Schulen in Berlin

Stoffers: „Wir müssen 2200 neue Pädagogen einstellen“

Berlins neue Bildungsstaatssekretärin Beate Stoffers spricht über ihre Pläne, besseren Unterricht und den Umgang mit Problemschulen.

Foto: Reto Klar

Plötzlich Staatssekretärin: Acht Jahre lang hat Beate Stoffers als Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) gearbeitet, dann wurde der Staatssekretär Mark Rackles (SPD, 52) vorzeitig in den Ruhestand geschickt. Beate Stoffers übernahm seinen Posten. Nun ist die 51-Jährige für die Umsetzung der Schulpolitik des rot-rot-grünen Senats verantwortlich, gehört zum Spitzenteam der Senatsverwaltung für Bildung. Was plant sie? Ein Gespräch über Rollenwechsel, regelmäßige Leistungskontrollen und die Frage, wie es in Berlin um die Lehrer steht.

Berliner Morgenpost: Acht Jahre lang haben Sie die Politik der Senatorin Scheeres der Öffentlichkeit „verkauft“, das war Ihr Job. Nun können Sie plötzlich gestalten.

Beate Stoffers: Ja, das ist natürlich ein Rollenwechsel. Aber mir sind die Themen vertraut und ich weiß, wie die Verwaltung funktioniert. Das ist hier ein sehr großes Haus, mit rund 1600 hoch motivierten Mitarbeitern. Ich freue mich über das Vertrauen, das die Senatorin in mich setzt.

Ihre Ernennung war allerdings nicht unumstritten. Ein Vorwurf lautete: Beate Stoffers ist – anders als ihr Vorgänger Mark Rackles – nicht wirklich in der SPD verankert. Ein anderer: Sie ist keine Lehrerin, keine Pädagogin. Ist das ein Problem?

Das sehe ich nicht so. Dass ich auch SPD-Mitglied bin, ist ja inzwischen bekannt. Hier muss jemand sitzen, der die Verwaltungsstrukturen kennt. Ich bin seit 1993 beim Land Berlin tätig, habe neben Politologie auch Verwaltungswissenschaften studiert. Und ich kenne verschiedene Ressorts, habe auch in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gearbeitet. Die ist im Moment durch die Schulbauoffensive sehr wichtig für uns. Der Schulneubau und die -sanierung stehen ganz oben auf unserer Agenda.

Senatorin Scheeres kommentierte die Trennung von ihrem Vorgänger Mark Rackles mit den Worten, nach siebenhalb Jahren hätte sich die gemeinsame Basis mit dem Staatssekretär „ausgedünnt“. Deshalb gehe man auseinander – allerdings fällt ihr Vorgänger finanziell weich. Wenn in Berlin alle Mitarbeiter sich von ihrem Chef trennen würden, weil die Basis „ausgedünnt“ ist, wären die Büros und Firmen leer...

Die Fluktuation unter Sandra Scheeres war in den letzten acht Jahren sehr gering. Da wird nicht leichtfertig agiert. Aber die Konstellation Senatorin und Staatssekretär muss zu 100 Prozent stimmen. Mark Rackles wurde sehr geschätzt, er hat das Haus nicht im Streit verlassen. Und es geht hier auch gar nicht um Abgrenzung von ihm oder um einzelne Staatssekretäre. Sondern darum, die Politik der Senatorin umzusetzen. Das sehe ich als meine Rolle. Jeder Staatssekretär hat seinen eigenen Stil, ich werde sicherlich auch meine eigene Handschrift haben.

Haben Sie schon eine Ahnung, wie diese Handschrift bei Ihnen aussehen wird?

Sie wird sich an den Themen orientieren, die auf unserer Agenda stehen. Wie eben die Schulbauoffensive, die Stärkung der Beruflichen Bildung oder die Digitalisierung.

Aber daneben müssen Sie sich noch um die 775 Schulen in der Stadt kümmern …

Das ist kein Zuckerschlecken, das ist klar. Wir stehen vielen Herausforderungen gegenüber. Beispielsweise der Lehrkräftegewinnung. Wir müssen jetzt zum August 2200 neue Pädagogen einstellen.

Haben Sie eine Ahnung, ob man in die Nähe dieser Zahl kommen wird?

Wir werden sicherlich wie jedes Jahr alle Stellen besetzen, aber es wird sehr anstrengend werden. Wir werden wieder eine hohe Quereinsteigerquote haben.

Die lag ja letztes Jahr bei der Neueinstellung für Grundschulen schon bei zwei Drittel …

Ich rechne nicht mit erheblich anderen Zahlen, weil sich die Lage bundesweit nicht verändert hat. Der Lehrkräftemangel ist einfach überall.

Sind Sie unglücklich über den Parteitagsbeschluss der Berliner SPD, die Lehrer der Stadt nicht zu verbeamten?

Die Tür ist noch nicht zu. Es gibt ja einen zweiten Antrag, der beschlossen wurde. Es wird jetzt seitens der Finanzverwaltung und Fraktion zunächst geprüft, ob es eine Alternative zur Verbeamtung durch die Zahlung von Zuschlägen im Rahmen des Tarifrechts gibt.

Das würde heißen, die Lehrer bleiben angestellt, verdienen aber mehr. Merkt man den starken Sog aus anderen Bundesländern, die Lehrkräfte aus Berlin wegzulocken?

Ob wir einen starken Sog haben, sei dahingestellt. Aber wir müssen realistisch pragmatisch sehen, dass wir das einzige Bundesland sind, das nicht verbeamtet. Das heißt, wir befinden uns in einem unmittelbaren Konkurrenzkampf – gerade in den Stadtrandgebieten.

An der Grenze zu Brandenburg.

Ja. Da wird im wahrsten Sinne des Wortes mit den Füßen abgestimmt. Manch einer, dem der Beamtenstatus wichtig ist, wird lieber im brandenburgischen Falkensee als im benachbarten Staaken arbeiten. Wir können es uns deshalb nicht leisten, die Diskussion ideologisch zu führen.

Einen weiteren Fokus wollen Sie zukünftig auf die Unterrichtsqualität setzen.

Berlin gibt im Vergleich zu allen Bundesländern am meisten Geld pro Schüler aus. Das ist auch notwendig, weil wir in der Stadt große Herausforderungen haben. Fakt ist, dass hier jedes dritte Kind in Armut lebt. Damit wird die Schule konfrontiert, damit werden die Lehrkräfte konfrontiert. Aber dennoch müssen wir uns fragen, warum sich die Leistungsergebnisse nicht so entwickeln, wie wir es uns wünschen. Wir schauen jetzt verstärkt ins System hinein. Was können wir jenseits der Schulstruktur unternehmen, denn die ist mit den zwei Säulen Sekundarschulen und Gymnasien gut. Jetzt geht es um die Frage: Was passiert im Unterricht?

Bislang kann man sagen: häufig zu wenig. Ob bei Vergleichstests wie Vera, Pisa oder Iglu - immer liegen Berliner Schüler ganz hinten. Zu viele erfüllen die Mindeststandards in Deutsch oder Mathe nicht.

Deshalb haben wir unser Qualitätspaket mit 39 Maßnahmen entwickelt. Davon setzen wir in diesem Jahr bereits zahlreiche um. Wir starten im neuen Schuljahr mit einer zusätzlichen Deutschstunde – die Erstklässler haben dann sieben Stunden Unterricht in der Woche, die Zweitklässler acht Stunden. Auch im Fach Mathematik werden wir mit Programmen die Lehrkräfte stärken.

Und werden Sie stärker überprüfen lassen, ob die Schüler wirklich etwas lernen?

Wir werden ab jetzt mit verbindlichen Lernstandserhebungen in Berlins Grundschulen starten, an denen jede Jahrgangsstufe teilnimmt.

Werden die Eltern die Ergebnisse erfahren?

Ja, sie erhalten eine Rückmeldung.

Angenommen, diese Lernstandserhebungen machen an einer Schule deutlich: Die Lücken bei unseren Schülern werden immer größer.

Davon gehe ich erst einmal nicht aus. Wir werden mit jeder Schule einen Vertrag abschließen und die Sicherung der Unterrichtsqualität wird auf jeden Fall verbindlicher Gegenstand der Bilanzgespräche sein. Und auch die Schulinspektion wird Leistungsergebnisse verstärkt berücksichtigen. Im Übrigen können Lehrkräfte schauen: Was macht eigentlich meine Nachbarschule? Die das gleiche Einzugsgebiet und die gleiche Schülerschaft hat, die also vor denselben Herausforderungen steht. Wenn eine Lehrkraft feststellt, dass ihre Klasse über zwei, drei Jahre in einem Fach unterdurchschnittliche Ergebnisse erzielt, kann die Lehrkraft der Frage nachgehen: Was macht denn die andere Schule womöglich besser? Das nennt man kollegiale Unterrichtshospitation.

Dann sind da noch die sogenannten Problemschulen ...

Besser trifft die Bezeichnung „Schulen mit akuten Problemen“. Die gilt es zu unterstützen und aus der Situation herauszuholen. Damit sie gar nicht zu „Problemschulen“ werden. Dafür möchten wir bald Pro-Respekt-Teams einsetzen, die wir gerade im Haushalt verhandeln. Man muss schauen, welche Schule driftet ab und dann rechtzeitig auf die Bremse treten und gegensteuern.

Wie definiert man so eine gefährdete Schule?

Wir haben inzwischen ein Indikatorenmodell, das bestimmte Ausschläge anzeigt. Das können vermehrte Konflikte sein, wenn Schüler untereinander oder mit Lehrern respektlos umgehen. Das können erhebliche Leistungsprobleme an einer Schule sein oder große Fehlzeiten. Wir treten dann mit den Schulaufsichten in Kontakt. Aber nicht jede Schule, die beispielsweise in den Medien als Problemschule behandelt wird, ist eine.

Und wie erfährt man, ob die eigene Schule betroffen ist? Wird es eine Liste wie bei den Brennpunktschulen geben?

Nein, das kann sich von Monat zu Monat ändern. Sie können sich einfach fragen: An welchen Schulen sind die Respektteams gerade unterwegs?

Spätestens, wenn das Respektteam auftaucht, weiß man also: Oha, wir auch!

Man weiß, dass es dort ein Problem gibt, und man weiß, es wird auch etwas dagegen unternommen.

Ihnen unterstehen über 32.000 Lehrkräfte in der Stadt – und viele von ihnen klagen: zu viel Arbeit, zu hohe Erwartungen, dazu vermehrt schwierige Schüler. Wie wollen Sie denen die Lust am Beruf zurückgeben?

Ich bin selber Lehrerkind, ich weiß, was Lehrkräfte leisten. Das ist eine immense Anstrengung – jeden Tag. Von daher kann jeder gewiss sein, dass wir hier nicht im Elfenbeinturm sitzen. Uns ist sehr wohl bewusst, was an den Schulen geleistet wird. Und wo Unterstützung benötigt wird. Zum Beispiel durch Maßnahmen wie zusätzliche Stunden für Grundschulen, für die Teamförderung. Das sind Entlastungen. Die brauchen die Schulen auch.

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