Prozess in Berlin

Kudamm-Raser: Sind sie wirklich Mörder?

| Lesedauer: 9 Minuten
Hans H. Nibbrig
Die gesperrte Tauentzienstraße nach einem illegalen Autorennen. Der tödliche Unfall bei einem illegalen Autorennen auf dem Berliner Kudamm  beschäftigt die Gerichte seit drei Jahren.

Die gesperrte Tauentzienstraße nach einem illegalen Autorennen. Der tödliche Unfall bei einem illegalen Autorennen auf dem Berliner Kudamm beschäftigt die Gerichte seit drei Jahren.

Foto: Britta Pedersen / dpa

2016 fand das tödliche Rennen am Kudamm statt, seit drei Jahren beschäftigt der Fall die Juristen. Nun wird ein neues Urteil erwartet.

Berlin. In der Nacht zum 1. Februar 2016 lieferten sich zwei junge Männer ein illegales Autorennen in der City West, bei dem ein Unbeteiligter ums Leben kam. Seither haben sich drei Strafkammern des Berliner Landgerichts, ein Senat des Bundesgerichtshofes und zwei Abteilungen der Berliner Staatsanwaltschaft mit dem Fall befasst.

Anklage, Prozess, Urteil, Revision, neue Anklage neuer Prozess, das sind in Kürze die Etappen der juristischen Aufarbeitung in den vergangenen drei Jahren. Am Dienstag wird ein neues Urteil erwartet. Und erneut geht es um die Frage: Sind die angeklagten Unfallverursacher Mörder?

Der Fall sorgt bis heute für Entsetzen in der Bevölkerung und Forderungen seitens der Politik. Die Details sind dutzendfach geschildert und kommentiert worden, innerhalb und außerhalb der Gerichtssäle.

Vieles von dem, was damals geschah, ist erst nach und nach, manches erst ganz zum Schluss bekannt geworden. Dutzende Zeugen haben ausgesagt, technische Sachverständige haben die Tat, psychologische Gutachter die Täter untersucht.

Kudamm-Raser: Ihr Leben drehte sich um den „Kick“

Die Täter, das sind Hamdi H. (30) und Marvin N. (27). Von beiden heißt es, ihre ganzes Leben drehe sich ausschließlich um ihre hochtourigen Nobelfahrzeuge und um den Kick, bei einem Rennen Höchstgeschwindigkeiten zu erreichen und den Sieg davon zu tragen, ohne Rücksicht auf andere.

Die Autos, bei N. ein Mercedes AMG (381 PS), bei H. ein Audi R 6 TDI (225 PS), waren für beide Männer ihr Ein und Alles, sie wurden gehegt und gepflegt. Zeugen berichteten, Marvin N. habe schon mal einen Wutanfall bekommen, wenn der Lack seines Mercedes nur leicht verunreinigt war.

Dann wurde geputzt und gewienert, bis das Prunkstück wieder in vollem Glanz erstrahlte. Frauen, die bei ihm mitfuhren, war es strikt untersagt, sich im Auto zu schminken, der Lippenstift hätte ja Spuren an den Ledersitzen hinterlassen können.

In der Tatnacht trafen die beiden Männer am Adenauerplatz aufeinander. Ein kurzer Blick, einige Handbewegungen, die jeder in der Szene kennt, und schon war ein sogenanntes Stechen vereinbart.

Dabei warten die Kontrahenten mit publikumswirksam aufheulenden Motoren vor einer roten Ampel. Springt diese auf Grün, geht es darum, wer als erster weg kommt, wer am schnellsten und am stärksten beschleunigt. Die zurückzulegende Strecke ist festgelegt, sie endet an der nächsten roten Ampel.

Das Opfer der Kudamm-Raser hatte keine Chance

Marvin N. gewann das Stechen, Hamdi H. wollte eine Revanche, N. gewann erneut, worauf H. plötzlich wieder Gas gab und N. ihm nach kurzem Zögern folgte. Über mehrere rote Ampeln hinweg und mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 170 Stundenkilometern ging es über Kudamm und Tauentzien in Richtung Gedächtniskirche.

Ein 67-Jähriger, der nichtsahnend bei Grün von der Nürnberger Straße auf den Tauentzien einbog, hatte keine Chance. Sein Wagen wurde beim Zusammenstoß regelrecht durchbohrt und 70 Meter weit geschleudert. Michael Warshitsky starb noch in seinem Auto.

Nach der Tragödie wurden zunächst Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen, Wochen später allerdings ausgeweitet. Mord lautete jetzt der Vorwurf, die Beschuldigten hätten völlig rücksichtlos gehandelt und den Tod des 67-Jährigen dabei billigend in Kauf genommen, so die Begründung.

Gegen diese Entscheidung zogen die Verteidiger zu Felde. Sie witterten Manipulationen, das ist bis heute so geblieben. Es gebe Hinweise, die für vorsätzliche Tötungsdelikte zuständige Kap-Abteilung der Staatsanwaltschaft (Kap=Kapitalverbrechen) habe es zunächst abgelehnt, den Fall zu übernehmen. Für die Anwälte stand damit fest: Die Staatsanwaltschaft folgte weniger den rechtlichen Grundlagen für eine Anklage, sondern dem Druck der Öffentlichkeit und den Forderungen der Politik nach härteren Sanktionen für Raser.

Erstmals eine Verurteilung wegen Mordes

Die 35. Schwurgerichtskammer, die den Fall übernahm, sah das offenbar anders. Sie ließ die Anklage zur Hauptverhandlung zu und folgte mit ihrem Urteil auch der Argumentation der Anklagebehörde. Erstmals wurden in Deutschland damit Teilnehmer eines tödlich endenden illegalen Rennens wegen Mordes verurteilt, nicht nur deshalb schrieb dieser Fall Rechtsgeschichte.

Er war auch der maßgebliche Anlass für den Bundestag, im Sommer vergangenen Jahres einen neuen Tatbestand zu schaffen. „Teilnahme an einem verbotenen Kraftfahrzeugrennen“ lautet der. Wird ein Unbeteiligter verletzt, können bis zu fünf Jahre Haft, beim Tod eines Menschen bis zu zehn Jahren verhängt werden.

Im März 2018 gab der Bundesgerichtshof der Revision der Verteidigung statt. Es gebe nicht genügend Belege für einen Mord, lautete die Begründung. Das Verfahren wurde zur Neuverhandlung an die 40. Strafkammer verwiesen. Vor der begann im August 2018 der neue Prozess - und war nach kurzer Zeit schon wieder beendet.

Der Vorsitzende hatte nach Ansicht der Verteidigung etwas zu deutlich geäußert, dass auch weiterhin eine Verurteilung wegen Mordes denkbar sei. Am Berliner Landgericht wollte man kein Risiko eingehen und gab dem Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden statt.

Schlussplädoyer mit schrecklichen Details

Nun ging das Verfahren an die 32. Schwurgerichtskammer, dort wurde die Neuauflage des Prozesses im November eröffnet. Am Dienstag soll das Urteil erfolgen. In seinem Schlussplädoyer Anfang März fasste Oberstaatsanwalt Christian Fröhlich gezielt alle schrecklichen Details des damaligen Geschehens zusammen.

Er verwies auf die Zeugenaussage eines Polizeibeamten, der angab, er habe beim Erreichen der Unfallstelle angesichts des Bildes, das sich ihm bot, Angst gehabt, auf Körperteile zu treten. Und er zitierte Michael Tsokos, den Leiter der Berliner Rechtsmedizin. Der hatte vorgetragen, ganz gleich ob Knochen oder innere Organe, an der linken Körperseite des Getöteten habe es nichts gegeben, was heil geblieben war.

Effektvolle Vorträge beherrschen aber auch die Rechtsanwälte. Peter Zuriel, einer der Verteidiger von Hamdi H., fasste seine Sichtweise in seinem Schlussplädoyer vergangene Woche in einer scheinbar fiktiven Geschichte zusammen. Dabei bediente er sich der Wortwahl, in der üblicherweise Witze erzählt werden.

Treffen sich drei verurteilte Mörder im Gefängnis und erzählen, was sie hinter Gitter gebracht hat. Der Erste berichtet, wie er geplant und mit vollen Absicht einen Menschen ermordete, auch der Zweite berichtet von einem kaltblütigen Mord. Der Dritte gibt an, er habe bei einem Unfall den Tod eines Menschen mitverschuldet.

Kann man die drei Fälle gleich setzten, kann man den Unfallverursacher auf eine Stufe mit kaltblütigen Mördern stellen, fragte Zuriel und gab die Antwort gleich selbst: Ja, sein Mandant, habe sich schuldig gemacht, ja, er sei für den Tod eines Menschen verantwortlich, aber nein, er sei kein Mörder.

Um diese Kernfragen dreht sich der Prozess

Mord oder fahrlässige Tötung, bedingter Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit: Das sind die Kernfragen, um die sich der gesamte Prozess seit drei Jahren dreht. Erst Anfang dieses Monats, nach jahrelangem Schweigen, hat sich mit Marvin R. ein Angeklagter erstmals selbst zu der wilden Raserei in der Tatnacht geäußert. Er sei sicher gewesen, dass schon alles gut gehen werde, sagte N.

Dieser Spruch taucht in etlichen juristischen Lehrbüchern auf, wenn Studien- oder Berufsanfängern leicht verständlich der Unterschied zwischen grober Fahrlässigkeit und bedingtem Vorsatz erklärt werden soll. „Es wird schon alles gut gehen“, das entspricht danach der Denkweise eines grob fahrlässig handelnden Menschen. Die Einstellung, ich will niemanden schädigen, aber wenn es doch passiert, dann passiert es halt, spricht dagegen von bedingtem Vorsatz, bei der der Täter in völliger Gleichgültigkeit die Folgen für einen Geschädigten in Kauf nimmt.

Das ist im Grunde nicht mehr als Strafrecht für Anfänger, in der Rechtspraxis der Profis gibt es Dutzende von Grundsatzurteilen und Standardkommentaren, die sich mit dem Unterschied befassen. In der rechtlichen Bewertung liegen zwischen grober Fahrlässigkeit und bedingtem Vorsatz oft nur Nuancen, in der Strafzumessung sind die Unterschiede dagegen gewaltig. Die Bandbreite der Möglichkeiten reicht von Geldstrafe bis lebenslänglich.

Verteidiger haben schon nächsten Gang nach Karlsruhe angekündigt

Kann jemand wirklich ernsthaft darauf hoffen, dass schon alles gut geht, wenn er innerstädtisch unter Missachtung mehrerer roter Ampeln mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 170 Stundenkilometern unterwegs ist? Auch diese Frage werden die Richter der 32. Schwurgerichtskammer beantworten müssen.

Wie immer sie am Dienstag auch urteilen, es wird kaum das Ende des Verfahrens sein. Die Verteidiger haben bereits den nächsten Gang nach Karlsruhe angekündigt, wenn ihre Mandanten erneut wegen Mordes verurteilt werden. Im anderen Fall wird auch die Staatsanwaltschaft nach dreijährigen intensiver Arbeit kaum bereit sein, ein von ihrer Forderung abweichendes Urteil widerspruchslos hinzunehmen.

( dpa )