Berliner Spaziergang

Wie sich BBU-Chefin Maren Kern gegen Enteignungen wappnet

Wie bekommt Berlin die Wohnkosten in den Griff? Ein Spaziergang mit Maren Kern, Chefin der Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen

Maren Kern beim Spaziergang im Botanischen Garten.

Maren Kern beim Spaziergang im Botanischen Garten.

Foto: Maurizio Gambarini

„Der Frühling ist für mich die schönste Jahreszeit. Alles grünt und blüht so wunderbar, neues Erwachen nach dem Grau des Winters“, sagt Maren Kern. Sie hat für unseren Spaziergang den Botanischen Garten gewählt. An diesem Tag lassen frühlingshafte, wachstumsfördernde Temperaturen allerdings auf sich warten. Die Vorstandsvorsitzende des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) ficht das nicht an. „Ich bin ein absoluter Gartenfan und würde gern öfter durch den Botanischen Garten spazieren, der mit seinen 22.000 verschiedenen Pflanzenarten einer der größten in Deutschland ist. Und um es ganz unbescheiden zu sagen: Ich kenne mich gut mit Pflanzen und Gartengestaltung aus.“ Kein leere Behauptung, wie sich im Laufe unseres gut einstündigen Rundgangs herausstellen wird.

Maren Kern wohnt in Potsdam und hat dort natürlich einen eigenen Garten. Wenn es die Zeit erlaubt, „buddelt“ sie viel und freut sich auf die bunte Vielfalt der Blumenbeete in den kommenden Wochen. „Gern hätte ich mal eine große Gartenanlage selbst angelegt, aber beruflich ist es dann ja doch anders gelaufen.“

Eigentlich wollte Maren Kern Architektin werden

Denn eigentlich wollte sie Architektin werden. Davon sei ihr aber dringlich abgeraten worden, weil die Berufsaussichten damals angesichts der Babyboomer-Generation, Maren Kern ist Jahrgang 1957, eher düster waren. So wurde es Jura. „Damit kann man alles werden, sagte man mir.“ Und lachend fügt sie hinzu: „Man siehts ja auch bei dem, was ich heute mache...“

Wer so viele unterschiedliche Interessen hat wie die gebürtige Osnabrückerin, der musste das Studium in Münster noch trockener als ohnehin finden. Und so studierte sie parallel an der Fachhochschule Münster doch noch Architektur. Als einer ihrer Architektur-Professoren davon erfuhr, war der alles andere als begeistert. „Das können Sie nebenher machen?“, war sein despektierlicher Kommentar.

Osnabrück gilt noch heute als stockkatholisch

Maren Kern hat sich auf ihrem Lebensweg von solchen Stimmungen alt hergebrachter gesellschaftlicher Konventionen nicht beirren lassen. Osnabrück gilt noch heute als ziemlich konservativ und stockkatholisch. „In habe in der Schule massiv gespürt, dass ich mehr als schief angesehen wurde, weil ich kirchlich ungebunden war. Und in den Ferien, wenn ich Aushilfsjobs suchte, wurden Verträge wieder gekündigt, weil ich die Frage nach der Religionszugehörigkeit auch auf Nachfrage offen gelassen hatte. Dass ich dennoch christliche Werte wie Nächstenliebe, Toleranz oder Hilfe für die Schwachen gelernt und gelebt habe, die mir noch heute Orientierung geben, spielte keine Rolle.“

Das wurde auch während des Studiums im nur graduell weniger stark konservativ wie katholisch geprägten Münster nicht viel besser: konfessionslos, Frau, unverheiratet - das versprach für Maren Kern, die immer etwas bewegen, gestalten und erreichen wollte, eher bescheidene Perspektiven in der angestammten Heimat. Also auf nach Berlin, wo so viele ihrer Generation die gesellschaftliche Enge mit der Freiheit der Großstadt tauschten. Das war Ende 1987.

Maren Kern kennt sich im Botanischen Garten bestens aus

Im Botanischen Garten kennt sich Maren Kern bestens aus. Sie dirigiert den Fotografen Maurizio Gambarini und mich zielsicher über die bisweilen verschlungenen Pfade des 43 Hektar großen Weltgartens, in dem der Frühling unaufhaltsam seinen Einzug hält, in dem es jetzt täglich mehr grünt und blüht. Und prompt liefert Maren Kern auch schon den Beweis ihrer Pflanzenkunde. Für Unkundige kaum zu erkennen, weist sie auf einen Strauch mit auffallend dunkelgelben, länglichen Blüten. „Das ist eine Zaubernuss, lateinisch Hamamelis. Sie zählt zu den seltenen Winterblühern, die einen ab Januar mit ihren Blüten erfreuen.“ Wenn das kein Fotomotiv ist. Maren Kern stellt sich unter einen Blütenzweig, lächelt und als ich sie auf einige auf ihren Kopf herabgefallenen Blüten aufmerksam mache, entfährt ihr ein fröhliches „wir machen hier trotzdem kein Hochzeitsfoto.“ Humor hat sie also auch, Schlagfertigkeit dazu.“

„Berlin ist ein echt glänzendes Vorbild bezüglich der Chancen für Frauen“

Einem Aufblühen gleich war auch ihr Umzug nach Berlin. Endlich befreit aus der provinziellen Enge, frei in Meinung, im Glauben und in den Umgangsformen. Beruflich hat sie in einer Anwaltskanzlei begonnen, 1990 wechselte sie zum Wohnungsunternehmen BBU und machte dort Karriere bis in den Vorstand. „Was ich hier mache, wäre heute in meiner Heimatregion immer noch nicht möglich. Berlin ist ein echt glänzendes Vorbild bezüglich der Chancen für Frauen, in Führungspositionen aufzusteigen.“

Dennoch ist sie einer generellen Frauenquote nicht abgeneigt: „Anfangs war die Leistung für mich wichtiger als eine Quote. Aber heute - auch in meiner Branche - ist der Frauenanteil in den oberen Etagen noch immer sehr gering. Auch wenn Berlin eine Ausnahme ist.“

Maren Kern hat bei Enteignungen verfassungsrechtliche Bedenken

Ihre Branche ist ja gerade bei vielen Berlinern in Verruf geraten. Steigende Mieten, Wohnungsmangel, Sorge vor Kündigung der heimischen vier Wände haben gar zu der Initiative geführt, die per Volksbegehren größere private Wohnungsunternehmen enteignen will. Für Maren Kern und ihren Verband ein ideologisch motivierter Kampf, der in die völlig falsche Richtung geht.

Das überrascht nicht. Zu den 350 BBU-Mitgliedern aus landeseigenen, kommunalen, genossenschaftlichen, kirchlichen und privaten Wohnungsunternehmen zählen auch Vonovia und die Deutsche Wohnen. Letztere attackieren die Initiatoren des Volksbegehrens besonders scharf. Maren Kern argumentiert für ihren Verband mit verfassungsrechtlichen Bedenken. Für den Fall einer erfolgreichen Kampagne sagt sie dramatische finanzielle und organisatorischen Konsequenzen voraus.

Gutachten: Das geplante Volksbegehren ist verfassungswidrig

Erst vor Kurzem hat ein vom BBU in Auftrag gegebenes Gutachten bestätigt, wovon die Mehrheit der Rechtskundigen ohnehin überzeugt ist: Das geplante Volksbegehren ist verfassungswidrig. Besonders empört hat Maren Kern und Helge Sodan, Verfasser des Gutachtens, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht, Öffentliches Wirtschaftsrecht und Sozialrecht an der FU Berlin und früherer Präsident des Berliner Verfassungsgerichts, die Reaktion der Wortführer der Initiative. „Die haben schon von einem Gefälligkeitsgutachten gesprochen, bevor sie das Gutachten überhaupt in der Hand hatten. So viel Voreingenommenheit sei Professor Sodan in seinem ganzen akademischen Berufsleben noch nicht begegnet.“

Und finanziell, so Maren Kern, wären die fälligen Entschädigungszahlungen für den Senat gar nicht zu stemmen. Mindestens 36 Milliarden Euro würden fällig, ohne dass dadurch auch nur eine einzige Wohnung zusätzlich entstünde. Und was würde organisatorisch mit den etwa 240.000 Wohnungen passieren, die im Fokus der Enteigner stehen? Maren Kern schüttelt ungläubig den Kopf. „Die sollen in eine Anstalt des öffentlichen Rechts überführt werden. Das würde zum Chaos führen. Wer soll die Mieten festlegen, wer die Wohnungen verwalten, wer sich um Reparaturen kümmern? Es gibt doch die schlimmen Erfahrungen aus DDR-Zeiten.“ Besonders empörend sei, dass mit der Hilfswerk-Siedlung ein Wohnungsunternehmen der Evangelischen Kirche Berlin, Brandenburg, schlesische Oberlausitz auf der Liste steht.

„Es muss mehr bezahlbarer Wohnraum gebaut werden“

Auch für Maren Kern und ihren Verband gibt es nur eine Lösung: „Es muss mehr bezahlbarer Wohnraum gebaut werden. Dafür müssen Grundstücke bereitgestellt und Bauvorschriften durchforstet werden, um Zeit und Kosten zu sparen. Mir fehlt in Berlin der klar geäusserte Wille: Wir haben ein Problem in der Stadt und die Lösung sieht so und so aus. Konkret heißt das natürlich Neubau. An diesem Ziel ist alles auszurichten. Dass in Berlin schnellstmöglich Problemlösungen organisiert werden können, hat die Stadt Anfang der 90er-Jahre nach dem Fall der Mauer bewiesen.“ Das hört sich nach deutlicher Kritik am amtierenden Senat an. Entschlossen zum Streit? „Nein, aber ich bin kämpferisch, wenn es dem Ziel dient, Hindernisse zu überwinden.“

Sie selbst hat unmittelbar nach der Wende die Erfahrung gemacht, dass Probleme bei festem Willen schnell zu lösen sind. Als Justiziarin des BBU, einer der ersten Ost-West-Verbände, hat sie 1990 mit dem Bonner Bauministerium in oft unbürokratischen Absprachen Anpassungen zwischen ost- und westdeutschem Bau- und Mietrecht auf den Weg gebracht, um die Sanierung der maroden Bausubstanz im Osten voranzubringen. „Dabei kam ich mir oft wieder vor wie im Examen. Ich musste aus dem Zivil-Gesetzbuch der DDR lernen und dann für unsere Belange das ostdeutsche Recht mit unserem BGB kompatibel machen. Es hat funktioniert, weil alle an einem Strang gezogen haben.“

Schwarze Schafe sind „bekanntermaßen immer die Minderheit in einer Herde“

Aus dieser Zeit hat sich Frau Kern ihr Verständnis für die besondere Lage der Menschen in Ost-Deutschland bewahrt. „Wenn plötzlich ein ganzes System wegbricht, ist das ein tiefer Lebenseinschnitt, der nicht so einfach wegzustecken ist.“ Und noch eine ganz andere Erfahrung hat sie gemacht, kaum dass sie Ende der achtziger Jahre in Berlin angekommen war. „Damals herrschte auch Wohnungsmangel. Ich fand nur eine Bleibe als Untermieterin. Und wie entmietet wird, habe ich nach allen Regeln der Kunst erfahren. Erst wurden im Winter die Dachziegel abgedeckt und es regnete überall durch. Dann wurde der Schornstein abgebrochen. Ich hätte mir fast eine Kohlenmonoxid-Vergiftung zugezogen. Deshalb weiß ich, wie es sich anfühlt, gezielt aus seiner Wohnung verdrängt zu werden. Leider gibt es so etwas immer noch. Aber es sind Ausnahmen. Schwarze Schafe gibt es immer, aber die sind bekanntermaßen immer die Minderheit in einer Herde.“

„Ich habe ein Faible für Mode, ich wollte mal Designerin werden“

In ihrem Leben, sagt Maren Kern, sei nicht alles geplant, vieles habe sich so ergeben. „Aber eins wollte ich immer: etwas gestalten, was mit Menschen machen, und abwechslungsreich sollte es sein.“ Sie hat sich selbst nicht enttäuscht, diese Powerfrau, die auch modisch Akzente zu setzen weiß. Als ich wage - man muss ja heute ganz vorsichtig sein - Maren Kern in ihrem auffallend eleganten halb schwarzen, halb weißen Mantel als schicke modische Frau anzusprechen, lacht sie und beruhigt mich. „Ja, ich habe ein Faible für Mode. Ich wollte mal Designerin werden. Früher habe ich meine Garderobe selbst geschneidert.“ Sie habe handwerkliches Geschick; auch getöpfert und Glas geblasen. „Richtig dickes Glas; für Vasen oder Kunstgegenstände. Das ist für Frauen nicht ganz einfach“

Am Ende unserer Wanderung durch die Botanik noch einmal zurück zur Enteignungskampagne. Die Berliner scheinen darüber geteilter Meinung. Wie schätzt Maren Kern die Erfolgsaussichten ein? „Wenn die Berliner aufgeklärt werden, was wegen der riesigen Entschädigungssumme unmöglich wird - neue Schulen, Kitas, Ausbau der Verkehrsinfrastruktur- dann wird es meiner Meinung nach keine Mehrheit geben. Aber ich habe auch einen Präsidenten Trump oder den Brexit für unmöglich gehalten; und auch die Enteignung eines kirchlichen Wohnungsunternehmens...“​