Medizin

Leben retten mit dem Smartphone - Berliner erfindet App

Ein Berliner Kardiologe hat eine App erfunden, die bei Herzstillstand helfen kann. Ersthelfer sollen mit ihr Leben retten.

Die Anwendung des Kardiologen Dietrich Andresen wird derzeit an Puppen getestet.

Die Anwendung des Kardiologen Dietrich Andresen wird derzeit an Puppen getestet.

Foto: Reto Klar

Berlin.  „Perfekt“, sagt eine Männerstimme aus dem iPhone von Dietrich Andresen, während er mit zwei übereinandergelegten Händen rhythmisch auf den Bildschirm drückt. Dieser leuchtet grün, um ihm zu signalisieren, dass er alles richtig macht. Bis zum Eintreffen des Rettungswagens hätte sein Patient wahrscheinlich überlebt. Doch der Chefarzt der Kardiologie des Evangelischen Krankenhauses Hubertus in Zehlendorf hat auf der Liege vor sich keinen Menschen, sondern eine Puppe.

An ihr will der Professor zeigen, wie die „reanimation.app“, die er zusammen mit dem Start-up-Gründer Alexander Leuchte erfunden hat, funktioniert. Im Falle eines Herzstillstandes soll die Anwendungssoftware Laien bei den Wiederbelebungsmaßnahmen bis zum Eintreffen der Rettungskräfte unterstützen. „Wenn eine Person mit einem Herzstillstand kollabiert, ist es das Schlimmste, nichts zu tun. Denn dann schwindet die Überlebenswahrscheinlichkeit binnen weniger Minuten“, sagt Andresen, der auch Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung ist. In Berlin führen laut einer Umfrage nur etwa 40 Prozent bei einem Herzstillstand eine Herzdruckmassage durch.

Viele Menschen trauen sich nicht zu helfen

Der Rest traue sich oft nicht aus Angst, etwas falsch zu machen. Vor allem zu schwacher Druck komme bei Ersthelfern häufig vor, da sie den Patienten nicht verletzen wollen. Das Resultat: Lebenswichtige Organe – vor allem das Gehirn – bekommen nicht genügend Sauerstoff. Genau dort soll die App greifen: Ist sie einmal heruntergeladen, muss der Ersthelfer nur noch sein Handy auf die Brust des Patienten legen, den Anweisungen aus dem Lautsprecher und auf dem Bildschirm folgen. Über die Sensoren des Handys werden die Frequenz, die Drucktiefe und die Entlastung des Brustkorbes gemessen. Dabei wird den Leitlinien zur Laien-Reanimation bei Herz-Kreislauf-Erkrankten gefolgt: Pro Minute wird 100 bis 120 Mal gedrückt und wieder entlastet. Der Brustkorb darf dabei maximal sechs Zentimeter tief abgesenkt werden. Das Handy gehe dabei nicht kaputt.

Anwendung muss vor dem Start noch genehmigt werden

Derzeit werde die App im Krankenhaus Hubertus mit Laien und medizinischem Personal an einer Reanimationspuppe getestet. Erste Ergebnisse würden eine deutlich bessere Effektivität der Herzdruckmassage zeigen. Doch bevor die Anwendung auf den Markt kommt, muss sie vom Bundesamt für Arzneimittelforschung (BfArM) genehmigt werden. Im Herbst sollen sie iPhone-Nutzer kostenlos herunterladen können. Danach soll sie auch für andere Smartphones verfügbar sein. Schon jetzt kann man sich auf der Webseite der App anmelden, um über den Start informiert zu werden. Von der Erfindung hat Dietrich Andresen auch seinen Kollegen schon erzählt. „Sie sind begeistert. Jeder, der weiß, wie schwierig eine Wiederbelebung für Laien sein kann, sieht das als nützliche Hilfe“, sagt der Kardiologe.

In Deutschland erleiden jährlich 65.000 Menschen einen Herzstillstand

Nach der Arbeit nimmt er sich die Zeit, um sich mit der App zu beschäftigen. Auch seine Frau, seine Tochter und sein Sohn haben die Weltneuheit bereits getestet. „Es macht einen richtig süchtig, wenn man eine Idee hat und darüber im Fertigungsprozess mit anderen diskutiert, die davon genauso erfasst sind“, sagt Andresen. Auch die Zusammenarbeit mit seinem Geschäftspartner Alexander Leuchte, der unter anderem schon einen digitalen Gesundheitscoach für werdende Mütter auf den Markt gebracht hat, motivieren den 70-Jährigen. Von der Idee bis zum fertigen Produkt habe es nicht mehr als drei Monate gedauert. Der Chefarzt hofft nun, dass auch die behördliche Genehmigung zügig vonstatten gehen kann.

In Deutschland erleiden jährlich 65.000 Menschen einen Herzstillstand, davon überleben im Schnitt nur fünf bis zehn Prozent.

Auf Beatmung verzichten und Kleidung anlassen

„Es gibt viel Unwissen und Ungeschicktheit seitens der kardiologischen Fachgesellschaften, die eigentlich praxisnahe Leitlinien entwickeln sollten“, sagt Dietrich Andresen. So würden auf Abbildungen für Laien Patienten immer mit freiem Oberkörper gezeigt werden. „Es gibt auch eine gewisse Schamgrenze: Wer will denn beispielsweise als Laie eine Frau auf dem Potsdamer Platz ausziehen? Da wartet man doch lieber, bis die Feuerwehr kommt“, sagt der Mediziner. Die Mitte des Brustkorbes könne man auch problemlos finden, wenn die zu behandelnde Person einen Pullover anhat. Eine Hemmschwelle könne auch überwunden werden, indem man die Beatmung weglässt. Der Patient habe nach einem Herzstillstand noch für mehrere Minuten genügend Sauerstoff im Blut. „Das Problem ist also nicht, dass Sauerstoff fehlt, sondern dass er nicht zum Gehirn kommt. Deshalb ist die Herzdruckmassage und nicht die Beatmung so wichtig“, so Andresen. Eine schwedische Forschungsarbeit zeige, dass dadurch die Zahl der Wiederbelebungen deutlich zunimmt. Der Ersthelfer muss dann nur noch drei Dinge tun: Prüfen, ob die Person bewusstlos ist, die Feuerwehr oder den Rettungsdienst über die 112 rufen und dann sofort die Herzdruckmassage durchführen. Wie wichtig dies ist, werde am Beispiel von Spielbanken in Las Vegas deutlich, wo Türstehern die Wiederbelebung beigebracht worden ist. „Sie hatten bei sofortiger Laienreanimation eine Wiederbelebungsrate von 75 Prozent“, sagt Andresen.

Informationen zur App: reanimation.app