Biodiversität

Berliner Forschungseinrichtungen kämpfen gegen Artenschwund

Der Zoo hält bedrohte Arten, um sie wieder auszuwildern, das Naturkundemuseum macht Lobbyarbeit, Botanischer Garten fordert Umdenken.

Pandabär Jiao Qing im Berliner Zoo

Pandabär Jiao Qing im Berliner Zoo

Foto: Frank Lehmann

Darum, bloß seltene Tiere auszustellen, geht es in Zoologischen Gärten schon lange nicht mehr. Rund ein Drittel der insgesamt 28.338 Bewohner des Berliner Zoos befinden sich laut Tobias Rahde, Kurator für Vögel und Artenschutz, derzeit in einem Zuchtprogramm. „Wir haben leider relativ viele seltene Arten, die aussterben oder deren Lebensraum immer kleiner wird.“ Darunter seien fast alle Säugetiere und Vögel des Bestands.

„Aufgabe der Zoos ist es, Arten zu erhalten, auf genetische Diversität zu achten und damit Zuchtgruppen zu haben, die entweder selbst oder deren Nachkommen wieder in freier Wildbahn zurechtkommen können.“ Dazu seien die Zoos weltweit in gemeinsamen Zuchtprogrammen miteinander vernetzt.

Tiere werden nach Vietnam gebracht, wo die Art verschwunden ist

Als Beispiel dafür nennt Rahde den ursprünglich in Mittelvietnam heimischen Edwardsfasan. Der sei heute durch Bejagung, aber auch durch die Spätfolgen der Entlaubung ganzer Landstriche durch die US-Armee im Vietnamkrieg in freier Wildbahn wahrscheinlich vollständig ausgestorben. Der Berliner Zoo habe allerdings ein Paar, dass gerade zwei Jungvögel ausgebrütet hat, und koordiniere die internationale Zucht. Die Auswilderung stehe an. „Dass heißt, wir werden die Tiere nach Vietnam bringen, wo neue Zuchtgruppen aufgebaut werden.“ Ziel sei eine halbwegs stabile Population im Auswilderungsgebiet bis 2030.

Optimismus, den es leider nicht bei allen Arten gebe. So befänden sich etwa die Bestände des Sibirischen Tigers im freien Fall. „Ich werde zu meinen Lebzeiten noch erleben, dass fünf bis sechs große Arten aussterben“, sagt der 42-jährige Rahde. Darunter neben dem Tiger aller Wahrscheinlichkeit auch das Sumatranashorn. „Tiere, die für immer verschwinden werden.“

Naturkundemuseum will Bewusstsein für Natur stärken

Lebende Tiere gibt es im Berliner Naturkundemuseum nicht. Trotzdem fühle man sich bestärkt im Willen, etwas zu tun, sagt Direktor Johannes Vogel. „Natur braucht starke Partner.“ Wie kaum eine andere Forschungseinrichtung Berlins gebe man ihr ein Forum, so Vogel weiter.

Neben dem normalen Museumsbetrieb gebe es mehr als 100 Sonderveranstaltungen im Jahr. „Darin versuchen wir, wissensbasiert ein Verständnis und ein Bewusstsein für die Natur zu schaffen.“ Mit 60.000 Besuchern jährlich spreche man zwei Prozent der erwachsenen Berliner Bevölkerung an.

Politikberatung als logische Konsequenz

Ein Naturbewusstsein, dass noch nicht ausreichend gegeben sei, bedauert Vogel. „Natur ist für uns aber das Politischste, was es gibt, weil wir als Menschen zum einen Teil davon sind und außerdem komplett von ihr abhängen.“ Leider werde sie zu oft ökonomischen Interessen unterworfen. Es gehe darum, aus der Sicht der Natur zu argumentieren. Entsprechend mache sein Haus auch Politikberatung, so Vogel weiter. Für den Dialog von Wissenschaft und Bevölkerung bekam das Naturkundemuseum zuletzt 660 Millionen Euro vom Land Berlin und vom Bund.

„Der Botanische Garten ist eine der insektenreichsten Orte Berlins“, sagt dessen Direktor Thomas Borsch. Grund seien einige mittlerweile selten gewordene heimische Pflanzen, die etwa spezialisierten Bienenvölkern Nahrung bieten. Pflanzen seien die Grundlage der Natur. Sterben Arten aus, würden die Ökosysteme instabil.

Direktor des Botanischen Gartens will Generalstrategie

In Deutschland sei die Biodiversität der Pflanzen vor allem durch den Eintrag zu vieler Nährstoffe in die Natur gefährdet. „Da nützen auch Schutzgebiete nichts mehr, weil auch dort die Biodiversität durch enorme Stickstoffeinträge aus der Luft verloren geht.“ Schuld sei der Mensch durch Verkehr und die immer intensiver betriebene Landwirtschaft.

Es brauche eine Gesamtstrategie, sagt Borsch. „Man könnte die Landnutzungsplanung stärker am Naturschutz ausrichten.“ Den Lebensstandard würde das nicht unbedingt einschränken, so der Botaniker. „Sehr viel Konsumverhalten wird durch Werbung generiert, die bestimmte Bedürfnisse weckt und bei denen man sich fragen muss, ob man sie wirklich hat.“

Müsse es etwa dreimal die Woche billiges Fleisch sein, oder reiche seltener welches aus einem nachhaltigeren Betrieb? Es brauche eine Diskussion um den Wert der Natur, fordert Borsch. Denn sie drohe unter die Räder zu kommen, weil das Maß der Dinge verloren gegangen ist.