Zugvögel kommen zurück

„Schwalben sind ein Zeichen, dass der Sommer kommt“

Die ersten Zugvögel kommen aus ihren Winterquartieren zurück. Drei Berliner erzählen, wie man die Tiere schützen kann.

Zurzeit werden die Nester gebaut, ab Mitte Mai werden die Eier gelegt, im Juni schlüpfen dann die Jungen.

Zurzeit werden die Nester gebaut, ab Mitte Mai werden die Eier gelegt, im Juni schlüpfen dann die Jungen.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Pünktlich zum Frühlingsbeginn kommen die Schwalben zurück nach Deutschland. Von ihren fernen Winterquartieren fliegen sie mehr als 10.000 Kilometer, überqueren die Sahara und das Mittelmeer, bis sie ihre Brutgebiete hierzulande erreichen.

Dann sind sie meist sehr erschöpft, weiß Sandra Finke-Neumann, die zusammen mit ihrem Mann einen Bauernhof in Blankenfelde betreibt. „Sie machen sich ein paar Tage frisch, bevor sie ihre Nester renovieren“, sagt sie. Auf ihrem Hof befinden sich insgesamt 50 Schwalbennester, die in den Pferdeställen überall an der Wand zu sehen sind und selbst die Wasserleitungen bevölkern. Die ersten Rauchschwalben, die man unter anderem an der braunroten Färbung von Kehle und Stirn erkennt, sind schon auf den Hof zurückgekehrt.

Häuserkampf zwischen Spatzen und Schwalben

Doch ihren Platz müssen sie sich erst noch erkämpfen, denn die Spatzen haben sich in ihrer Abwesenheit in den Schwalbennestern eingerichtet. „Es gibt einen richtigen Häuserkampf. Aber meist gewinnen die Schwalben, weil sie wendiger sind, als die dicken Spatzen“, sagt die 46-Jährige.

Doch manchmal ist es dann schon zu spät, denn unter dem Gewicht der Spatzen gehen die Nester oft zu Bruch. Die Schwalben müssen dann mit dem Nestbau von vorn beginnen, wobei ihnen wertvolle Zeit zum Brüten verloren geht.

Naturschutzverbände schlagen Alarm

Doch es gibt noch etwas ganz anderes, das Sandra Finke-Neumann Sorgen bereitet. Die Vögel sind schon seit den 90er-Jahren auf dem Hof zuhause. „Die Kunst ist es, sie hier zu behalten“, sagt sie. „Das geht nur, wenn wir unsere Landwirtschaft so ausrichten, dass sie auch weiterhin ihre Lebensbedingungen hier finden“, fügt sie hinzu. Schwalben bräuchten neben den Nistplätzen Ausflugsmöglichkeiten auf Wiesen und Feldern, die kleinbäuerlich bewirtschaftet werden. Durch die industrielle Landwirtschaft, bei der viele Düngemittel und Pestizide zum Einsatz kommen und Monokulturen angepflanzt werden, geht die Vielfalt und die Zahl der Insekten, das Hauptnahrungsmittel der Schwalben, zurück.

Denn Voraussetzung für mehrere Bruten und viel Schwalbennachwuchs ist, dass die Schwalbeneltern genügend Insekten für sich und ihre Jungen fangen. Pro Jahr werden in einer Schwalbenfamilie rund 250.000 Insekten verfüttert. „Bei meinen Eltern in Niedersachsen waren immer Schwalben, als ich ein Kind war. Aber jetzt kommt keine einzige mehr, weil die Ställe modern, sauber und geschlossen sind“, sagt Finke-Neumann.

Auch Naturschutzverbände schlagen inzwischen Alarm. „Noch kennt sie jeder, die Flugkünstler, die das Ende des Winters verkünden. Jahrhundertelang gehörten sie ganz selbstverständlich in jedes Dorf, auf jeden Bauernhof und auch in jede Stadt“, erklärt Katrin Koch, Wildtierexpertin des Naturschutzbundes (Nabu) Berlin. „Doch sie sind zu Sorgenkindern des Naturschutzes geworden.“ So sei die Zahl der Mehlschwalben seit der ersten Zählung im Jahr 2005 um etwa die Hälfte zurückgegangen. Neben der Intensivierung der Landwirtschaft und der Modernisierung der Ställe sind die Vögel dadurch bedroht, dass Hausbesitzer aus Angst vor Verschmutzung die Schwalbennester zerstören.

Um den Schutz der Schwalben zu fördern, verleiht der NABU Auszeichnungen an Gebäudeeigentümer, die die Vögel willkommen heißen und an ihrem Haus dulden. Bei der Aktion „Schwalbenfreundliches Haus“ können sich die Vogelschützer um eine Plakette bewerben, die der Öffentlichkeit zeigen soll, wie wichtig der Schutz der Tiere ist.

Bauern und Naturschützer setzen sich gegen Bebauung der Elisabeth-Aue ein

Eine solche Plakette hängt auch an einer der großen Holztüren des Stadtguts Blankenfelde. Oskar Tschörner ist einer derjenigen, die das gemeinnützige Projekt vor zwölf Jahren aufgebaut haben. Nach mehr als zehn Jahren Leerstand sind damals in das denkmalgeschützte Areal Norden Berlins unter anderem generationsübergreifendes Wohnen, Handwerk und ein Museum eingezogen. Auf dem ehemaligen Rittergut leben neben bedrohten Arten wie Feldlerchen und Feldhasen auch rund 32 Schwalben. „Wenn sie hier eintreffen ist das für uns immer ein Zeichen, dass der Sommer kommt“, sagt der 75-Jährige.

Überhaupt seien die Schwalben ein guter Indikator für das Wetter. „Wenn sie tief fliegen weiß man, dass es bald regnen wird. Weil dann ihr Nahrungsangebot, die Insekten, sich weiter unten aufhalten“, sagt Tschörner.

Über die Schwalben hat er angefangen, sich näher mit dem Landschaftsraum zu beschäftigen. Denn er will den Tieren nicht nur Nistmöglichkeiten anbieten, sondern auch deren Lebensraum sichern.

Das ist einer der Gründe, warum er sich zusammen Bauern und Naturschützern gegen die Bebauung der Elisabeth-Aue einsetzt. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hatte im Herbst 2014 mit den Planungen begonnen, auf der etwa 70 Hektar großen Ackerfläche einen neuen Stadtteil mit 5000 Wohnungen zu errichten. Dieser Plan ist erst einmal vom Tisch, könnte aber ab der neuen Legislaturperiode 2021 wieder zur Verhandlung stehen.

„Erst kommen einzelne Männchen, dann der ganze Trupp“

Der Tierpark Neukölln in der Hasenheide ist selbst im Bezirk vielen unbekannt – doch die Schwalben haben sich dort seit Jahren eingerichtet. Für den gelernten Zootierpfleger André Finke ist es eine Art Privileg, dass sich die Vögel in der Gerätekammer, den Ställen und im Kaschmirziegenhaus niederlassen. „Du kannst so viel tun, wie du willst. Am Ende entscheiden die Vögel, wo sie leben wollen“, sagt er.

Jedes Jahr, meist Mitte April, kommen fünf bis sieben Paare. „Sie kommen kleckerweise, normalerweise kommen erst einzelne Männchen und dann der ganze Trupp“, sagt André Finke. Für die Vögel gebe es auf dem Areal gute Bedingungen: Einen Altbaubestand, wo viele Insekten leben, große Wiesen und den Rixdorfer Teich mit vielen Pflanzen, die das ganze Jahr über Blüten haben.

Am Teich können sie sich Wasser holen und auf dem Wirtschaftshof gebe es eine Stelle, wo der Beton aufgebrochen ist. Dort befeuchten die Tierpark-Mitarbeiter die Erde, damit sich die Schwalben dort ihr Nistmaterial holen können. Dazu nutzen sie auch Haare, Heu und Stroh, von denen es auf dem Hof reichlich gibt. Für Finke hängt alles zusammen: „Gibst du der Hummel oder der Honigbiene Nahrung, förderst du auch andere Arten, die die Schwalbe frisst“, sagt der Zootierpfleger.