Gesundheitsstandort

„Die Charité lebt zum Teil von ihrem guten Ruf“

Die Gesundheitswirtschaft ist eine Zukunftsbranche – mit 21.000 Unternehmen und 360.000 Beschäftigten. Was jetzt getan werden muss.

Stefan Oelrich (l.), Vorstandsmitglied der Bayer AG, und Peter Albiez, Vorsitzender der Geschäftsführung von Pfizer Deutschland, engagieren sich seit vielen Jahren für den Gesundheitsstandort Berlin. Und sie haben Spaß beim Fotoshooting bei der Berliner Morgenpost.

Stefan Oelrich (l.), Vorstandsmitglied der Bayer AG, und Peter Albiez, Vorsitzender der Geschäftsführung von Pfizer Deutschland, engagieren sich seit vielen Jahren für den Gesundheitsstandort Berlin. Und sie haben Spaß beim Fotoshooting bei der Berliner Morgenpost.

Foto: Reto Klar

Berlin. Es ist ein kleines Gipfeltreffen: Stefan Oelrich, Vorstands-Mitglied beim Pharmaunternehmen Bayer in Berlin, und Peter Albiez, Vorsitzender der Geschäftsführung des Pharmakonzerns Pfizer Deutschland, geben in der Redaktion der Berliner Morgenpost am Kurfürstendamm ein gemeinsames Interview. Weil Albiez jetzt Nachfolger von Oelrich als Sprecher des Clusters Gesundheit in Berlin ist, wo mit Vertretern aus Forschung, Krankenhäusern oder Krankenkassen seit Jahren an Zukunftsstrategien für den Gesundheitsstandort Berlin gearbeitet wird. Das gemeinsame Gespräch soll auch zeigen, dass es höchste Zeit wird, mehr für die Gesundheitswirtschaft in der Region Berlin und Brandenburg zu tun, mehr zu investieren und vor allem auch mehr Forschung zuzulassen.

In Berlin wird viel kritisiert – von der Mieten- bis zur Verkehrspolitik. Was funktioniert, ist die Wissenschafts- und die Gesundheitspolitik. Wie wichtig ist der Bereich Gesundheit für Berlin?

Stefan Oelrich: Der ganze Bereich Gesundheit ist der wichtigste ökonomische Faktor für Berlin – von der Krankenversorgung über die Wissenschaft bis zur industriellen Gesundheitswirtschaft. Es ist unbestritten, dass Berlin darüber hinaus ein herausragender Wissenschafts- und Forschungsstandort ist.

Peter Albiez: Überall in der Welt wird Gesundheit neu definiert – auch unter dem Eindruck der Digitalisierung. Wir haben in Berlin 21.000 Unternehmen der Gesundheitswirtschaft, 360.000 Beschäftigte in diesem Bereich, das gesamte Spektrum von Start-ups, kleinen und großen Unternehmen, Forschungsinstitutionen bis zum Universitätsklinikum Charité und zum Krankenhauskonzern Vivantes findet sich in Berlin. Das bietet ein Fundament für Innovation, Wertschöpfung und Wachstum in Berlin und Brandenburg.

Aus diesem Grund ist ja auch der Cluster Gesundheit gegründet worden. Funktioniert er?

Oelrich: Cluster funktionieren immer so gut, wie seine Akteure mitspielen. Das ist uns in den letzten Jahren sehr gut gelungen. Wir haben im Cluster übergreifende Themen aufgegriffen und nicht in den „Silos“ Versorgung, Forschung oder Industrie gearbeitet.

Sie haben das Cluster von 2015 bis heute geleitet. Was haben Sie in dieser Zeit für den Gesundheitsbereich erreicht?

Oelrich: Ich wollte zunächst einmal die unterschiedlichen Hauptakteure zusammenbringen. Wir haben ein Botschafter-Konzept entwickelt und Menschen, die sich so im Alltag nicht begegnen, sind an einem Tisch zusammengekommen. Das hat für viel Dynamik gesorgt. In dem Cluster waren beispielsweise Peter Albiez, aber auch die Leiter der Unfallklinik Marzahn, Vivantes, vom Hasso-Plattner-Institut oder der AOK Nordost dabei.

Ein Thema war in dieser Zeit immer das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG), wo es jede Menge Probleme gab, auch Unstimmigkeiten zwischen dem Bund und Berlin. Sind die Probleme beim BIG denn jetzt gelöst?

Oelrich: Das BIG war und ist ein großes Projekt. Ich bin als Aufsichtsratsmitglied besonders damit betraut. Mit dem BIG wollen wir in Deutschland besser werden. Ziel dieses Translationsinstituts ist es, die Grundlagenforschung in Anwendung zu überführen. Wir sind in Deutschland nämlich nach wie vor hervorragend in der Grundlagenforschung – zum Beispiel im Max-Delbrück-Zentrum oder am Max-Planck-Institut hier in Berlin –, aber wir tun uns schwer, diese dann auch in medizinische Produkte zu überführen. Unser Ziel muss es doch sein, die Wertschöpfung in Deutschland zu halten. Bislang ist es leider so, dass die Ergebnisse der Grundlagenforschung häufig in andere Länder abwandern, zum Beispiel nach Boston, wo derzeit der Hauptknotenpunkt für pharmazeutische Innovation ist. Wir sind jetzt mit dem BIG, das es erst seit vier Jahren gibt, auf einem Weg, aber wir brauchen ein bisschen Geduld.

Herr Albiez, Sie sind jetzt neuer Cluster-Sprecher. Was wollen Sie in Berlin erreichen?

Albiez: Die breite Repräsentanz von willensstarken und wirksamen Akteuren, die in der Region gut vernetzt sind, ist eine gute Voraussetzung für das Cluster. Wir müssen unsere Kräfte aber noch stärker bündeln. Ich sehe drei Schwerpunkte. Wir müssen gemeinsam die hochwertige medizinische Versorgung zukunftssicher gestalten und Berlin und Brandenburg zu einer Modellregion bei der Patientenversorgung entwickeln. Der zweite Schwerpunkt ist die Spitzenforschung, bei der wir den Weg von Innovation zur Wertschöpfung weiter ausbauen müssen. Und drittens müssen wir das Vertrauen der Menschen in die Gesundheitswirtschaft stärken. Denn das gehört zur Gesundheit auch dazu: Mit der Gesundheitswirtschaft generieren wir Wohlstand für die Region, für die Menschen.

Was funktioniert denn noch nicht? Mit Vivantes und Charité sind doch Versorgung und Forschung in Berlin schon sehr gut aufgestellt.

Albiez: Wir kommen von einer sehr guten Basis, das ist richtig. Die Frage ist jedoch, wie nutzen wir die neuen Trends richtig. Die Vernetzung von Versorgung und Forschung in der Region muss noch besser werden. Es dauert leider immer noch Jahre, bis medizinische Produkte und Verfahren für die breite Bevölkerung zur Anwendung kommen. Dabei ist das für Berlin eine große Chance: Hier liegen die Dinge nahe beieinander, hier kann alles schnell gehen. Wir haben auch noch viel zu wenig Ausgründungen. Mein Ziel ist es, Berlin zu einem Life-Science-Center auszubauen.

Behindert die Politik, also der Berliner Senat, die Entwicklung?

Albiez: Wir sind alle gefordert, nicht nur die Politik, aber auch die Politik. Wir brauchen gute Rahmenbedingungen für die Wissenschaftler und die Unternehmen, beispielsweise mehr Risiko-Kapital für junge Start-ups.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat die sogenannte Lauterbach-Kommission eingerichtet, die nun zu dem Ergebnis kam, dass das Universitätsklinikum Charité und der Krankenhauskonzern Vivantes unter einem Dach zusammengeschlossen werden sollen, dass Versorgung und Spitzenforschung in Berlin besser verzahnt werden sollen. Das gefällt Ihnen dann sicherlich?

Oelrich: Ich war ja Mitglied der Kommission. Meiner Meinung nach sind die Resultate der Kommission richtig und wichtig. Es stimmt, dass wir in Berlin eine gute Versorgungslage haben – wir sind mit Vivantes in allen Bezirken vertreten, das Universitätsklinikum Charité hat allein drei Standorte in der Stadt. Aber die Charité lebt bei der Spitzenforschung zum Teil von ihrem guten Ruf, nicht von ihren Inhalten. Wir haben an der Charité einen enormen Investitionsstau, ein großer Teil der medizinischen Geräte ist schon abgeschrieben, neue Geräte hätten schon vor Jahren angeschafft werden müssen. Das hat auch Gründe: Die Charité hatte vom Berliner Senat den Auftrag, schwarze Zahlen zu schreiben. Das hat der Charité-Vorstand Karl-Max Einhäupl in den vergangenen Jahren hervorragend gemacht, aber wir sehen heute, dass dies auch zu Lasten der Investitionen ging und die Charité mehr Breitenmedizin gemacht hat, um sich zu finanzieren. Wir müssen deshalb in Zukunft redundante Bereiche bei der Gesundheitsversorgung auflösen und Spitzenmedizin an der Charité wieder stärker fördern. Mehr Investitionen sind auch die Voraussetzung, um neue Talente nach Berlin holen zu können. Der Senat hat uns klar signalisiert, dass er hier auch finanzielle Unterstützung leisten will. Wir wollen uns auch in 50 Jahren noch über einen guten Ruf der Charité freuen.

Haben wir in Berlin zu viele Krankenhäuser?

Oelrich: Nein. Berlin wächst jedes Jahr um rund 40.000 Menschen. Wir müssen uns anders als andere Bundesländer nicht mit der Frage beschäftigen, wie wir die Betten in den Krankenhäusern besser auslasten können. Ähnliches gilt für die Fachkräfte: Auch hier hat die Lauterbach-Kommission festgestellt, dass es leichter ist, Pflegekräfte und Ärzte nach Berlin zu holen, weil die Stadt so attraktiv ist.

Aber Defizite gibt es schon?

Oelrich: Wir wollen die Defizite auch nicht schönreden. Wir sind stark im Max-Delbrück-Centrum, wo molekulare Forschung stattfindet. In der klinischen Forschung sind wir nicht Weltklasse. Berlin braucht deshalb neue Spitzenkräfte, die auch gerne nach Berlin kommen, wenn die Charité richtig ausgestattet ist. Und Berlin braucht auch den Mut, neue Medizin-Technologien einzusetzen. Und wir benötigen jetzt schnellstmöglich den von der Landesregierung avisierten „Pharma-Dialog“ in Berlin. Ich nenne einmal stellvertretend den Bereich der Gentechnologie, Stammzellen-Therapie, Gen-Editing. Wenn wir nicht den Anschluss verlieren wollen, müssen wir dies auch in Berlin ermöglichen. Wenn nicht, wandert diese Forschung ins Ausland ab. Wir sehen das ja schon bei der Antikörper-Forschung. Hier spielen wir in Deutschland keine Rolle mehr, die Forschung findet in den Vereinigen Staaten statt.

Wie wollen Sie das denn bei dem rot-rot-grünen Senat durchsetzen?

Oelrich: Ich bin in meinen persönlichen Gesprächen mit Senatsmitgliedern auf viel Verständnis gestoßen. Ich bin überzeugt: Berlin muss sich dieser Frage, der Gentechnologie, stellen. Sie ist essenziell für die Zukunft des Forschungsstandorts Berlin.

Die Digitalisierung spielt auch in der Medizin eine wichtige Rolle. Geschieht hier in Berlin genug?

Albiez: In Berlin und Brandenburg passiert beim Thema Digitalisierung sehr viel. Und in allen medizinischen Bereichen ist sie ein Thema. Es geht um mehr Informationen für Patienten, bessere und schnellere Diagnosen, neue Erkenntnisse aus Big Data, Telemedizin, künstliche Intelligenz, die hilft, die richtige Therapie für die Patienten zu finden. Ich wünsche mir, dass wir in Berlin einen „Digital Campus“ gründen, wo wir die Akteure der Stadt zusammenführen und an den großen Fragen arbeiten. Ohne Digitalisierung ist die Zukunft der Medizin nicht mehr denkbar. Sie ist aber kein Selbstzweck, sondern muss dem Menschen dienen.

Sie haben bei Pfizer den „Berlin Health Care Hub“ gegründet, um diese Themen voranzutreiben.

Albiez: Das ist inzwischen fünf Jahre her. Es war und ist unser Experimentierraum, denn wir wollten von den Start-ups lernen. Daraus hat sich eine quirlige Zusammenarbeit mit Entrepreneurs entwickelt. Bei Pfizer waren wir in Deutschland Vorreiter für solche Hubs, die dann auch bei Pfizer in Stockholm, Tel Aviv, London und so weiter entstanden sind. Eine schöne Geschichte .

Vor elf Jahren ist das Unternehmen Pfizer von Karlsruhe nach Berlin gekommen, zur Deutschlandzentrale zählen rund 1300 Mitarbeiter, rund 650 von ihnen arbeiten am Potsdamer Platz. Haben Sie den Umzug bereut?

Albiez: Persönlich und als Vorsitzender von Pfizer bin ich überzeugt, dass wir keine bessere Entscheidung treffen hätten können. Die Konzentration auf Medizin und Gesundheitswirtschaft in Berlin war schon damals sichtbar. Was wir noch nicht gesehen hatten, war die Dynamik, die die Start-ups und Neugründungen in Berlin erzeugen würden. Das ist eine enorme Bereicherung. Berlin ist international attraktiv, das zieht auch Talente an. Der Umzug war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten.

Ein Wort noch zum Pharmakonzern Bayer. Bayer ist nicht erst seit elf Jahren hier, sondern ein Traditionsunternehmen in Berlin. Sie sind seit vergangenen November Mitglied im Vorstand der Bayer AG und Leiter der Division Pharmaceuticals mit Sitz hier in Berlin. Nun will Bayer massiv Stellen abbauen, weltweit rund 12.000, in Berlin arbeiten rund 5200. Was kommt auf die Berliner Mitarbeiter zu?

Oelrich: Wir sind seit über 100 Jahren verwurzelt in Berlin. Berlin ist aber noch mehr als eine Wurzel, sondern auch unser Headquarter für unser pharmazeutisches Geschäft. Wir holen Leute aus aller Herren Länder nach Berlin, das wird auch so bleiben. Bayer hat einen Stellenabbau weltweit angekündigt, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein, konkrete Zahlen für Berlin kann ich noch nicht nennen. Das aber kann ich sagen: Berlin ist und bleibt Sitz für die weltweite Leitung unserer Pharma-Division, daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Die Manager

Stefan Oelrich: Der 50-Jährige ist seit dem 1. November 2018 Mitglied des Vorstands der Bayer AG und Leiter der Division Pharmaceuticals mit Sitz in Berlin. Nach Abitur und Ausbildung arbeitete er rund 20 Jahre im Gesundheitsgeschäft von Bayer – unter anderem in Lateinamerika, Europa und den USA. Von 2003 bis 2005 war er beispielsweise als Vice President Marketing Pharma in den USA tätig. 2011 wechselte Oelrich zu Sanofi, unter anderem war er als Geschäftsführer für Deutschland, die Schweiz und Österreich tätig. Ende 2018 kehrte er dann zum Bayer-Konzern zurück.

Peter Albiez: Der 53-Jährige startete seine Karriere beim Pharmakonzern Pfizer 1996 als Pharmaberater. Nach Führungspositionen im Vertrieb und Marketing übernahm er im Jahr 2006 die Leitung der Vertriebsorganisation. Drei Jahre später wurde er zum Geschäftsführer und Leiter der Geschäftseinheit Primary Care ernannt. Im Jahr 2008 verlegte Pfizer seinen Hauptsitz von Karlsruhe nach Berlin. Im März 2015 übernahm Albiez den Vorsitz der Geschäftsführung von Pfizer Deutschland. Zudem leitet er seit August 2016 die Geschäftseinheit Internal Medicine in Deutschland.