Ausbau

So macht sich Berlin fit fürs Fahrrad

Vom Senat versprochen sind neue Strecken und mehr Sicherheit. Dies sind die anstehenden Projekte in den Bezirken.

Viele Radfahrer fühlen sich auf Berlins Straßen unsicher. Der Senat will die Voraussetzungen für eine fahrradfreundlichere Stadt schaffen.

Viele Radfahrer fühlen sich auf Berlins Straßen unsicher. Der Senat will die Voraussetzungen für eine fahrradfreundlichere Stadt schaffen.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. In der Schule wäre es ein schlechtes „ausreichend“. Berlins Radfahrer fühlen sich auf den Wegen und Straßen ihrer Stadt unsicher. Anfang vergangener Woche hatte der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) nationale Umfrage-Ergebnisse vorgestellt. Berlin erhielt die im Deutschland-Vergleich unterdurchschnittliche Note 4,27. Dabei will der Senat die Voraussetzungen für eine fahrradfreundlichere Stadt schaffen. Die Berliner Morgenpost hat in den Berliner Bezirksämtern nachgefragt, welche Baumaßnahmen in diesem und in den kommenden Jahren anstehen.

Berliner Mobilitätsgesetz bildet Leitlinie

Auf Landesebene bildet das im Juni 2018 verabschiedete Berliner Mobilitätsgesetz die Leitlinie. Die „Initiative Volksentscheid Fahrrad“ hatte es mit durchgesetzt. Im Vordergrund stehen Verbesserungen für Radfahrer. Vorgesehen sind etwa Neubau und Sanierung von Radwegen, ihre farbliche Markierung, neue Abstellmöglichkeiten und „Protected Bike Lanes“, die mit Pollern vom Autoverkehr getrennt sind.

Laut Gesetz entstehen an allen Hauptstraßen beidseitig Fahrradwege, zudem sind auf einer Länge von mindestens 100 Kilometern Radschnellwege durch die Stadt geplant. Die Streckenführung von zehn Verbindungen wird untersucht. Für den Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur sind in dieser Legislaturperiode bis 2021 200 Millionen Euro vorgesehen. Dabei ist nicht alles, was in den Bezirken zur Verdichtung des Radwegenetzes entsteht, Folge des Mobilitätsgesetzes. Das sind der aktuelle Stand und die wichtigsten vorgesehenen Maßnahmen:

Grünfärbung des Radstreifens in der Schloßstraße

Das wohl auffälligste Projekt in Steglitz-Zehlendorf 2019 ist die Grünfärbung des Radstreifens in der Schloßstraße. Ansonsten wird derzeit im Bezirk an fünf Radwegen gearbeitet. Dazu gehören der Poller-Radweg am Dahlemer Weg, wo noch Nacharbeiten anstehen, sowie die Radwege in der Königstraße, Königsweg, Königsberger Straße und Restarbeiten im Jungfernstieg.

Weitere zehn Radweg-Projekte befinden sich in der Planung. So sollen die Radwege in der Clayallee saniert und der Radweg in der Westseite der Malteserstraße umgebaut werden. In der Fischerhüttenstraße, der Brauerstraße und der Markelstraße ist geplant, die Spuren zu asphaltieren. Am Fernradweg Berlin-Leipzig, der durch den Gemeindepark Lankwitz führen soll, ruhen derzeit erneut die Arbeiten, da es offenbar geschützte Wildbienen gibt.

80 Prozent der Bewohner besitzen kein Auto

In Friedrichshain-Kreuzberg, so betonte am Dienstag die radfahrende Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne), erwarten die Bürger besonders, dass der Bezirk beim Ausbau der Strecken „Tempo macht“. 80 Prozent der Bewohner haben kein Auto. Mit dem Rad werden dort doppelt so viele Wege wie mit dem Auto zurückgelegt. Gemäß BVV-Beschlüssen, Anregungen von Radverkehrsverbänden und aus der Bevölkerung hat das Bezirksamt einen Radverkehrsplan entwickelt, der 49 Projekte zur Förderung des Radverkehrs umfasst, die mit Landesmitteln finanziert werden.

Nach Holzmarktstraße in Mitte und dem Dahlemer Weg in Steglitz-Zehlendorf wurde am Dienstag der dritte geschützte Radfahrstreifen der Stadt eröffnet. Die einen Kilometer lange Strecke kostete eine halbe Million Euro. Zu den jüngst umgesetzten Projekten im Bezirk gehören Radweg-Abschnitte auf der Skalitzer/Gitschiner Straße und der Karl-Marx-Allee. Im laufenden Jahr werden zudem Radwege an der Karl-Marx-Allee zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor sowie zwischen Kynaststraße und Paul-und-Paula-Ufer verbreitert.

Pläne sorgen in Lichtenberg für Ärger

In Lichtenberg sorgen Pläne für die Siegfriedstraße für Ärger. Radfahrer finden die Idee einer von Pollern geschützten Radspur auf etwa 500 Metern zwischen Rüdiger- und Bornitzstraße gut, viele Autofahrer sind empört. Dafür würde ein Großteil der Parkplätze wegfallen. Ein nicht zu unterschätzendes Problem ist auch die Tram, die hier auf Einfahrt ins Straßenbahndepot wartet und somit den Verkehr aufhalten würde. Nun werden laut Bezirksstadtrat Wilfried Nünthel (CDU) Alternativen geprüft, unter anderem die Reduzierung der Radspur auf eine Straßenseite mit Begegnungsverkehr.

In Pankow sind für das prominenteste Radverkehrsprojekt, den Radschnellweg „Panketrail“, die gröbsten Hindernisse aus dem Weg geräumt. Monatelang war unklar, ob die etwa 13 Kilometer lange Trasse entlang der Stettiner Bahn und der S-Bahnlinie 2 von Buch hinunter nach Süden in den Mauerpark verlaufen kann. Dort, wo der Schnellweg über das Gelände des Großprojekts Pankower Tor mit 2000 Wohnungen verlaufen sollte, plant Investor Kurt Krieger ein Einkaufszentrum. Zuletzt erklärte er sich aber bereit, die Planung so anzupassen, dass der Schnellweg wie gewünscht über das Gelände verlaufen kann.

Deutlich verzögerter Neubau des Radwegs Heerstraße

Durch die derzeit von der infraVelo GmbH durchgeführte Machbarkeitsstudie für die Radschnellverbindungen seien viele der begonnenen Radverkehrsprojekte in Spandau gestoppt wurden, sagte der zuständige Stadtrat Frank Bewig (CDU). Unabhängig davon würden an der Falkenseer Chaussee zwischen Zeppelinstraße und Germersheimer Weg, an der Kisselnallee zwischen Pionierstraße und Radelandstraße, am Seegefelder Weg und in der Spektelake Radwege saniert. Hinzu kommt der von der Senatsverkehrsverwaltung verantwortete und deutlich verzögerte Neubau des Radwegs an der Heerstraße zwischen Freybrücke und Stößenseebrücke, der bis Ende 2019 fertig werden soll. Für Ärger hatte dort vor allem gesorgt, dass zahlreiche Bäume bereits im Februar 2018 gefällt wurden. Wenn im Sommer nun tatsächlich die Bauarbeiten beginnen, wird das für Autofahrer deutliche Einschränkungen mit sich bringen: In dem Abschnitt werden dann nur drei statt fünf Spuren zur Verfügung stehen.

In Neukölln haben am Montag auf der Karl-Marx-Straße Arbeiten für den ersten geschützten Radstreifen im Bezirk begonnen. Er führt auf 300 Metern vom Hermannplatz zur Reuterstraße. Die Arbeiten dauern bis Ende Juni. Die Polizei indes hat neun Unfallschwerpunkte für Radfahrer in Neukölln identifiziert, also Knotenpunkte, an denen mindestens fünf Verkehrsunfälle innerhalb eines Jahres passieren, etwa im Bereich zwischen Hasenheide, Hermannstraße, Karl-Marx-Straße und Hermannplatz. Ein positives Projekt ist die sogenannte „Y-Trasse“, die auf 17 Kilometern von Treptow-Köpenick über Neukölln bis nach Friedrichshain-Kreuzberg führen soll. Bei einer Bürgerversammlung wurden am Dienstag die Ergebnisse der Untersuchung von drei Abschnitten präsentiert. Am Böhmischen Platz wird der erste Lastenradparkplatz in Neukölln geplant, die Westerstraße soll Fahrradstraße werden.

Radwege entsprechen nicht mehr heutigen Standard

In Reinickendorf entsprechen laut Bezirksstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) viele Radwege nicht mehr den heutigen Standards und den Anforderungen des Mobilitätsgesetzes. Aber trotz des massiven Sanierungsbedarfs stelle der Senat keine Mittel zur Verfügung. Der Bezirk saniere dennoch, wo es möglich ist. 2018 sei eine Radverkehrsanlage auf einem Teil der Ollenhauerstraße entstanden, der Mauerradweg vom Staehleweg bis zum befestigten Mauerradweg Hohen Neuendorf wurde hergestellt, beide Jugendverkehrsschulen saniert und 284 Fahrradbügel an Schulen und im öffentlichen Straßenland errichtet. Für das Jahr 2019 stehen sieben Projekte an, drei weitere sind längerfristig angelegt, etwa ein Radweg mit Schutzstreifen auf der Oranienburger Straße zwischen Tessenowstraße und Wittenauer Straße. So einfach ist aber die Umsetzung nicht. „Das Problem ist, geeignete Straßenbauingenieure zu finden. Der Bezirk befindet sich in der sechsten Ausschreibung für die zusätzlich bewilligten Stellen zur Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur“, heißt es im Bezirksamt.

Baufirma ist wegen Überlastung in Verzug

In Tempelhof-Schöneberg ist das größte Fahrradwegeprojekt der „Verkehrsversuch Tempelhofer Damm“ zwischen Alt-Tempelhof und Hafen. Der Baubeginn für eine geschützte Radverkehrsanlage ist für 2020 geplant. Die Sanierungsarbeiten des Radwegs am Tempelhofer Damm zwischen Autobahnauffahrt und Platz der Luftbrücke auf der Seite des Tempelhofer Feldes sollen in diesem Frühjahr beginnen, mit rund halbjähriger Verspätung. Die Baufirma sei wegen Überlastung im Verzug, so Verkehrsstadträtin Christine Heiß (Grüne). „Wir hoffen, dass der Auftragnehmer im Mai beginnt und die Arbeiten dann zügig voran bringt.“

Ein Gutachten für die Parkraumbewirtschaftung für die Wohngebiete rund um den Tempelhofer Damm wurde in Auftrag gegeben. Fallen die Parkplätze weg, würde sich der Parkdruck auf die angrenzenden Wohngebiete verlagern. Auch muss laut Bezirksstadträtin ein Parkleitsystem eingeführt werden. „Derzeit werden 33 Maßnahmen bearbeitet. Das entspricht einer Gesamtsumme von 6.645.000 Euro für den Radverkehr“, so Heiß.

In Treptow-Köpenick bewertete Sophie Lattke, Sprecherin des Netzwerkes Fahrradfreundliches Treptow-Köpenick, die Entwicklung des Radverkehrs nur mit der Note 3 bis 4: Der Ausbau der Rad-Infrastruktur gehe zu langsam voran, es gebe keine geschützten Radwege, An der Wuhlheide fahre man streckenweise unbeleuchtet, die Grünmarkierung in der Seelenbinderstraße sei nur halb fertig.

Mittes Protected-Bike-Lane an der Holzmarktstraße gilt als Berlins Vorzeigeradweg. Angelehnt an das Konzept sollen weitere Anlagen umkonzipiert werden. So erhält der neue Radweg an der Stromstraße, der zwischen Turmstraße und Perleberger Straße verläuft, ebenfalls Poller als Schutz. Gleiches ist für den südlichen Abschnitt der Amrumer Straße in Wedding vorgesehen. Seit vielen Jahren fordern Radfahrer einen Radweg auf der vielbefahrenen Müllerstraße zwischen Seestraße und S-Bahnhof Wedding. Auch im Bezirksamt will man den Radweg, aber die Pläne dafür reichen zurück bis 2010. Derzeit wird daher im Bezirk eine Ergänzung zur Bauplanung erarbeitet. Sie soll bis Ende 2019 fertig sein. Mit dem Beginn der Bauarbeiten ist „voraussichtlich nicht vor Mitte 2021 zu rechnen“, heißt es beim Straßen- und Grünflächenamt.