgesamt 40 Vorschläge kamen so zusammen, fünf wurden schließlich von der Jury ausgewählt. Theaterleiter Philipp Harpain zeigt sich zufrieden über diesen neuen Weg: „Es hat sich gelohnt, denn die Qualität aller eingereichten Stücke unserer fünf Nominierten ist außerordentlich hoch, jedes der Stücke hatte in der Jurysitzung leidenschaftliche Fürsprecher.“

Geschichten aus der Lebenswirklichkeit der Kinder

Tamara Bach zum Beispiel ist auf Empfehlung von Kirsten Fuchs dabei, die vor vier Jahren selbst Preisträgerin wurde und von der inzwischen schon vier Stücke im Grips uraufgeführt wurden. „Fällt dir bis nächste Woche was ein?“, erinnert sich Bach an ihren ersten Gedanken, als sie vor anderthalb Jahren von der Ausschreibung erfuhr. „Das Huhn war dann gleich da, die Geschichte dazu hat sich erst später entwickelt“, erzählt Tamara Bach, die vorher viele Kinder- und Jugendbücher geschrieben hat.

Jetzt geht sie mit ihrem Stück „Das Huhn lügt“ ins Rennen, eine Geschichte über Mobbing. Auch bei den anderen vier Mitbewerbern waren es zunächst Entwürfe, die sie einreichten, manchmal sind daraus sogar ganz andere Stücke entstanden, als ursprünglich geplant. Für die Ausarbeitung hatten sie nach ihrer Nominierung noch ein Jahr Zeit.

Es geht um Hackordnung im Klassenzimmer oder das Gefühl im falschen Körper zu sein

In den Stücken geht es um für Kinder relevante, auch brisante Themen: die Hackordnung im Klassenzimmer oder zwischen Geschwistern, das Aufwachsen unter schwierigen familiären Bedingungen, Alleinsein, das Gefühl im falschen Körper zu sein. Es sind Geschichten, die aus der Perspektive der Kinder erzählt werden, die ihre Lebenswirklichkeit spiegeln, die aus dem Geist des Grips erwachsen sind und ihn neu interpretieren.

Denn der Preis ist nicht nur eine Auszeichnung für die Autoren, er dient auch der Weiterentwicklung des Theaters, das auf diesem Wege neue Autoren und neue zeitgenössische Stücke entdeckt. Schließlich stand das Grips ja selbst bei seiner Gründung vor 50 Jahren für eine Erneuerung des Kindertheaters und muss diesem Anspruch ja auch ein halbes Jahrhundert seit seinem Bestehen gerecht werden.

Es gibt sogar sprechende Schnecken und Toiletten

Das Grundprinzip der Gründungsidee haben auch die fünf Autoren verinnerlicht. „Kindern auf Augenhöhe begegnen, ihnen eine Stimme geben, statt von oben herab über sie zu bestimmen“, erklärt Cathleen Braumann, eine der Nominierten, ihren Anspruch an Kindertheater. Kathrin Köller ergänzt: „Man darf Kinder nicht belächeln, und trotzdem ist Humor ganz wichtig.“ Auf der Bühne wollen sie die jungen Zuschauer in ihrer Lebenswirklichkeit abholen. Wobei nicht alles mit rechten Dingen zugehen muss. Bei Esther Becker zum Beispiel gibt es Schnecken, bei Kathrin Köller gar Toiletten, die reden können.

Für die Nominierten ist Schreiben kein Neuland, sie haben es studiert und schon Bücher oder Stücke veröffentlicht. Allerdings hat noch keiner von ihnen ein Theaterstück für so junge Kinder geschrieben: 5 Jahre und älter, lautete die Vorgabe. „Das hat großen Spaß gemacht, war aber durchaus eine Herausforderung“, sagt Kathrin Köller. Geholfen habe dabei auch der Austausch mit dem jungen Publikum selbst.

Das Thema Freundschaft bleibt für Kinder immer aktuell

So gehörten zu den Workshops auch Besuche bei Erstklässlern der Hansa-Grundschule nahe dem Grips-Theater, denen sie auch Ausschnitte aus ihren Stücken vorgelesen haben. „Es war spannend zu erleben, wie sie darauf reagieren“, erinnert sich Tamara Bach, „und wie konzentriert sie dabei waren.“ Gefragt haben die Autoren die Kinder dabei auch, was sie eigentlich auf der Bühne sehen wollen. Da kam eine bunte Mischung zusammen. „Tiere, Explosionen, Pizzaladen und Karatemeisterin“, listet Esther Becker auf.

Vieles davon gibt es auch in den Stücken, zumindest Tiere, Pizza, schräge Gestalten. Und es geht viel um Freundschaften. „Das ist ein Thema, das immer aktuell bleibt“, sagt Kathrin Köller. Und wenn ein Kind im Hinblick auf eine Bühnenfigur sagt: „So eine Freundin bin ich auch“, sei das doch das größte Kompliment.

Zum Schreiben kamen alle fünf Autoren nach Berlin und leben bis auf Rinus Silzle auch immer noch hier. Für sie ist die Stadt ein gutes Pflaster für Kreative. „Hier kann man sich immer wieder neu erfinden“, sagt Kathrin Köller, die lange als Lehrerin und Redakteurin gearbeitet hat, bevor sie sich ganz aufs Schreiben verlegte. Themen, die Kinder ansprechen, könne man aber überall entdecken, findet Tamara Bach: „Ob auf einem Berg, im Café oder in der U-Bahn.“