Gesundheitsstadt Berlin 2030

Charité und Vivantes sollen künftig eng kooperieren

| Lesedauer: 7 Minuten
Isabell Jürgens
Die Charité ist Europas größte Universitätsklinik.

Die Charité ist Europas größte Universitätsklinik.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Um eine Patientenversorgung und Forschung auf Spitzenniveau in Berlin zu garantieren, raten Experten zu enger Klinik- Kooperation.

Berlin –. Die Charité, Europas größte Universitätsklinik, und Deutschlands größter kommunaler Klinikkonzern Vivantes sollen unter einer Dachgesellschaft zusammengefasst werden. Das schlägt die Expertenkommission um den Mediziner und SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach vor.

Die engere Zusammenarbeit der beiden landeseigenen Kliniken sei unabdingbar, um das Ziel einer „Patientenversorgung auf europäischem Spitzenniveau und zugleich eine internationale Führungsposition in der Forschung zu gewährleisten“, sagte Lauterbach bei der Vorstellung des Berichts am Montag.

Kliniken agieren immer noch als Konkurrenten

Vor knapp einem Jahr hatte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Expertenkommission eingesetzt, um die beiden landeseigenen Einrichtungen, die in einigen Bereichen immer noch eher als Konkurrenten agieren, in eine engeren Kooperation zu bringen. Die Gesundheitsbranche ist in Berlin ein wichtiger Wirtschaftsfaktor mit rund 370.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 25 Milliarden Euro.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen an den Bericht zur „Gesundheitsstadt Berlin 2030“. Denn seit Jahren wird immer wieder über die Fusion der beiden landeseigenen Klinikbetriebe beraten – sowohl um Kosten zu sparen als auch um Stärken zu bündeln.

Charité für die Hochleistungsmedizin, Vivantes für Routinefälle

Nach dem von elf Experten erarbeiteten Konzept sollen beide Häuser nun ihre Aufgaben unter dem Dach einer landeseigenen Gesellschaft klar teilen: Die Uniklinik soll sich auf Hochleistungsmedizin konzentrieren, zum Beispiel auf Patienten mit komplizierten Autoimmunerkrankungen oder Krebspatienten, bei denen herkömmliche Therapien nicht greifen. Der Klinikkonzern Vivantes übernähme dann die Grundversorgung. Vivantes-Patienten sollten als Teilnehmer an Charité-Studien wiederum schneller von neuen Behandlungs- und Diagnoseansätzen profitieren.

„Gemeinsam kann es den beiden Kliniken so gelingen, die Herausforderung zu meistern, mit dem rasanten Wandel in der Spitzenmedizin mitzuhalten“, sagte Lauterbach weiter. So sei dringend geboten, dass die Charité mit neuen Geräten ausgestattet werde. 90 Prozent der medizinischen Geräte seien bereits abgeschrieben. „Das ist so, als würde man bei einem Formel 1-Rennen mit einem alten Auto antreten“, sagte Lauterbach. Um international in der Spitzenliga mitspielen zu können, müsse dringend nachgebessert werden.

Kontrolleur soll Klinikkonzerne in die Pflicht nehmen

Damit die Empfehlungen der Kommission nicht in der Schublade verschwinden, sondern tatsächlich umgesetzt werden, empfehlen die Experten zudem die Einsetzung eines Senatsbeauftragten, der die Umsetzung des „Mammutvorhabens“, wie es Michael Müller bezeichnete, kontrollieren soll. „Wir schlagen einen Profi vor, der sowohl Charité und Vivantes in die Pflicht nimmt“, sagte Lauterbach.

Eine Empfehlung, die Berlins Regierungschef sicher gerne zur Kenntnis genommen hat, zumal er auch schon einen Kandidaten für diese Aufgabe im Blick hat. Wie berichtet, will Müller den von Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) ohne Angabe von Gründen in den Ruhestand geschickten Staatssekretär Boris Velter (SPD) mit der Leitung einer solchen Kooperationsstelle betrauen. Darüber hinaus empfahl das Gremium einheitliche IT-Strukturen, damit der Datenaustausch zwischen beiden Häusern gewährleistet sei.

Bereits vorgesehen ist eine gemeinsame Ausbildungsbildungsstätte beider Kliniken für Gesundheitsberufe wie Pflegekräfte. Die Grundstückssuche laufe bereits, sagte die Gesundheitssenatorin.

Regierungschef Müller, der zugleich auch Senator für Wissenschaft und Forschung ist, dankte den Mitgliedern der Kommission, darunter Wissenschaftler, Unternehmens- und Verbandsvertreter, die allesamt nicht aus Berlin kommen, für ihre Empfehlungen. „Wir wollen ausdrücklich keine Fusion, denn dies kann auch bedeuten, dass wir uns auf Jahre hinaus nur mit uns selbst beschäftigen“, sagte Müller. Es gehe auch nicht mehr um die Durchsetzung einer Sparpolitik, wie es bei früheren Fusionsbestrebungen der beiden Häuser der Fall gewesen sei. Die Vorschläge würden nun im Parlament und mit den Klinik-Aufsichtsräten besprochen.

Die Charité führt an vier Standorten mehr als 100 Kliniken und Institute. In den mehr als 3000 Betten werden jährlich rund 150.000 Patienten behandelt, dazu kommen noch mehr als 700.000 ambulante Fälle. Der Klinikkonzern Vivantes führt zehn stationäre Standorte mit ebenfalls mehr als 100 Kliniken, in denen knapp 5800 Betten zur Verfügung stehen. In diesen werden jährlich 245.000 Patienten versorgt, dazu kommen 330.000 ambulante Fälle. Bei enger Kooperation könnten diese beiden Schwergewichte international führend in der Krankenversorgung und medizinischen Forschung sein. Doch genau daran hapert es bislang, so das Fazit der Zukunftskommission „Gesundheitsstadt Berlin“.

Das Expertengremium unter Vorsitz des Mediziners und SPD-Mitgliedes Karl Lauterbach hatte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) vor knapp einem Jahr eingesetzt, um die Zusammenarbeit der beiden Häuser zu verbessern. Denn die ist angesichts des internationalen Innovationsdrucks im medizinischen Sektor dringend geboten.

Zu wenig Abstimmung zwischen beiden Einrichtungen

Obwohl sich beide Einrichtungen in öffentlicher Hand befinden, sei die derzeitige Zusammenarbeit durch einen „intensiven, bisweilen dysfunktionalen Wettbewerb geprägt“, heißt es in dem am Montag veröffentlichten Expertenbericht. Von einigen Ausnahmen abgesehen, gebe es bisher nur wenig Abstimmung in den einzelnen Aktivitätsfeldern.

Das Gesundheitssystem in Deutschland im Allgemeinen und in Berlin im Speziellen stehe aber vor einer Reihe fundamentaler Veränderungen. „Es wird massive Verschiebungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung geben und parallel dazu einen bisher nicht gekannten medizinischen und technischen Fortschritt“, heißt es in dem Bericht. Um diese Herausforderungen zu bewältigen, müssten beide Häuser eine klare Aufgabenstruktur bekommen. Dabei solle sich die Charité als Universitätsklinik auf die Hochleistungsmedizin konzentrieren und Vivantes auf die übrige Versorgung. Davon würden beide Seiten profitieren: die Vivantes-Patienten von den neuesten Forschungsergebnissen der Charité und die Charité von der großen Zahl an Patienten, die an Großstudien teilnehmen könnten – eine wichtige Voraussetzung, um in der internationalen Liga der Spitzenmedizin mithalten zu können. Um diesen gegenseitigen Transfer zu gewährleisten, sollte eine engere strukturelle Verknüpfung der beiden Häuser erfolgen. Am besten unter dem Dach einer 100-prozentigen landeseigenen Dachgesellschaft.

„Wir schlagen eine Fusion vor, ohne zu fusionieren“

„Zu prüfen ist darüber hinaus, ob bestehende oder noch zu errichtende gemeinsame Einrichtungen wie der Ausbildungscampus, das internationale Geschäft, das Labor sowie skalierbare Aufgaben wie Informationstechnologie in die Verantwortung dieser Dachstruktur überführt werden können“, schlagen die Experten vor. Die bereits weit fortgeschrittene Kooperation des Deutschen Herzzentrums und der Charité wird von dem Gremium ausdrücklich begrüßt. „Wir schlagen eine Fusion vor, ohne zu fusionieren, also ein fusionsartiges Modell“, beschrieb es der Kommissionsvorsitzende Lauterbach. Ein Beauftragter des Senats solle den Kooperationsprozess ferner kontrollieren.

Berlins Regierungschef Michael Müller begrüßte die Vorschläge – zumal er als Wissenschaftssenator schon länger auf effektivere Strukturen drängt. „Ich erwarte nun aber auch, dass Vivantes und Charité uns klare Schwerpunkte ihrer Häuser benennen“, fuhr der Regierende fort. Da stoße die Politik an ihre Grenzen. In der Zukunftskommission „Gesundheitsstadt 2030“ hatten elf ­externe Sachkundige aus Wissenschaft, Verbänden, Kliniken, Unternehmen und Patientenvertretungen auf ehrenamtlicher Basis zusammengearbeitet. In ihre Empfehlungen waren auch Erkenntnisse aus Gesprächen mit Vertretern von Charité und Vivantes, dem Deutschen Herzzen­trum Berlin und dem Berlin In­stitute of Health mit eingeflossen.