Psychische Probleme

Mehr Berliner sind psychisch krank

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Drahtseilakt für guten Zweck

Drahtseilakt für guten Zweck

Mit der Aktion wollen die Artisten auf psychische Erkrankungen aufmerksam machen.

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Frühverrentungen wegen seelischer Probleme nehmen zu. Krankenkassen sehen auch die Arbeitgeber in der Pflicht.

Berlin. Der Anteil der Beschäftigten, die in Berlin wegen psychischer Probleme vorzeitig in den Ruhestand geht, ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark angestiegen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei hervor.

Demnach wurden 2017 rund die Hälfte aller Frühverrentungen in der deutschen Hauptstadt mit der Diagnose „Psychische Störungen“ begründet. In Berlin-West ist das seit 1997 ein Anstieg von 62 Prozent, in Berlin-Ost sogar von 74 Prozent. Deutschlandweit stieg der Anteil der Diagnose „Psychische Störungen“ an allen Erwerbsminderungsrenten im gleichen Zeitraum hingegen nur um 43 Prozent an.

„Gerade in Berlin fahren Arbeitgeber ihre Beschäftigten auf Verschleiß: Starker Druck und hohe Flexibilität gehören immer öfter zum Arbeitsalltag dazu. Beschäftigte werden über ihre Belastungsgrenze getrieben, das spiegelt sich auch in der Statistik zu Erwerbsunfähigkeitsrenten wieder“, sagte Pascal Meiser, gewerkschaftspolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, der Berliner Morgenpost.

4094 Berliner gingen 2017 wegen psychischer Probleme in den Vorruhestand

Berlinweit mussten 2017 4094 Arbeitnehmer wegen psychischer Erkrankungen in den Vorruhestand gehen. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer: 2428 Frauen gingen wegen psychischer Diagnosen vorzeitig in Rente – bei den Männern waren es nur 1666. Die Zahlen basieren auf Sozialversicherungsdaten und Berechnungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Angaben für das Jahr 2018 liegen noch nicht vor.

Die Gewerkschaft Verdi beobachtet nach eigenen Angaben seit vielen Jahren die Zunahme psychischer Erkrankungen. Arbeitsverdichtung, Überlastung und Überforderung seien die Ursachen dafür, so Andreas Splanemann, Verdi-Sprecher in Berlin. „Es ist kein Zufall, dass die psychischen Erkrankungen vermehrt in einer Zeit auftreten, in der massiv rationalisiert und die Arbeit verdichtet wird. Die Digitalisierung ist dabei ein treibender Faktor. Die Tendenzen zum mobilen Arbeiten und der allzeitigen Erreichbarkeit führen dazu, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen und die Belastung für Betroffenen immer mehr zunimmt“, erklärte er.

Jeder fünfte Tag Krankschreibung durch psychische Störungen

Auch die Krankenkassen in Berlin verzeichnen seit Jahren einen Anstieg der Krankheitstage wegen psychischer Belastungen. Laut Techniker Krankenkasse, bei der rund 842.000 Berliner versichert sind, entfielen im vergangenen Jahr von insgesamt 16,4 Arbeitsunfähigkeits-Tagen 3,3 Tage auf psychische Diagnosen. Psychische- und Verhaltensstörungen seien mittlerweile der häufigste Grund für Krankschreibungen in Berlin. Vor zehn Jahren blieben die Berliner durchschnittlich nur 1,7 Tage wegen psychischer Krankheiten der Arbeit fern.

„Wir beobachten seit Jahren, dass die Fehlzeiten wegen psychischer Krankheiten ansteigen. Aber unabhängig davon, ob heute mehr Menschen an diesen Diagnosen erkranken oder ob nur offener mit diesen Krankheiten umgegangen wird, ist es ein Signal, das wir nicht überhören dürfen“, sagte Susanne Hertzer, Chefin der Techniker Krankenkasse in Berlin und Brandenburg.

Diese Probleme sind kein Tabuthema mehr

Ähnliche Ergebnisse hat auch die Barmer Krankenversicherung, mit rund 455.000 Versicherten in Berlin, erfasst. Auffällig sei, dass Berliner Versicherte häufiger und länger als der durchschnittliche Bundesbürger wegen „Reaktionen auf schwere Belastungsstörungen und Anpassungsstörungen“ krankgeschrieben seien, so die Kasse. Im Jahr 2018 lagen die Fehltage 27 Prozent und die Fallzahlen (Krankschreibung je 100 Versicherte) 24,9 Prozent über dem Bundesdurchschnitt.

Auswirkungen auf die seelische Gesundheit hat, so die Krankenkassen, nicht nur ein stressiges Arbeitsumfeld. Bei jungen Leuten könne zum Beispiel auch der Orientierungsdruck im Studium Folgen für die psychische Gesundheit haben. Zudem habe der zunehmende öffentliche Diskurs über psychische Erkrankungen zu mehr Krankschreibungen geführt. Der tragische Selbstmord des früheren Nationaltorhüters Robert Enke im Jahr 2009 habe etwa dazu beigetragen, dass Betroffene sich bei psychischen Leiden dem Arzt und dem persönlichen Umfeld stärker anvertrauen, so die Barmer.

Wirtschaft leidet unter Fehltagen der Beschäftigten

Generell sehen die Krankenkasse die Arbeitgeber stärker in der Pflicht, für Arbeitsbedingungen zu sorgen, die nicht krank machen. „Die Digitalisierung der Arbeitswelt stellt uns vor veränderte Bedingungen, auf die wir als Krankenkassen gemeinsam mit den Firmen reagieren müssen“, sagte Susanne Hertzer. Viele Unternehmen setzten deswegen verstärkt auf die Zusammenarbeit mit den Kassen und auf betriebliches Gesundheitsmanagement.

Der Linken-Abgeordnete Meister appellierte hingegen an die Bundesregierung: Angesichts der gestiegenen Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen müsse auch die Öffentlichkeit für den Schaden aufkommen. „Die Bundesregierung schaut weiterhin tatenlos zu. Klar ist jedoch, dass die jetzigen Instrumente überhaupt nicht ausreichen. Wir brauchen eine Anti-Stress-Verordnung und flächendeckend Arbeitsschutzkontrollen“, sagte Meiser. 2017 waren der deutschen Wirtschaft bereits Ausfallkosten wegen psychischer Erkrankungen in Höhe von 33,9 Milliarden Euro entstanden. Zehn Jahre zuvor lag der Wert noch bei 12,4 Milliarden Euro.