Bildungsstand

Wie man Risikoschülern wirklich helfen kann

Bildungssenatorin Sandra Scheeres und ihr Amtskollege aus Hamburg, Ties Rabe, diskutieren gemeinsam

Archivbild.

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Foto: Sebastian Kahnert / ZB

Wenn der Bildungsstand der deutschen Schüler geprüft wird – ob mit dem Pisa-Test oder Vera, sind die Stadtstaaten immer Schlusslicht. Spätestens dann zeigt sich: Zu viele Schüler hier können schlecht lesen, schreiben, rechnen. Es sind Risikoschüler. Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern, die oft in einer Gegend, einem Kiez zusammenleben, die dann gemeinsam eine Schule besuchen. Im schlechtesten Fall schaffen dann bis zu 30 Prozent der dortigen Zehntklässler keinen Schulabschluss. Eine unfassbare Zahl. Aber was tun? Wie kann man diesen Schülern wirklich helfen, gut durch die Schulzeit zu kommen?

Ein Werkstattgespräch „Stärkung von Schulen in herausfordernden sozialen Lagen“ sollte nun weiterhelfen, um Lösungen zu finden. Eine Art Brainstorming für die Kulturministerkonferenz, die KMK. Denn bis 2021 soll eine Bund-Länder-Initiative für Schulen aufgelegt werden, bei denen sich die Probleme häufen: schlechte Noten, Schulabbrecher, Schulschwänzer, Gewalt, Hoffnungslosigkeit. Brennpunktschulen.

Die Frage aus Hamburg lautet: Was funktioniert?

Eingeladen zur Veranstaltung haben in diesem Falle zwei Stadtstaaten: Berlin und Hamburg. Und so kommt es, dass an diesem Mittwochmittag Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) neben ihrem Amtskollegen aus Hamburg, Bildungssenator Ties Rabe (SPD), sitzt und man gemeinsam nach Lösungswegen sucht. Zwei Mal sozialdemokratische Politiker, zwei Mal das gleiche Ziel. Und doch ist ein großer Unterschied spürbar.

„What works?“, was funktioniert. So lautet die Grundfrage des Hamburger Senators. Es ist etwas zutiefst pragmatisches in seinem Angang. Ein Viertel Risikoschüler hat er in seiner Stadt. Das läge auch daran, dass die sozialen Unterschiede so groß sein. Allein wenn man sich anschaue, wie hoch das durchschnittliche Jahreseinkommen an der Hamburger Elbchaussee sei, werde einem klar, wie groß die Spanne ist. Von 21.000 Euro am einen Ende, bis 172.00 Euro am anderen Ende. Eine Straße, eine Stadt, aber ganz verschiedene Realitäten.

Risikoschüler und Migrationshintergrund nicht automatisch verknüpfen

Rabe warnt davor, Risikoschüler und Migrationshintergrund automatisch zu verknüpfen. Entscheidend sei viel mehr die Bildungsnähe des Elternhauses. Bekommen die Schüler von Zuhause zu wenig Unterstützung, müssten die Schulen einspringen – beispielsweise mit Sprachförderung. Doch er fordert, neue Konzepte bald auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Denn nicht jede Veränderung sei immer gut. „Es können sich auch Kollegien mit großer Begeisterung auf einen Weg machen, der dann in die Irre führt“, sagt er. Was funktioniert? Die Kernfrage.

Dagegen ist die Grundfrage der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres allgemeiner: Was können wir tun? Die Lage ist schwierig, jedes dritte Kind in dieser Stadt wächst in Armut auf. Die Zahl der bildungsfernen Elternhäuser sei groß. Deshalb habe man eine Menge auf den Weg gebracht: das Bonusprogramm für Brennpunktschulen, multiprofessionelle Teams an Schulen, üppige Stundentafeln. Viel Aktionismus. Doch die Erfolge lassen weiterhin auf sich warten, auch wenn die Stimmung an Problemschulen häufig besser geworden sei. Die Schulleistungen allerdings nicht.

Inzwischen ist man auch Berlin nachdenklicher geworden. Man setze jetzt auf Zielvereinbarungen mit den einzelnen Schulen, sagt Scheeres. Spätestens dann, wenn sich nichts verbessert, wird man endlich die Frage stellen: Was funktioniert wirklich? Und was ist womöglich ein versponnener Schultraum, von dem man sich verabschieden muss.