Getrennt von den Eltern

Kampf um Opferrente: „Es geht um späte Genugtuung“

Liane Weinstein wuchs wegen der Mauer elf Jahre bei den Großeltern auf. Für eine Opferrente kämpft sie bis heute.

Am Tag des Mauerbaus war Liane Weinstein in Ost-Berlin. Die Eltern renovierten in West-Berlin ihre Wohnung

Am Tag des Mauerbaus war Liane Weinstein in Ost-Berlin. Die Eltern renovierten in West-Berlin ihre Wohnung

Foto: David Heerde

Berlin. Wer im Berliner Boden gräbt, muss sich auf was gefasst machen. Als die Berliner Wasserbetriebe voriges Jahr im Mauerpark an der Bernauer Straße einen Kanal verlegen wollten, stießen sie auf den Eingang eines längst vergessenen Fluchttunnels von West- nach Ost-Berlin. Und was da ans Licht kam, war nicht nur ein vergessener Tunnel, es war ein Berliner Schicksal. Denn mit dem freigelegten Eingang tauchte auch die Geschichte der Familie Weinstein wieder auf – die vom Tunnelbaby Liane: Das Mädchen musste die ersten elf Jahre seines Lebens getrennt von den Eltern aufwachsen, weil der Mauerbau die junge Familie jäh zerrissen hatte.

Eltern wollten die Tochter zurück

Die Eltern im Westen, ihr Kind bei Oma und Opa im Osten – dann über Nacht die Mauer. Ende, aus. Der Fluchttunnel von 1963 – oder wie es in den Stasi-Akten hieß, die „Tunnelprovokation“ – war der väterliche Versuch einer unorthodoxen Familienzusammenführung. Gerhard Weinstein wollte seine im Osten festgehaltene Tochter Liane zurück. Doch wenige Meter vor dem Ziel, einem Keller in der Eberswalder Straße, flog der Plan auf. Zwanzig Menschen wurden daraufhin in Ost-Berlin verhaftet, darunter Lianes Großeltern aus Prenzlauer Berg, bei denen sie damals lebte.

Liane kam erstmal ins DDR-Kinderheim. Erst 1972 wird Liane Weinstein zu ihrer Mutter nach West-Berlin ausreisen können. Die Ehe der Weinsteins war inzwischen geschieden, zu groß war die Belastung, das einzige Kind in Ost-Berlin zurückgelassen zu haben. Wie das genau kam? Ein unglücklicher Zufall: Am 13. August 1961 renovierte das junge Paar gerade seine neue Wohnung im Wedding, in die man bald einziehen wollte. Vater, Mutter, Kind. Ihre neugeborene Tochter Liane ließen sie am Vortag bei den Großeltern im Prenzlauer Berg, um freie Hand beim Renovieren zu haben. Da hat sie es doch besser, als zwischen Tapeten und Farbeimern zu liegen, dachten die Eltern.

Plötzlich war alles abgeriegelt

Am Nachmittag des 13. August wollte man die Tochter dann wieder abholen. Was sie nicht ahnten: Dieser Tag war der Geburtstag der Berliner Mauer. Am Nachmittag war alles abgeriegelt. Dann zwei Jahre später der gescheiterte Versuch, das Kind durch den Tunnel zu holen. Es wird elf Jahre dauern, bis Liane Weinstein wieder mit ihrer Mutter Angelika in West-Berlin leben kann. Erlebt man die beiden Frauen heute zusammen – Liane ist 57, ihre Mutter 76 Jahre alt – sagen beide, dass sie sich lieben. „Aber ich liebe sie nicht so wie eine Mutter“, ergänzt Liane dann hilflos. Den beiden fehlen entscheidende Jahre zusammen, die sind nicht ersetzbar. Man sieht den Frauen an, wie sehr sie das Schicksal überfordert hat. Zu viel Weltgeschichte für eine einfache Berliner Familie. Gibt es dafür eine Heilung? Vermutlich nicht. Aber womöglich eine Genugtuung, wenn der Staat das entstandene Unrecht endlich anerkennt.

Antrag auf Rehabilitierung wurde abgelehnt

Deshalb hat Liane Weinstein, die heute durch Heirat einen neuen Nachnamen trägt, versucht, beim Berliner Landgericht eine „strafrechtliche Rehabilitierung“ zu erwirken: Sie will als politisch Verfolgte anerkannt werden. Ist es doch Aufgabe der Rehabilitierungskammer im Landgericht, „DDR-Unrecht zu bereinigen“. Doch ihr Antrag wurde jetzt in einem Beschluss des Landgerichts als „unzulässig“ verworfen. Eine „Rehabilitierung wegen einer elfjährigen verhinderten Ausreise“ komme nicht in Betracht, argumentiert das Gericht. Denn das Kind Liane sei weder in eine Psychiatrie eingewiesen worden, noch habe es über einen längeren Zeitraum in einem Kinderheim leben müssen.

Dann ein „ergänzender Hinweis“ des Gerichts: Der „bloße Aufenthalt in der ehemaligen DDR“ sei „nicht rehabilitierungsfähig“. Natürlich nicht. Sonst könnten ja alle 16 Millionen Menschen klagen, die am Ende in der DDR lebten. Und doch liegt bei Liane Weinstein der Fall anders. Denn als Kind war sie ein Köder. Das belegen Stasi-Akten. Man muss perfide wie das MfS denken, um zu verstehen, was man in der Normannenstraße ausgeheckt hatte. Zielobjekt ist Gerhard Weinstein, Lianes Vater. Er wird in den Akten als „Einzelterrorist“ geführt, als Staatsverbrecher, der „Terroranschläge gegen die DDR“ organisiert, etwa die „Tunnelprovokation“ von 1963. Ihn gilt es laut MfS „in Hauptstadt der DDR zu locken und ihn dann festzunehmen“. Aber wie kriegt man das hin?

Der Köder musste noch größer werden

Die Tochter Liane allein scheint nicht zu reichen. Der Köder musste noch größer werden. „Wenn es uns durch inoffizielle Mittel gelingt, die Frau des Gerhard Weinsteins davon zu überzeugen, dass sie zu ihrem Kind zurückkehrt (…), sind die Möglichkeiten, den Weinstein in die Hauptstadt der DDR zu locken größer, als wenn nur sein Kind hier ist“, heißt es in einem MfS-Aktenvermerk vom Januar 1964. Längst ist ein IM, ein Spitzel mit dem Decknamen „Herbert Herbst“, auf Lianes Großeltern angesetzt.

Der Plan: Liane soll erst ihre Mutter Angelika nach Ost-Berlin locken. Und die beiden dann Vater Gerhard – damit die Stasi zuschlagen kann. Es ist eine staatliche Geiselnahme. Ein Kind wird als Faustpfand gehalten, elf Jahre lang seinen Eltern entzogen, in der Hoffnung, am Ende den großen Fang zu machen.

Schon wahr, natürlich wurde die kleine Liane selbst nicht politisch verfolgt. Aber sie musste unter der politischen Verfolgung ihrer Eltern leiden. Die Folgen merkt man ihr noch heute an. Das Gericht geht auf die Stasi-Dokumente, die ihm vorlagen, nicht weiter ein. Es tut die „Überwachungsmaßnahmen durch Organe der ehemaligen DDR“, denen Liane und ihre Großeltern ausgesetzt waren, in einem Nebensatz ab. Auch die zweimonatige Heimunterbringung Lianes 1963 – nachdem die Großeltern wegen versuchter Tunnelflucht anderthalb Jahre im Gefängnis verschwinden – bewertet das Gericht bloß als Fürsorge. Was sollte der Staat denn tun, das Kind hatte ja nun weder Eltern noch Großeltern? Dass Liane in diesen zwei Monaten abmagert, weil die Zweijährige kaum mehr isst, sehr krank wird und dann am Ende von ihrer Urgroßmutter mit viel Glück und Initiative aus dem Heim herausgeholt wird, davon steht im Beschluss kein Wort.

Liane hat Beschwerde gegen den Beschluss eingelegt

Es geht ihr nicht um das bisschen Geld, es geht um späte Genugtuung. Würde Liane Weinstein als Opfer politischer Verfolgung anerkannt, stünden ihr zwar 300 Euro Opferrente zu – aber erst, wenn sie Rentnerin wäre, vorher nicht. Doch das ist es nicht, wonach sie sich sehnt. Liane Weinstein möchte schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass ihr als Kind Unrecht widerfahren ist. Das würde die Wunde in ihrem Leben nicht ungeschehen machen, aber doch heilen. Deshalb hat Liane Weinstein gegen den Beschluss des Landgerichts Beschwerde eingelegt. Es ist noch nicht zu Ende.