Pleite-Airline

16 Firmen buhlen um frühere Germania-Mitarbeiter

Arbeitsagentur hilft ehemaligen Germania-Beschäftigten mit Jobmesse. Nach der Pleite ist die Wut der Belegschaft noch immer groß.

Jobbörse für ehemalige Germania-Mitarbeiter in Berlin. Ümit Gruch, Kirstin Reimer, Gülser Türkman (von links).

Jobbörse für ehemalige Germania-Mitarbeiter in Berlin. Ümit Gruch, Kirstin Reimer, Gülser Türkman (von links).

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Die Berliner Fluggesellschaft Germania hat einen großen Teil im Leben von Hardy Becker ausgemacht. Zehn Jahre war er für die Airline als technischer Sachbearbeiter tätig. Auch seine Frau war bei Germania angestellt. Die Airline, sagt Becker, war wie eine Familie. Doch im Februar riss die Pleite von Germania diese Gemeinschaft auseinander. Mittlerweile ist das Insolvenzverfahren eröffnet. Rund 1600 frühere Mitarbeiter der Fluggesellschaft haben ihre Kündigung erhalten.

Germania war für viele Mitarbeiter wie eine Familie

Auch Hardy Becker sucht jetzt einen neuen Job. Am Mittwochmorgen lehnt er an einer Wand in der Arbeitsagentur Nord in Charlottenburg und verschränkt die Arme. Becker, 45 Jahre, hat für die Airline zuletzt die Ein- und Ausflottung von Flugzeugen begleitet. Zum Beispiel achtete er darauf, dass auch alle nötigen Papiere für die Maschinen vorlagen – ein klassischer Verwaltungsjob. So etwas könnte er sich auch nach Germania wieder vorstellen. Doch Becker weiß nicht so recht. „Ich habe mich in den letzten Jahren ja nirgendwo beworben,“ sagt er. Weg aus Berlin will er wegen seiner Familie jedenfalls nicht. Vielleicht kommt ein Job bei einem Logistiker oder im Tourismusbereich infrage.

Rund 500 frühere Germania-Mitarbeiter sind am Mittwochvormittag in die Arbeitsagentur Berlin-Nord gekommen. Dort, bei einer Jobmesse für die frühere Belegschaft der Fluglinie, buhlen 16 potenzielle Arbeitgeber um das seit Anfang April freigestellte Germania-Personal. Neben dem Land Berlin ist die Berliner Stadtreinigung BSR dabei, aber auch Lufthansa oder die Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft ODEG bieten offene Stellen an.

365 Germania-Mitarbeiter haben sich arbeitslos gemeldet

Für die ehemaligen Germania-Beschäftigten seien die Aussichten auf einen neuen Job sehr gut, sagt der Chef der Arbeitsagentur Berlin-Nord, Christoph Möller. „Im Moment sind eigentlich alle Branchen aufnahmefähig,“ erklärt der Arbeitsmarkt-Experte. Nachdem ein Großteil der Belegschaft zum 1. April gekündigt und freigestellt wurde, haben sich nach Angaben der Arbeitsagentur bislang 365 ehemalige Germania-Arbeitnehmer in Berlin und Brandenburg arbeitslos gemeldet.

Möller schätzt, dass viele frühere Mitarbeiter der Airline auch ohne die Hilfe seiner Berufsberater einen neuen Job finden werden. Für diejenigen, die Hilfe brauchen, will er aber da sein. Bislang haben 52 ehemalige Germania-Beschäftigte mithilfe der Arbeitsagentur wieder eine neue Stelle gefunden.

Die Jobmesse in der Charlottenburger Arbeitsagentur soll vor allem Orientierung bieten. An Wänden sind zahlreiche Stellenanzeigen angepinnt. Experten der Arbeitsagentur bieten zudem einen Bewerbungsunterlagen-Check an. Einige Teilnehmer nutzen die Gelegenheit und lassen bei einem Fotografen neue Bewerbungs-Aufnahmen machen.

„Wir fühlen uns von der Geschäftsführung verarscht“

Auch Gülser Türkmen, Kirstin Reimer und Ümit Gruch sind zu der Jobmesse gekommen. Die drei Frauen haben bei Germania in der Sales-Abteilung gearbeitet, waren unter anderem für den Verkauf von Flugtickets zuständig. „Ich will nicht nur einen neuen Job finden, sondern einen Arbeitgeber, mit dem ich mich identifizieren kann“, sagt Gülser Türkmen. Das sei auch bei Germania so gewesen – zumindest bis zur Pleite. Über das Ende der Airline sei sie noch immer enttäuscht, sagt Türkmen. Die ganze Belegschaft hatte gehofft, dass es irgendwie weitergeht. „Ich habe das Gefühl, dass der Arbeitsagentur eher etwas am Wohlbefinden der Germania-Mitarbeiter liegt, als dem Unternehmen selbst. Wir fühlen uns verarscht von der Geschäftsführung“, schimpft Türkmen.

Germania hatte bereits zum Ende des vergangenen Jahres Probleme. Airline-Chef Karsten Balke verkündete dann wenig später, die rettende Finanzspritze erhalten zu haben. Balke allerdings hatte sich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Weil das Geld doch nicht auf den Germania-Konten ankam, rutschte das Unternehmen in die Insolvenz.

Berliner Stadtreinigung wirbt um Germania-Personal

Die Pleite traf auch den ehemaligen Piloten Thorsten Schuband hart. Seitdem der Flugkapitän vor einigen Jahren wegen seiner Augen an der Tauglichkeitsprüfung scheiterte, arbeitete er als Simulator-Trainer und in der Germania-Verwaltung. Dort war er für die Flugsicherheit zuständig. Der 51 Jahre alte Schuhband will auch künftig gerne weiter im Büro tätig sein, auch der Luftfahrt-Branche würde er am liebsten treu bleiben.

Schuband bleibt am Mittwoch auch am Stand der Argo Aviation GmbH stehen. Der Personaldienstleister vermittelt zum Beispiel an Lufthansa, aber auch an Airbus und Rolls Royce Mitarbeiter. Das frühere Germania-Personal würde gut zu uns passen, sagt Jessica Fiedler, Niederlassungsleiterin des Unternehmens in Berlin. Immer wieder bleiben frühere Airline-Beschäftigte aber auch vor den orangenen Tafeln der Berliner Stadtreinigung stehen. „Das Interesse ist groß“, sagt die BSR-Mitarbeiterin. Auch nach der Air-Berlin-Pleite hatten einige ehemalige Mitarbeiter der Fluglinie bei dem Landesunternehmen einen neuen Job gefunden.