Straßenverkehr

Berlin hat zu wenig Fahrlehrer - das hat Folgen

Die Zahl der Führerschein-Anwärter steigt schneller als die der Fahrlehrer. Fahrschüler müssen mehr Zeit bis zur Prüfung einplanen.

Die Zahl der Führerschein-Anwärter in Berlin wächst. Die Fahrschulen kommen an ihre Grenzen.

Die Zahl der Führerschein-Anwärter in Berlin wächst. Die Fahrschulen kommen an ihre Grenzen.

Foto: Winfried Rothermel / picture alliance / Winfried Rothermel

In Berlin fehlen Fahrlehrer. Die Zahl der Führerschein-Anwärter ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, die Zahl der Fahrlehrer hingegen ist gesunken. Die Folge: „Die Fahrschulen sind an der Grenze ihrer Kapazität“, sagt der Vorsitzende des Berliner Fahrlehrerverbands, Peter Glowalla.

Der Trend geht weiter nach oben

Nach Angaben Glowallas ist die Zahl der Anträge für eine Ersterteilung des Führerscheins Klasse B seit 2007 um knapp 30 Prozent gestiegen. Er beruft sich dabei auf Zahlen des Landesamts für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (Labo). Danach lagen dem Labo im Jahr 2007 33.977 Anträge vor, zehn Jahre später waren es 43.966 Anträge. Zahlen für 2018 habe er noch nicht erhalten, der Trend gehe aber auch hier nach oben. Die Zahl der Anträge auf Ersterteilung ist aussagekräftiger als die Zahl der tatsächlich abgelegten Fahrprüfungen, in der auch Wiederholungsprüfungen enthalten sind.

„Uns fehlt Nachwuchs“

Die Zahl der „aktiven Fahrlehrer“ ist laut Glowalla im selben Zeitraum von 1067 auf 965 zurückgegangen. „Uns fehlt Nachwuchs“, sagt Berlins oberster Fahrlehrer. Es gebe zu wenig junge Fahrlehrer, deshalb würden Kollegen, die eigentlich schon im Rentenalter seien, oft als Aushilfsfahrlehrer eingesetzt. Junge Leute ließen sich vielleicht von Kosten und Dauer der Ausbildung abschrecken, vermutet er. Bis man als Fahrlehrer tatsächlich Geld verdient, müssen erst einmal mehrere tausend Euro für eine einjährige Ausbildung bezahlt werden, die sich mit allen Prüfungen über zwei Jahre hinziehen kann. „Da entscheiden sich dann doch viele für ein Studium, in der Hoffnung, danach mehr zu verdienen“, so Glowalla.

Fortbildungen binden viele Kräfte

Hinzu komme, dass viele Fahrlehrer für die gesetzlich festgelegten Fortbildungen für Berufskraftfahrer gebraucht würden. „Die gehen dann dem normalen Segment der Fahrschulen verloren“, sagt Glowalla, selbst langjähriger Chef einer Fahrschule in Neukölln. „Die reine Führerscheinausbildung kriegen die Unternehmen noch hin, aber mit der Kombination aus Führerscheinausbildung und Fortbildung wird es eng – so viele Fahrlehrer haben wir in Berlin derzeit einfach nicht.“ Dass es in Berlin jährlich mehr Anwärter auf einen Führerschein gibt, liegt nahe: Schließlich wächst die Stadt. Hinter dem Zuwachs stehen aber nicht unbedingt nur junge Fahrschüler, die zum 18. Geburtstag den Führerschein in der Hand halten wollen. „Das ist in den Städten anders als auf dem Land, wo die Jugendlichen so früh wie möglich den Führerschein machen wollen“, sagt Glowalla.

Führerscheinprüfung für Nicht-EU-Bürger

Nach seinen Angaben melden sich in den Berliner Fahrschulen immer mehr Anwärter aus Nicht-EU-Ländern, sogenannte „Umschreiber“. Wer aus einem Nicht-EU-Land nach Berlin ziehe, darf hier erst einmal sechs Monate mit seinem bisherigen Führerschein unterwegs sein. Danach aber müssen die meisten von ihnen – Ausnahmen gelten beispielsweise für Schweizer oder Kanadier – den Führerschein umschreiben lassen und dafür erst einmal die theoretische und praktische Fahrprüfung bestehen. Diese Anwärter seien zwar nicht verpflichtet, vor den Prüfungen Unterricht zu nehmen – aber in der Praxis bräuchten viele von ihnen dann doch erst einmal mehrere Fahrstunden, bevor sie die Fahrschule „guten Gewissens zur Prüfung anmelden kann“, so Glowalla.

Langfristige Planung nötig

Weil die Fahrschulen in Berlin so gut ausgelastet sind, müssten Fahrschüler und -lehrer den Unterricht langfristig planen, rät Glowalla. Um regelmäßig fahren zu können, müssten die Termine rechtzeitig ausgemacht werden: „Von einer Woche zur nächsten klappt es dann nicht mehr unbedingt.“ Er empfiehlt, zwei Doppelstunden pro Woche einzuplanen, „dann sind die Fehler der vorherigen Stunde noch im Kopf, aber schon verarbeitet. Das ist wichtig, um sie beim nächsten Mal nicht zu wiederholen.“

Kaum Platz im Terminplan

Allerdings sei die Terminvereinbarung mit den Fahrschülern in den vergangenen Jahren auch nicht leichter geworden, sagt Glowalla, seit 1976 Vorsitzender des Fahrlehrerverbands. „Die jungen Fahrschüler gehen zur Schule, machen Sport oder spielen ein Instrument, die Fahrstunden müssen dann irgendwie auch noch in den Terminplan passen.“ Dennoch sei bei dieser Gruppe die Erfolgsquote am höchsten, weil in der Regel die Eltern den Führerschein finanzierten – im Durchschnitt 1700 bis 2000 Euro. Wer erst später den Führerschein mache, gehe oft weniger zielstrebig an die Ausbildung, hat Glowalla beobachtet: „Da werden auch mal zwei. drei Monate Pause eingelegt, weil das Geld fehlt oder weil die Fahrschüler für längere Zeit auf Reisen gehen.“

Früher dauerte der Führerschein sechs Wochen

Die Dauer von der Anmeldung bis zur Fahrprüfung hat sich auch ohne solche Pausen in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verlänger: Eltern, deren Kinder sich jetzt in einer Fahrschule anmeldeten, hätten vor dreißig Jahren noch nach sechs bis zwölf Wochen den Führerschein in der Hand gehabt, sagt Glowalla, „heute sind es eher sechs Monate“.

Und die Planung muss noch früher beginnen: Ein halbes Jahr vor dem zulässigen Mindestalter könne der Antrag bei jedem Bürgeramt in Berlin und auch bei einigen Fahrschulen direkt gestellt werden – sowohl für das begleitete Fahren mit 17 als auch für den Führerschein ab 18 Jahren. Weil es mehrere Wochen dauere, bis der Antrag bei der Fahrerlaubnisbehörde bearbeitet sei, raten die Fahrschulen, sich so früh wie möglich anzumelden. Erst wenn der bearbeitete und vom Labo genehmigte Antrag vorliegt, können die Prüfungen auch tatsächlich abgelegt werden.