Hannover Messe

Berliner Pioniergeist auf der Hannover Messe

Mehr als 25 Unternehmen aus Berlin zeigen auf der weltgrößten Industrieschau neue Ideen. Darunter die Start-ups Inuru und Citkar.

Das Lastenfahrrad Loadster der Citkar GmbH wird in Berlin ab Mai in Serie gefertigt.

Das Lastenfahrrad Loadster der Citkar GmbH wird in Berlin ab Mai in Serie gefertigt.

Foto: Citkar GmbH

Berlin. Das Berliner Start-up Inuru bringt Produkte in Supermarktregalen zum Leuchten: Bereits vor zwei Jahren hatte die junge Firma gemeinsam mit dem süddeutschen Verpackungsspezialisten Karl Knauer KG ein Flaschenetikett mit leuchtendem Schriftzug für einen großen Getränkehersteller entwickelt. „Wir haben signifikante Verkaufssteigerungen nachweisen können, wenn die Produkte im Regal blinken“, sagt Inuru-Mitgründer Marcin Ratajczak im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Doch nicht nur für den Brause-Konzern war die Zusammenarbeit mit dem Start-up ein Erfolg. Für Inuru und seine Partner gab es den Deutschen Verpackungspreis in der Kategorie „Neues Material“.

„Smart, zukunftsorientiert, digital inspiriert“

Den Grundstein für den bisherigen Erfolg hat die junge Firma selbst gelegt. Inuru ist es gewissermaßen gelungen, Licht zu drucken. Möglich machen das flexible organische Leuchtdioden, sogenannte OLEDs. Marcin Ratajczak und Patrick Barkowski sind die Köpfe hinter der Innovation aus Berlin, haben 2016 Inuru gegründet. Die Technologie basiert auf selbst entwickelten Tinten und Materialien. Neben Flaschenetiketten gibt es auch schon Werbebroschüren und Notizbücher, die dank der Inuru-Idee leuchten.

Das Berliner Start-up ist eines von mehr als 25 Unternehmen aus der deutschen Hauptstadt, die ab dem heutigen Montag auf der weltgrößten Industrieschau Hannover Messe dabei sind. Bei der Leistungsschau werden noch bis zum 5. April rund 6500 Aussteller aus 75 Ländern erwartet. Zu den Schwerpunkten zählen nach Veranstalterangaben Künstliche Intelligenz sowie der Mobilfunkstandard 5G, der etwa fürs autonome Fahren oder die Zusammenarbeit von Robotern als Voraussetzung gilt. Partnerland ist in diesem Jahr Schweden.

Der Berlin-Beitrag in Halle 6, Stand E39 wird vor allem von jungen Firmen dominiert. „Berlin ist die Hauptstadt der guten Ideen: smart, zukunftsorientiert und digital inspiriert. Die Berliner Industrie arbeitet schon heute an den Fragen von morgen. Und diese Antworten sind digital ebenso wie die Berliner Industrie selbst“, erklärt der Chef der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner, Stefan Franzke.

Inuru-Chef Marcin Ratajczak will die Tage auf der Industrie-Messe vor allem dazu nutzen, neue Kunden zu gewinnen. „Wir möchten zeigen, dass es für unsere Technik noch weitere Einsatzmöglichkeiten gibt“, sagt Ratajczak. Er hofft, dass die druckbaren Leuchtdioden aus Berlin künftig möglicherweise auch von der Automobilindustrie eingesetzt werden. Wenn in ein paar Jahren selbstfahrende Autos auf den Straßen unterwegs sind, werde der Innenraum der Fahrzeuge immer wichtiger, sagt der Inuru-Gründer. Möglicherweise spielt dann bei der Beleuchtung auch das Berliner Start-up eine Rolle. Marcin Ratajczak sieht die Inuru-Technologie derzeit allerdings nur als Zwischenschritt an. Spätestens in ein paar Jahren geht er davon aus, sogar Displays drucken zu können.

Wie sehr ein Besuch auf der Hannover Messe den jungen Berliner Industrieunternehmen helfen kann, zeigt das Beispiel Citkar. Das Start-up stellt auf der Leistungsschau sein neues Elektro-Lastenfahrrad, genannt Loadster, aus.

Lastenrad-Serienproduktion ab Mai in Neukölln

Im vergangenen Jahr wurde die Neuentwicklung mehreren Praxis-Tests unterzogen. Auch der Online-Modehändler Zalando lieferte mit dem E-Bike in Berlin Bestellungen aus. Citkar hatte bei der letzten Hannover Messe eine entscheidende Bekanntschaft gemacht. „Wir haben dort einen unserer Motoren-Hersteller kennengelernt“, sagt der Marketing-Chef des Start-ups, Sven Kindervater. Seitdem liefert die Technik das koreanische Unternehmen Mando, das unter anderem auch für die amerikanischen E-Auto-Marke Tesla Komponenten produziert.

Mit dem neuen Antriebsmodul hat das Berliner Jung-Unternehmen große Pläne: Bereits im Mai soll in Neukölln die Serienproduktion des weltweit ersten überdachten E-Bikes mit einer 670 Liter fassenden Transportbox starten. Zunächst peilt die Firma eine jährliche Fertigung von 1000 Fahrrädern an. In Neukölln baut das Unternehmen derzeit gemeinsam mit dem Sozial-Unternehmen VfJ Werkstätten für Menschen mit Beeinträchtigungen die Produktion auf. Gemeinsam schauen sich die Partner aber auch nach einem neuen Standort für eine dann voll digitalisierte Fertigung um – ein Novum für die Stadt. Die Einsatzbereiche des elektrisch betriebenen Gefährts (Listenpreis ab 5989 Euro) sind vielseitig. Als Kunden kommen sowohl Liefer- und Paketdienste als auch andere mobile Dienstleistungen, wie etwa Krankenpflege infrage. Das Akku-Paket ist austauschbar. Mit einer Ladung sind laut Herstellerangaben aber ohnehin bis zu 200 Kilometer Reichweite möglich.

Für Berlin sind junge Industrie-Firmen wie Citkar und Inuru eine Chance. Nach der Wende ist die Zahl der Arbeitsplätze in dem Segment drastisch gesunken. Derzeit sind noch gut 100.000 Menschen bei industriellen Unternehmen in der Stadt tätig. Berlin könnte aber aufholen, hatte erst im vergangenen Jahr eine Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung bescheinigt: Wegen der Digitalisierung werde für Firmen die Nähe zu Forschungseinrichtungen und Kunden immer wichtiger.

Forscher Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erklärte etwa: „Wenn wir aber mit digitaler Technik in der Lage sind, Kleinserien zu produzieren, dann wird es zu einem Wettbewerbsvorteil, nah am Kunden zu sein.“ Besonders Städte wie Berlin seien deshalb für neue Industrieunternehmen attraktiv.