Ausstellung

Das sind die geheimen Orte der Stasi in West-Berlin

Eine multimediale Ausstellung in Hohenschönhausen bringt Besucher auf die Spuren des Geheimdienstes.

Im Büro für Besuchs- und Reiseangelegenheiten am Waterloo-Ufer konnten  West-Berliner einen Tagesbesuch, in Ost-Berlin oder in der DDR beantragen. Neben Angestellten des West-Berliner Senatsarbeiten auch getarnte Mitarbeiter der Staatssicherheit in den Räumen.

Im Büro für Besuchs- und Reiseangelegenheiten am Waterloo-Ufer konnten West-Berliner einen Tagesbesuch, in Ost-Berlin oder in der DDR beantragen. Neben Angestellten des West-Berliner Senatsarbeiten auch getarnte Mitarbeiter der Staatssicherheit in den Räumen.

Foto: Sergej Glanze

Berlin. In den Schließfächern im Bahnhof Zoo deponierte die Staatssicherheit Propagandamaterial und Briefe für ihre Kontaktleute in West-Berlin. Nahe dem Flughafen Tempelhof betrieb der DDR-Geheimdienst das Hotel Luftbrücke, das bekannt für seine Gastfreundlichkeit war.

Touristen und Stasi-Mitarbeiter im Hotel

Neben Touristen und Dienstreisenden stiegen dort auch inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit aus Westdeutschland ab. Mitarbeiter des Ministeriums waren in den fünf Büros für Besuchs- und Reiseangelegenheiten tätig, wo West-Berliner einen Tagesbesuch im Ostteil der Stadt oder in der DDR beantragen konnten. Über ganz Berlin hatte die Staatssicherheit der DDR ihr Netz gespannt.

Die Vielzahl der Aktivitäten und Aktionsorte der Stasi zeigt eine neue Ausstellung in der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Die Besucher werden mit einem iPad ausgestattet und laufen über eine 170 Quadratmeter große Luftaufnahme der Stadt von 2017, die sich über den Fußboden erstreckt. Häuser, Straßen und Plätze sind detailgetreu zu sehen. Mit dem iPad lassen sich etwa 4200 Adressen in der ganzen Stadt identifizieren, an denen die Stasi Dienstobjekte, Stützpunkte und konspirative Wohnungen unterhielt oder die sie im Visier hatte. Zu rund 100 Adressen sind Filme oder Fotoreihen auf dem Tablet aktivierbar.

Details gibt es etwa zum Haus am Hohenzollerndamm 174-177. Dort hatte die SPD bis 1971 zwei Filialen ihres Ostbüros. In der sowjetischen Besatzungszone wurden Sozialdemokraten nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED 1946 verfolgt. Bis 1950 kamen etwa 1000 Sozialdemokraten, die Verbindung zum Ostbüro hatten, ins Gefängnis. Danach, so die Information in der Ausstellung, hatte das Ostbüro der SPD kaum noch Kontakte in die DDR. Es habe stattdessen große Mengen von Flugblättern mit Hilfe von Ballons gen Osten geschickt. Daraufhin setzte die Staatssicherheit die westdeutschen Firmen unter Druck, die das Gas für die Ballons lieferten. Dadurch konnten monatelang keine Flugblätter auf den Weg gebracht werden.

1989 gab es in West-Berlin 300 Informelle Mitarbeiter

Erzählt wird in der Ausstellung etwa von der Entführung des Gewerkschaftsjournalist Heinz Brandt im Juni 1961. In der Luftbildaufnahme ist die Wulffstraße 6 in Steglitz markiert. In eine Wohnung dieses Hauses wurde Brandt von einer jungen Frau gelockt, die er in einer Bar kennengelernt hatte. Sie war inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit. Das Getränk, das sie Brandt anbot, enthielt ein Betäubungsmittel.

Anschließend wurde Brandt in einem Lieferwagen in den Ostteil der Stadt entführt und ins Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen gebracht. Erst 1964 kam er frei. Brandt sollte durch die Entführung zur Rückkehr in die DDR bewegt werden, doch er weigerte sich. Er war in den 50er-Jahren Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin gewesen und 1958 mit seiner Familie nach Westberlin gezogen.

3200 konspirative Wohnungen unterhielt die Staatssicherheit

Die Ausstellung hält auch Zahlen bereit. Etwa 3200 konspirative Wohnungen unterhielt die Staatssicherheit 1989 im Ostteil der Stadt. Die Zahl der Westberliner Wohnungen ist derzeit noch nicht bekannt, jedoch die Zahl der inoffiziellen Mitarbeiter in West-Berlin. 1989 waren es etwa 300.

Michael Schäbitz ist Projektleiter der Ausstellung. Sie sei rund zweieinhalb Jahre vorbereitet worden, erzählte er bei einer Präsentation am Donnerstag. Eine Arbeitsgruppe suchte nach Material in Archiven und sichtete Tausende Fotos, Filme und Dokumente. Das Projekt wurde mit 550.000 Euro gefördert, jeweils zur Hälfte von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und aus Lottomitteln.

Jeweils 20 Personen können die Ausstellung gleichzeitig für etwa eine Stunde besuchen. Sie sammeln sich zunächst in einem geschlossenen Raum mit einem „Spion-Spiegel“. Der Spiegel werde als Projektionsfläche genutzt, um kurze Lehrfilme der Staatssicherheit zu zeigen, etwa über Fahrten von Ost-Geheimdienstlern nach West-Berlin, so der Projektleiter.

Verhörkeller in der Stadt

Anschließend sind die Besucher eingeladen, den eigentlichen Ausstellungsraum zu betreten und sich auf der Luftbildaufnahme hinter der einstigen Mauer aufzustellen. Dann bekommen sie eine Einführung. Erzählt wird etwa, dass nach Ende des Zweiten Weltkriegs der sowjetische Geheimdienst sogenannte Verhörkeller in der gesamten Stadt einrichtete. Auch diese Adressen sind auf der Karte zu sehen, Lämpchen leuchten auf. Viele dieser Orte habe die Stasi in den 50er-Jahren übernommen, so Michael Schäbitz. Die Zahl der Dienstsitze und Stützpunkte nahm im Laufe der Jahre zu.

Besucher können dann mit dem Tablet über die Luftaufnahme auf dem Boden laufen und sich markierte Orte in allen Bezirken ansehen. Etwa die Adresse der Wohnung „Hecht“ in einem Hochhaus nahe dem Grenzübergang an der Heinrich-Heine-Straße. Sie war eine von verschiedenen Wohnungen entlang der Straße, von denen aus Menschen, die einreisten, von Geheimdienstmitarbeitern beobachtet wurden. Untereinander gaben sie die Informationen per Telefon weiter, sodass der Beobachtete nicht auf der Straße verfolgt zu werden brauchte.

Wer die Ausstellung besucht, hat auch die Möglichkeit, die persönliche Geschichten von Menschen nachzuvollziehen, die von der Staatssicherheit verfolgt oder verhaftet wurden. Darunter ein junger Mann, Thomas Fischer, der den Wehrdienst verweigerte und Anfang der 80er-Jahre nach West-Berlin ausreisen konnte. Es war ihm untersagt, seine Freunde im Ostteil der Stadt zu treffen. Dennoch gelang es ihm, weil er mit einem geänderten Namen einreiste. Es dauerte lange, bis der DDR-Geheimdienst dahinterkam.