Online-Petition

Mathe-Abitur: Kritik auch vom Pädagogenverband

Bundesweit sind Abiturienten mit ihren Mathe-Aufgaben unzufrieden. Nach der Prüfung protestieren Schüler mehrerer Bundesländer.

In mehreren Bundesländern protestieren Abiturienten gegen die ihrer Ansicht nach zu schweren Mathe-Abiturprüfungen.

In mehreren Bundesländern protestieren Abiturienten gegen die ihrer Ansicht nach zu schweren Mathe-Abiturprüfungen.

Foto: Thomas Warnack / dpa

Berlin. Aus den Worten von Abiturientin Gina ist der Frust deutlich herauszulesen. Gemeinsam mit Tausenden Berliner Schülern hatte sie ihre Abitur-Prüfung in Mathematik hinter sich gebracht – und glaubt man ihrem Gefühl, dann lief es nicht gut für sie. „Die Prüfung war viel zu umfangreich. Zum einen von den Themen Bereichen zum anderen von den Aufgaben her. Für mich war zudem auch die Zeit von circa 4 Stunden zu knapp“, schreibt sie auf der Internetseite „Change.org“.

Gina ist eine von mehr als tausend Schülerinnen und Schülern aus Berlin, die dort eine Online-Petition mit dem Titel „Bewertung des Mathematik-Abiturs in Berlin hochsetzen“ unterschrieben haben. „Trotz tagelanger Vorbereitung konnten viele Schüler die Aufgaben nicht lösen“, heißt es im Aufruf. Die Berliner Schüler sind nicht alleine.

In mehreren Bundesländern protestieren Abiturienten gegen die ihrer Ansicht nach zu schweren Abiturprüfungen. Alleine in Bayern haben bis Montagnachmittag knapp 60.000 Menschen eine ähnliche Petition wie in Berlin unterschrieben. Auch in Niedersachsen, Bremen, Hamburg und dem Saarland sowie in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen-Anhalt klagten die Abiturienten über die Mathematik-Prüfung. Wie die Berliner fordern auch sie eine Anpassung der Bewertung eine Senkung des Notenschlüssels.

Mathe-Abitur in Berlin: „Etwas umfangreicher, aber nicht schwerer als im Vorjahr“

Auf Anfrage der Berliner Morgenpost erklärte der Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Thorsten Metter, dass die Prüfungsklausur im Vergleich zum Vorjahr zwar etwas umfangreicher, dafür aber die einzelnen Aufgaben von den Anforderungen her vergleichbar waren. Kritische Rückmeldungen zu Abituraufgaben gäbe es jedes Jahr. Allerdings hätte es in der Vergangenheit eher Klagen darüber gegeben, dass die Abiturprüfungen in Berlin immer einfacher werden.

Auch im vergangenen Jahr haben die Schüler ihrem Missmut über die Prüfung in einer Online-Petition Luft gemacht. Allerdings störten sie sich damals daran, dass die Prüfung realitätsfern und zu abstrakt gewesen sei. Außerdem seien unangekündigte Inhalte abgefragt worden. 2018 hatten 3000 Menschen die Petition unterschreiben. Laut Senatsverwaltung habe man daraufhin die Schulen in diesem Jahr im Vorfeld auf die Prüfungsthemen vorbereitet und auf einen klaren Realitätsbezug geachtet.

Angesichts der diesjährigen Petition sieht die Senatsverwaltung für Bildung allerdings keine Gründe für „unmittelbare Konsequenzen“. „Selbstverständlich verfolgen alle Verantwortlichen die aktuelle Diskussion, die dabei auftauchenden Fragen werden ausgewertet“, sagte der Sprecher der Bildungssenatsverwaltung.

Lehrergewerkschaft zur Mathe-Prüfung: Schüler haben zu hohe Ansprüche

Hanno Rüther, stellvertretender Landesvorsitzender der Lehrergewerkschaft VBE (Verband Bildung und Erziehung), ist der Auffassung, dass die Schüler zu hohe Ansprüche an ihre Noten haben. Außerdem setze der Transferteil, also jene Aufgaben in der Mathematik-Prüfung, in denen die Schüler eigene Interpretationen aus den gelernten Sachverhalten ziehen sollen, ein sehr hohes Maß an Intelligenz voraus. „Nicht alle Schüler erfüllen diese Voraussetzungen“, sagte Rüther.

Auch der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Tom Erdmann, sieht die Beschwerden der Schüler mit Skepsis. „Nicht die Mathematik ist schwerer geworden, sondern, die Mathematik zu erfassen“, so Erdmann. Es sei nicht zuviel verlangt, dass Abiturienten komplexe Aufgabenstellungen verstehen und lösen können.

In den Prüfungsvorschriften der Senatsverwaltung heißt es, die gesamte Prüfung müsse Aufgabenteile in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden enthalten, und diese seien in den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz genau festgelegt.

Landesschülersprecher: Mit guter Vorbereitung Mathe-Prüfung durchaus machbar

Am Dienstag forderte die Lehrergewerkschaft GEW eine Überprüfung in den Ländern, in denen sich viele Schüler von den Aufgaben überfordert gefühlt haben - und gegebenenfalls eine Heraufsetzung der Noten. Die betreffenden Kultusministerien müssten sich mit den Schülern zusammensetzen, sagte Ilka Hoffmann, die im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft für das Thema Schule zuständig ist, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Lag es an der Konstruktion der Aufgaben, waren vielleicht bestimmte Aufgaben nicht mehr lösbar, wenn man an den vorherigen gescheitert ist?", fragte sie. "Falls es Fehler bei der Aufgabenstellung gab, muss das Ziel sein, für die Zukunft zu lernen."

Sie betonte: "Im Fall zahlreicher Beschwerden muss sich eine Fachkommission noch einmal mit den Aufgaben befassen. Kommt diese zum Ergebnis, dass sie zu schwer waren, gibt es nur eine faire Lösung: Die Bewertung muss großzügiger ausfallen." In Bayern, Niedersachsen und Bremen haben die Kultusministerien angekündigt, die Prüfungen zu überprüfen. In Thüringen will das Bildungsministerium zunächst den Notendurchschnitt und Rückmeldungen von den Fachlehrern abwarten.

Pädagogenverband: "Das Abitur war zu umfangreich, zu unterrichtsfremd"

Der Brandenburgische Pädagogenverband findet die jüngsten Proteste gegen das Mathe-Abitur nachvollziehbar. "Das Abitur war zu umfangreich, zu unterrichtsfremd und an manchen Stellen bei Fragestellungen ungeschickt formuliert", sagte Präsident Hartmut Stäker am Dienstag der Deutschen Presseagentur. Stäker ist ausgebildeter Mathematik-Lehrer und Zweitkorrektor bei den Prüfungen.

Er sei die Prüfung selbst durchgegangen und habe dafür 15 Stunden gebraucht, die Schüler hätten dafür aber fünf Stunden zur Verfügung gehabt, sagte Stäker weiter. Ein Großteil hätte den Umfang gar nicht bewältigen können. Nach Ansicht von Stäker sollten die Prüfungen jetzt aber so durchgewunken werden. Nachprüfungen hätten auch in den vergangenen Jahren für die Schüler nichts gebracht.

Für das schriftliche Abitur im Fach Mathematik am 3. Mai waren nach Angaben des Bildungsministeriums rund 5700 Brandenburger Schülerinnen und Schüler gemeldet.

Für Berlin und Brandenburg gibt es gemeinsame Kommissionen für Aufgaben

In fast allen Bundesländern werden die Abiturprüfungen zeitgleich geschrieben. Für Berlin und Brandenburg gibt es laut Senatsverwaltung gemeinsame Kommissionen, die Aufgabenvorschläge entwickeln. Diese Vorschläge würden mehrfach geprüft und kommentiert und von einer ministeriellen Arbeitsgruppe genehmigt. Seit 2017 werden in jeder Prüfung auch Aufgaben aus einem länderübergreifenden Pool eingesetzt.

Auch wenn die Zahl der Unterschriften unter der Petition stetig steigt, kritisieren nicht alle Schüler die Aufgabenstellung. Der stellvertretende Landesschülersprecher Lucas Valle Thiele bestätigt zwar, dass die Abiturprüfung schwerer waren als die Probeklausur. Mit guter Vorbereitung seien sie aber durchaus machbar gewesen. Valle Thiele, der selbst am Freitag seine Mathematik-Prüfung abgelegt hat, plädierte bei seinen Mitschülern für mehr Gelassenheit: „Wichtig ist es, sich erst mal die Prüfungsergebnisse anzuschauen.“

Wie der "Tagesspiegel" berichtet, war das Mathe-Abi laut einer Umfrage auch in Berlin zu schwer. Demnach hätten 75 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage des Landesschülerausschusses die Aufgaben der Leistungskursklausur als "zu schwer" beurteilt. Knapp 70 Prozent der Befragten gaben das für die Grundkursklausur mit. „Wir wollten uns nach den vielen Beschwerden einen Überblick verschaffen“, sagte Landesschülersprecherin Eileen Hager der Zeitung. 870 Schüler hätten zwischen dem 6. und 10. Mai an der Umfrage teilgenommen, von denen 485 angaben, die Grundkursklausur geschrieben zu haben und 385 die Leistungskursklausur.

Am Freitag stand eine Entscheidung in Bayern und im Saarland aus. "Wir rechnen mit Ergebnissen nächste Woche", teilte ein Sprecher des bayerischen Kultusministeriums am Donnerstag in München auf Anfrage mit. Es würden vorab Ergebnisse der Erstkorrektur an den Schulen abgefragt, "um eine erste vorläufige Einschätzung vornehmen zu können". Nach den Prüfungen am vergangenen Freitag war Kritik lautgeworden, einige Fragen seien zu kompliziert und die Bearbeitungszeit für manche Aufgaben zu kurz gewesen.

Korrektoren haben erste Prüfungsarbeiten eingesehen

Das saarländische Bildungsministerium hat bislang keine Hinweise auf zu schwere Prüfungsaufgaben beim diesjährigen Mathe-Abitur. Bei einer detaillierten Prüfung habe die Korrektorenkonferenz festgestellt, "dass alle Aufgaben vom saarländischen Mathematik-Lehrplan vollständig abgedeckt und alle Aufgaben fehlerfrei gestellt wurden und daher lösbar waren", teilte das Ministerium am Donnerstag in Saarbrücken mit.

Die Korrektoren hätten dazu auch erste Prüfungsarbeiten stichprobenartig eingesehen: Danach gaben sie an, erst auf einer größeren Datenbasis entscheiden zu können, ob einzelne Aspekte wie Aufgabenfülle oder Schwerpunktsetzungen es nötig machten, "aus Fairness- und Vergleichbarkeitsgründen" Bewertungsmaßstäbe zu verändern. Dies könne erst nach den Erstkorrekturen festgestellt werden, die Ende Mai fertig sein sollten.

69.000 Schüler haben in Bayern Petition unterschrieben

Im Internet wurden in mehreren Bundesländern Petitionen mit der Forderung gestartet, dass die Benotung dem Schwierigkeitsgrad angepasst werden soll. Den Ausgangs- und Schwerpunkt bildete dabei Bayern. Allein dort unterschrieben bis Donnerstagnachmittag mehr als 69 000 Unterstützer.

OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher hatte die Anforderungen im Mathe-Abitur verteidigt. In der Vergangenheit sei es vergleichsweise leicht gewesen, die Mathe-Prüfung zu bestehen, wenn man seine Formeln auswendig gelernt habe, sagte Schleicher dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Freitag). "Jetzt erwarten wir von den Schülern etwas Anspruchsvolleres: Es geht darum, wie ein Mathematiker zu denken, komplexe mathematische Zusammenhänge zu analysieren." Das seien andere Anforderungen als früher, "aber sie sind richtig und zeitgemäß".