Verkehrsexperte

„Wer aufs Auto verzichten soll, braucht Alternativen“

Der rot-rot-grüne Senat will Berlin zur Fahrradstadt umbauen. Ein Gespräch darüber mit Lutz Kaden, Verkehrsexperte der IHK.

 Lutz Kaden ist Verkehrsexperte.

Lutz Kaden ist Verkehrsexperte.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin..  Der rot-rot-grüne Senat will Berlin zur Fahrradstadt umbauen, baut geschützte Radwege und breite Trassen durch die ganze Stadt. Oft zu Lasten des Autoverkehrs. Der Verkehrsexperte der IHK Berlin, Lutz Kaden findet trotzdem: Verkehrswende und wirtschaftliches Wachstum schließen einander nicht aus.

Berliner Morgenpost: Herr Kaden, die Berliner Verkehrssenatorin sagt, sie will, dass die Menschen ihre Autos abschaffen und spricht von einer City-Maut für Berlin. Was bedeutet eine solche Politik für die Wirtschaft in Berlin?

Lutz Kaden: Grundsätzlich ist für die Wirtschaft ein funktionierendes Verkehrssystem Voraussetzung. Das heißt, dass jegliche Verkehrsnachfrage bedient werden muss. Die Versorgung muss gewährleisten sein, die Entsorgung von Müll, die Bürger müssen zur Arbeit kommen, zur Schule, zum Einkaufen. Ich kann dabei aber nur auf das Auto verzichten, wenn ich eine Alternative habe. Und solange nicht ausreichend Alternativen da sind, kann man nicht einfach fordern, dass jemand auf sein Auto verzichten soll.

Aber an Alternativen wird doch gearbeitet oder nicht?

Wir haben Defizite im Autoverkehr, beim ÖPNV, Rad- und beim Fußverkehr. Die müssen alle angegangen werden und dann nützt es nichts, nur erstmal gegen das Auto zu sein. Grundsätzlich ist ein Umstieg vom Auto auf den Umweltverbund aber notwendig, damit auch eine weiter wachsende Stadt Berlin noch funktionieren kann.

Ist dieser Umstieg nicht gegen die Interessen der Wirtschaft?

Je mehr Pendler und Privatverkehr auf Bus, Bahn oder Fahrrad umsteigen, desto mehr Platz wird auf der Straße frei. Und der kann dann auch vom Wirtschaftsverkehr genutzt werden. Also für Lieferanten wäre es gerade gut, wenn möglichst wenig Privatleute mit Pkw unterwegs sind. Man muss aber bedenken, dass der Wirtschaftsverkehr nicht nur Güterverkehr ist, sondern auch Personenwirtschaftsverkehr und auch der hat einen ziemlich großen Anteil am Gesamtverkehr.

Im Moment wird überall Platz für den Autoverkehr wegeknappst, da entstehen geschützte Fahrradstreifen, statt Parkplätzen Parklets. Was bedeutet dieses schrittweise Verkleinern für Unternehmen?

Genau darum geht es. Wenn Pkw-Stellplätze einkassiert werden, dann ist der Betroffene ja erstmal der Anwohner, der seinen Pkw jetzt nicht direkt vor der Haustür parken kann. Aber dafür überlegt er vielleicht, dass er ja jetzt auf diesem neuen Radweg Fahrrad fahren kann und sein Auto abschafft. Aber wenn man eben diesen Radweg durch die ganze Straße baut, dann muss man aufpassen, ob auch noch Liefermöglichkeiten bestehen. Denn wir haben gerade an den Hauptstraßen ganz viele verschiedene Geschäfte oder Gastronomie, die beliefert werden wollen. Bierfässer kann ich schlecht aus der Seitenstraße dorthin tragen. Wenn das nicht mitgedacht wird, dann kann es eben zu zusätzlichen Kosten kommen für eine besondere Anlieferung, die dann den Standort unattraktiv machen. Deswegen muss man in jedem Einzelfall diese Anforderungen berücksichtigen und kann nicht sagen, wir machen jetzt eine Standardlösung überall. Sondern man muss sehen, wo wir eine Ladezone brauchen und wie die freigehalten wird.

Berlin hat als erstes Bundesland ein Mobilitätsgesetz. Geht das in die richtige Richtung?

Ja. Was wir kritisieren ist die Dreiteilung des Gesetzes. Im letzten Jahr wurde der allgemeine Teil sowie der für Rad und Öffentlichen Verkehr beschlossen. Und es wurde gesagt: Den Wirtschaftsverkehr, den Fußverkehr und neue Mobilität machen wir dann im zweiten Teil. Jetzt sieht es so aus, dass in diesem Jahr der Fußverkehr beschlossen werden soll und erst danach über den Wirtschaftsverkehr diskutiert wird.

Was bedeutet das?

Das hat zwei negative Effekte, zum einen, dass der Straßenraum schon aufgeteilt ist und dann für Wirtschaftsverkehr noch weniger übrigbleibt. Und zum anderen, dass in der Zwischenzeit schon Planungen auf den Weg gebracht werden, bei denen der Lieferverkehr nicht richtig mitbedacht wurde. Deswegen ist es wichtig, bei jeder einzelnen Straße, die man umbaut, einen ganzheitlichen Plan zu haben.