Radverkehr

Diese Frau soll Berlins Radwege revolutionieren

Der Senat will das Radwegenetz massiv ausbauen. Für die Realisierung ist die Bau-Ingenieurin Katja Krause verantwortlich .

Katja Krause ist erfahren in der Umsetzung komplizierter Bauvorhaben. Seit 2017 ist sie Geschäftsführerin von InfraVelo am Tempelhofer Hafen. Vorher hat sie drei Brücken für die Weiterführung der A100 in Neukölln gebaut.

Katja Krause ist erfahren in der Umsetzung komplizierter Bauvorhaben. Seit 2017 ist sie Geschäftsführerin von InfraVelo am Tempelhofer Hafen. Vorher hat sie drei Brücken für die Weiterführung der A100 in Neukölln gebaut.

Foto: Reto Klar

Berlin. Wer einen Blick in die Zukunft des Berliner Radwegewesens werfen will, der muss nach Tempelhof fahren. Hier im Ullsteinhaus hat die InfraVelo GmbH gerade erst neue Räume bezogen. Es gehört zur Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet auf dem Tempelhofer Damm rund um das Ullsteinhaus kein Radweg existiert. Wer mit dem Rad kommt, muss sich auf der Straße gegen den Autoverkehr behaupten.

Im dritten Stock des Gebäudes sitzt Katja Krause an ihrem Schreibtisch. Die Berlinerin ist seit 2017 Geschäftsführerin der InfraVelo, die im Auftrag des Senates Berlins Radwegenetz revolutionieren soll. In den kommenden Jahren sollen 100 Kilometer Radschnellwege, ein 350 Kilometer langes Vorrangwegenetz und 100.000 Parkplätze das Leben für Radfahrer angenehmer machen.

„Das ist ambitioniert“, sagt Krause, ohne dabei in Hektik zu verfallen. Die 40-jährige Bau-Ingenieurin ist erfahren in der Umsetzung komplizierter Bauvorhaben. Nach dem Studium war sie vor allem im Tiefbau tätig – als ausgewiesene Tunnelspezialistin. „Immer, wenn es schwierig wurde und in den Untergrund ging, war ich gefragt“, sagt Krause.

Fünf Jahre lang war sie nach dem Einsturz des Stadtarchivs in Köln für die darunter liegende U-Bahnbaustelle zuständig. Da war sie nicht nur als Ingenieurin gefragt, sondern auch als Krisenmanagerin. „Das hat mich nach vorn gebracht“, sagt Krause. Die Bauarbeiten fanden unter schwierigen Umständen statt und teilweise mit Mitarbeitern, die ins Blickfeld der Staatsanwaltschaft geraten waren.

Die Radschnellwege sind das Leuchtturmprojekt

Doch Krause zog es wieder nach Berlin. Zunächst arbeitete sie bei Vattenfall und plante den Bau des modernen Gaskraftwerks in Marzahn, für den Ausbau der A100 in Neukölln baute sie später drei Brücken. Dann kam der Anruf der InfraVelo und Krause schlug ein Angebot aus, für Fraport die gerade erworbenen griechischen Flughäfen zu modernisieren, sondern entschied sich dazu, Berlin nachhaltig zu verändern.

Getrieben vom erfolgreichen Volksbegehren zum Ausbau der Radinfrastruktur hat der Senat ein Mobilitätsgesetz verabschiedet, das die Verkehrsströme in der Stadt neu regeln soll. Das Rad erhält dabei eine besondere Rolle. „Das Leuchtturmprojekt sind die zehn Radschnellwege“, sagt Krause, die in Falkensee aufwuchs. Auf vier Meter breiten separaten Strecken sollen Radfahrer hier fast ohne Hindernisse die Stadt durchqueren können.

Absprachen mit vielen Eigentümern sind notwendig

Doch die Angelegenheit ist kompliziert. Für eine Strecke sind Absprachen mit mehreren Bezirken, vielen Eigentümern, dem Naturschutz und mit der Polizei, Feuerwehr, den Wasserbetrieben und der BVG notwendig. „Einen Radweg zu bauen, ist kein Hexenwerk“, sagt Krause. „Aber die Abstimmungsprozesse sind sehr umfangreich und wirklich schwierig.“

Zunächst einmal müssen die passenden Routen durch die Stadt gefunden werden. Dann muss nach Möglichkeiten gesucht werden, den zur Verfügung stehenden Raum so aufzuteilen, dass der Radschnellweg entstehen kann. „Dabei sind bestimmte Formalitäten zu berücksichtigen“, sagt Krause. Werden die Rechte von Anwohnern oder Dritten verletzt? Schränkt ein neuer Radweg die Ansprüche von Pendlern, Autofahrern oder Tierpopulationen ein?

Es entstehen Synergieeffekte für das Land

Bei den Planungen für den Radschnellweg an der Spree im Westen der Stadt gibt es gerade solche Probleme. Die Strecke soll durch eine Kleingartenanlage führen und an einer Zementfabrik entlang. Krause und ihre derzeit 25 Mitarbeiter verhandeln nun mit den Eigentümern, ob sie die für den Radweg notwendigen Flächen erwerben können, oder andere Lösungen gefunden werden müssen.

Genau dafür wurde die InfraVelo vor drei Jahren gegründet. Anstatt jeden beteiligten Bezirk selbst seinen Streckenabschnitt planen und bauen zu lassen, soll das die Gesellschaft in einer Hand übernehmen. „So entstehen Synergieeffekte“, sagt die Geschäftsführerin. Wenn es um die Absprache mit den Berliner Forsten geht, dann kann das ein Mitarbeiter für alle geplanten Radschnellwege übernehmen. So spart das Land Zeit und Geld, um mit den ehrgeizigen Plänen voran zu kommen.

Bis 2021 sollen alle Planungen abgeschlossen sein

Ein erster Teilerfolg ist dabei erzielt. „Wir haben die Generalplanungsverträge für alle zehn Radschnellwege in drei Losen ausgeschrieben und vergeben“, sagt Krause. Zu den Planungsbüros, die sich nun an die Umsetzung machen, gehört auch die dänische Firma Ramboll, die für das Radwegenetz in Kopenhagen verantwortlich ist. „Das hat noch einmal einen neuen Schwung reingebracht“, sagt Krause.

Dennoch ist die Umsetzung eines derart großen Infrastrukturprojektes nicht im Schnellverfahren umzusetzen. Bis zum Jahr 2021 wird es dauern, bis alle Planungen abgeschlossen, die Ausschreibungen erfolgt und die Firmen gefunden sind, die die Radschnellwege dann am Ende bauen werden. Am schnellsten geht es derzeit am Teltowkanal voran, dem Radschnellweg im Südosten Berlins. Erste Anwohnerveranstaltungen haben bereits stattgefunden, Ende Mai soll hier der Abschlussbericht zur Machbarkeit feststehen und die genaue Route vorliegen.

Die Stadt soll lebenswerter werden

In der Ungeduld sieht die InfraVelo-Chefin die größte Herausforderung für ihre Arbeit. „Die Leute interessiert vor allem, wann endlich gebaut wird“, sagt Krause. Sie und ihre Mitarbeiter bemühen sich darum, die Erwartungen nicht unrealistisch zu befeuern. „Wir wollen transparent machen, was wann geht.“ Andere Städte hätten bereits gezeigt, wie es geht. Das will auch Krause erreichen. „Das wichtigste Ziel ist es, die Stadt lebenswerter zu machen.“

Während bei InfraVelo vor allem die Radschnellwege im Blickpunkt stehen, lässt es Krause selbst lieber etwas ruhiger angehen. „Am liebsten gefällt mir das Radfahren die Schönhauser Allee hinunter“, sagt sie. Da könne sie gemütlich entlangfahren und mal beim Bäcker oder beim Schuster absteigen.