Girls’ Day

So werden Mädchen am Girls’ Day für Technik begeistert

Noch nie wurde der Girls’ Day so nachgefragt wie dieses Jahr. Doch Mädchen können auch sonst mit Technik experimentieren.

Veronika, Martha, Josi und Lara (v.l.) arbeiten in der JugendTechnikSchule jeden Dienstag mit Werkzeug, Elektrik und Lötkolben.

Veronika, Martha, Josi und Lara (v.l.) arbeiten in der JugendTechnikSchule jeden Dienstag mit Werkzeug, Elektrik und Lötkolben.

Foto: Reto Klar

Berlin. Josi hat Schmuck gefertigt, Lara ein Portemonnaie. Marthas „Disco-Iglu“ ist ein Spielzeug, bestehend aus einer winzigen Winterlandschaft. Die Kunstwerke, die in Sonja Pleugers Kurs an diesem Nachmittag weiter verfeinert und deren Herstellungsprozesse dokumentiert werden sollen, passen vermeintlich ganz gut in eine Mädchenbastelgruppe.

Auf den ersten Blick jedenfalls. Bis Martha in ihrer Winterwelt das selbst eingebaute Licht einschaltet und ihre Freundin Veronika zum Lötkolben greift, um an ihrer Miniatur-Gitarre die Drahtsaiten zu befestigen.

Nein, sagt Martha, viel Hilfe habe sie nicht gebraucht mit den LEDs und der Leitung zur Batterie. Es ist nicht ganz klar, ob ihr Kopfschütteln diese Aussage unterstreicht oder die Überflüssigkeit der Frage.

Fast 7000 Chancen zum Schnuppern

„Zu Weihnachten habe ich eine Heißklebepistole bekommen, und Löten und so etwas mag ich auch gerne“, sagt die Zehnjährige, als sei dies das Selbstverständlichste der Welt. „Kreativität und Technik: Nicht nur am Girls‘ Day“ lautet das Motto des Mädchen-Technik-Kurses in der JugendTechnikSchule Berlin.

Seit mehr als zwei Jahren werden hier Schülerinnen für die gestalterische Arbeit mit Werkzeug und Elektrotechnik begeistert. Und das nicht nur einmal im Jahr, am 28. März. An diesem Donnerstag findet, wegen der Osterferien früher als sonst, der Girls‘ Day statt.

Unter 6916 Praktikums- oder Workshop-Stellen konnten Mädchen in Berlin in diesem Jahr wählen, um in klassische Männerjobs zu schnuppern. Das sind über 500 Plätze mehr als 2018 (6387).

Robotik-Kurse locken eher Jungs

Und auch Jungs sind beim längst zum Girls‘ und Boys‘ Day umfirmierten Berufsorientierungstag mit dabei: Sie konnten sich 2019 in Berlin zwischen 1819 Angebotsplätzen (2018: 1762) entscheiden. Möglichkeiten boten sich etwa in den Berufssparten Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung.

Unternehmen können am Girls‘ und Boys‘ Day in Tätigkeitsfeldern Praktikumsplätze zur Verfügung stellen, in denen die Ausbildungsquote für jeweils ein Geschlecht unter 40 Prozent liegt. Für Mädchen ist das Angebot bei Robotik und Informatik entsprechend groß.

Bereiche, die auch in den Robotik-Kursen in der JugendTechnikSchule zum Standardprogramm gehören. Sie habe sich allerdings immer geärgert, dass diese vor allem von Jungen genutzt würden, sagt die Pädagogin und gelernte Vermessungsingenieurin Sonja Pleuger.

Erster Kontakt oft über Schulprojekte

„Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das nicht auch Mädchen interessieren könnte.“ Deshalb startete sie vor drei Jahren mit dem Mädchen-Technik-Kurs immer dienstagnachmittags im FEZ in Köpenick ein neues Format. „Der erste Kurs war so voll, dass ich eine Honorarkraft zur Unterstützung brauchte“, erinnert sich Pleuger.

Mädchen hätten bei der technisch-kreativen Tüftelei teilweise eine andere Herangehensweise als Jungs. „Sie überlegen manchmal mehr, statt einfach zu machen, und fragen auch eher.“

Seit es den Kurs gibt, bleiben Mädchen, die oft durch Schulprojekte erstmals zur JugendTechnikSchule kommen, häufiger dabei. So wie Josi, Martha, Veronika und Lara, für die jeden Dienstag eine Art Girls‘ Day ist.

Neunjährige hilft bei Elektroinstallation

Dabei sei für sie der Knoten längst geplatzt, sagt Sonja Pleuger: „Die würden sich jetzt auch in einer gemischten Gruppe nicht mehr die Butter vom Brot nehmen lassen“. Wer die vier nach nützlichen Ergebnissen ihres Technikinteresses fragt, der bekommt ein lautes Schrillen zu hören.

„Das ist unser Schubladenwächter“, sagt Lara und zeigt grinsend eines der kleinen Geräte, bei denen ein Summer Alarm gibt, sobald der in den Schaltkreis eingebaute Fotowiderstand Lichteinfall signalisiert. Lara: „Hier bewacht der meine Schubladen, zu Hause habe ich ihn vor die Spardose gestellt.“

Und als Veronikas Puppenhaus daheim kürzlich Licht und winzige Steckdosen bekommen sollte, konnte die Neunjährige ihrem Vater bei der Elektroinstallation zur Hand gehen.

Projekte zur Löttechnik

Was die Mädchen an diesem Nachmittag perfektionieren, sind ihre Beiträge für den Tüftelwettbewerb. Zum neunten Mal richtet der Träger der JugendTechnikSchule, die Technische Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg), gemeinsam mit der tjfbg-Tochter „Käpt’n Browser“ diesen Erfinder- und Forscherwettbewerb aus.

Zum Thema „Verbinden und Trennen“ haben die Mädchen im FEZ Upcycling-Kreationen aus Reststoffen gefertigt – wie Josis Schmuck, bei dem etwa bunte Elektrowiderstände als Perlen dienen. Im vergangenen Jahr hätten sie den zweiten Platz belegt, erzählen die vier.

Am Girls‘ Day bietet die JugendTechnikSchule, die insgesamt über drei Standorte in Berlin inklusive einer Fahrrad- und Motorradwerkstatt in Wilmersdorf verfügt, ebenfalls Mädchenprojekte zu Robotik und zur Löttechnik an. Lange im Voraus waren bereits alle Plätze ausgebucht.

Laut der Landeskoordinierungsstelle für den Girls‘ und Boys‘ Day beim Verein Life e.V. nutzten in Berlin noch nie so viele junge Menschen den Praktikumstag wie in diesem Jahr.