Stasi-Unterlagenbehörde

Die Arbeit mit den Stasi-Akten macht die Beschäftigten krank

Mitarbeiter fehlen durchschnittlich 30 Tage im Jahr. In keiner anderen Bundesbehörde fallen Mitarbeiter so lange aus.

Eine Archivarin geht durch das Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR (BStU).

Eine Archivarin geht durch das Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR (BStU).

Foto: Rainer Jensen / dpa

Berlin. Der Umgang mit den Unterlagen der DDR-Staatssicherheit macht krank. Nicht nur, dass viele Opfer der Bespitzelungen noch Jahre später unter den Folgen von Überwachung, Haft und Druck leiden. Auch die Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde fallen deutlich öfter aus als Kollegen in anderen Dienststellen.

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen hat unter allen Bundesbehörden mit den höchsten Krankenstand. 2015 und 2016 lagen die Stasi-Archivare ganz vorne, 2017 wurden sie knapp vom Bundesamt für offene Vermögensfragen überholt.

Knapp 30 Tage pro Jahr fällt jeder Mitarbeiter des Bundesbeauftragten Roland Jahn im Durchschnitt aus. Das hat das Bundesinnenministerium jetzt dem FDP-Bundestagsabgeordneten Otto Fricke auf eine Anfrage hin mitgeteilt. Zur Einordnung: Im Durchschnitt fehlt jeder Arbeitnehmer in Berlin pro Jahr etwa 18 Tage, in der Privatwirtschaft sind es noch deutlich weniger.

Berliner Staatsdiener fehlten 37 Tage im Jahr 2017

Verglichen mit dem Berliner Landesdienst insgesamt wäre eine Ausfall-Häufigkeit wie in der Stasi-Unterlagenbehörde nicht besonders hoch. 2017 fehlten Berliner Staatsdiener laut Senatsfinanzverwaltung 37 Tage. Der Durchschnitt wird in die Höhe getrieben durch besonders stark belastete und zahlenmäßig große Berufsgruppen wie Lehrer, Polizisten und Feuerwehrleute. Bei Polizei und Feuerwehr liegt die Zahl der durchschnittlichen Fehltage bei über 40. Zudem gilt die Berliner Landesverwaltung nach jahrelangem Einstellungsstopp als überaltert. Und mit dem Alter werden die Mitarbeiter zwar nicht öfter krank, aber sie kommen weniger schnell wieder auf die Beine als Jüngere.

So ist unter den Bundesbehörden die Stasi-Unterlagenbehörde das Sorgenkind. Es gibt Behörden wie etwa die Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich, wo jeder Mitarbeiter 2017 nicht einmal zwei Tage fehlte. In der Stasi-Unterlagenbehörde fallen die Leute 15 Mal häufiger aus. Dabei sind die Beschäftigten nicht den Gefahren des Polizei- oder Feuerwehrdienstes oder den von Kindern in die Klassenzimmer eingeschleppten Viren ausgesetzt. Auffällig ist vor allem, dass auch die jüngeren Mitarbeiter vergleichsweise oft krank werden. Nach der Statistik des Bundesinnenministers fehlen etwa die 30 bis 34 Jahre alten Mitarbeiter 22 Tage im Jahr, deutlich mehr als in anderen Ämtern. Roland Jahns Kollegen sind im Durchschnitt fast 50 Jahre alt.

Ursache könnte Betriebsklima sein

Deshalb ist man in der Behördenzentrale am Alexanderplatz auch einigermaßen ratlos. „Wir suchen nach Antworten“, sagte Sprecherin Dagmar Hovestädt: „Für uns ist das ein objektives Problem.“ Die Behörde beschäftigt in der Zentrale in Mitte 25 Mitarbeiter, 320 arbeiten im Archiv in der früheren Stasi-Zentrale in Lichtenberg. Die übrigen der insgesamt 1430 Beschäftigten sind in den Außenstellen der Behörde in den östlichen Bundesländern tätig.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Fricke hat eine Vermutung, woran die vielen Ausfälle liegen könnten: „Dauerhaft hohe Krankenstände und lange Krankenzeiten haben fast immer mit dem Betriebsklima zu tun. Stimmung und Motivation in der eigenen Belegschaft hoch zu halten, ist eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Führungsaufgabe“, sagte Fricke. Behördenchef Jahn und seine Führungskräfte sind dabei, umzusteuern. Das sagte seine Sprecherin, das bestätigen auch Mitarbeiter, die die Morgenpost vertraulich zum Thema befragte. Schon lange gebe es in der Höhe verstellbare Tische, um Rückenleiden vorzubeugen. Gesundheitsbeauftragte kümmern sich um den Zustand der Kollegen, Yoga- und Gymnastikkurse würden angeboten, es gebe anonyme Interviews mit Mitarbeitern über ihre Situation und das, was sie stört.

Arbeit mit den Stasi-Akten ist psychisch belastend

Aber die Arbeit sei oft auch psychisch belastend, sagte ein Mitarbeiter. Es gehe an die Nieren, die Stasi-Berichte zu lesen und dann Passagen aus Datenschutzgründen zu schwärzen. Zudem sei es oft monoton und anstrengend, Akten aus den Regalen zu heben und sie zu scannen oder stundenlang Karteikarten zu sichten. Aber auch der jahrelange Personalabbau zehre an der Substanz, weil oft Stellen schneller wegfielen als die Aufgaben. Zudem sorge ein hoher Krankenstand für zusätzlichen Druck auf die gesunden, weil Anfragen oft schnell bearbeitet werden müssten.