Fantreffen

Modenschau aus einer anderen Galaxie

Fans von Comics, Science Fiction und den TV-Serien „The Walking Dead“ und „Game of Thrones“ besuchen die Messe „Walker Stalker Con“.

Im Stil postapokalyptischer Action-Filme haben sich diese Darsteller gekleidet.

Im Stil postapokalyptischer Action-Filme haben sich diese Darsteller gekleidet.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Berlin.  An einem Vormittag, als sich Berlin des Wetters wegen noch fragt, ob noch Ski- oder schon Strickjacke angemessen sind, haben sich die Besucher der Messehallen für einen dritten Weg entschieden. Unter dem Funkturm trägt man Superheld-Kostüm, Keule und Motorradkluft, aufgepeppt durch einige Liter Theaterblut und kreideweißes Make-up. Das Ganze wirkt wie eine Modenschau aus einer anderen Galaxie. Fashion Week in der Geisterbahn. Mehrere 1000 Fans von Comics, Science Fiction und den TV-Serien „The Walking Dead“ und „Game of Thrones“ haben viel Eintritt gezahlt, um an dieser „Walker Stalker Con“, einer international tourenden Verkaufs- und Begegnungsmesse teilzunehmen.

Etwa Xandra. Die 41-jährige ist aus Hamburg angereist und hat sich herausgeputzt: Das Hemd ist gruselig rot bekleckert, der Kopf scheint blutüberströmt. Stundenlang hat sie für die Maske aus Drei-Komponenten-Silikon gebraucht. „Aber erst nach dem Frühstück im Hotel“, sagt sie. „Sonst hätten die Gäste an den anderen Tischen keinen Bissen herunter bekommen.“

Zerstrittene Adelshäuser, Liebe und Politik

Xandra ist vom Fach. Wenn das Deutsche Rote Kreuz (DRK) mit Technischem Hilfswerk, Polizei und Feuerwehr Katastropheneinsätze probt, leitet sie die sogenannte Notfalldarstellung und richtet die Opfer her. Zudem leitet sie die DRK-Öffentlichkeitsarbeit. Vor drei Jahren stieß sie beim Zappen auf „The Walking Dead“. „Ah, super: Zombies, habe ich gedacht und bin seitdem drangeblieben.“

Auch wer zwei der weltweit beliebtesten Serien nur vom Wegschalten kennt, sollte wissen: „Game of Thrones“ ist ein kompliziertes Fantasygeflecht um rivalisierende Adelshäuser, Liebe und Politik in einer fiktiven Mittelalterwelt. Seit 2011 ausstrahlt, endet es jetzt mit der neuen achten Staffel. „The Walking Dead“ erzählt seit 2010 in neun Staffeln von einem postapokalyptischen Amerika, in dem die Überlebenden in den unpassendsten Situationen von schlecht gelaunten Zombies angegriffen werden. Man kämpft und schießt viel und die Konflikte der verschiedenen Menschengruppen unter der Dauerbedrohung geben der Erfolgsserie einen weiteren Nervenkitzel.

Mit schwingender Keule, Lederjacke und Sonnenbrille schlendert Winfried aus Buckow von Stand zu Stand. Der Handwerker und Unternehmer trägt den Look des bärbeißigen Negan. Überhaupt scheint es, dass jeder Mann auf der Messe, der schon Bartwuchs hat, die Gesichtsbehaarung so schwarz-grau-gepflegt trägt wie der charmante Zombie-Killer aus der Serie. „Kommt die neue Staffel“, sagt der 34-jährige Winfried, „versammeln wir uns bei einem aus unserem Kreis, der Bezahlfernsehen hat, und gucken gemeinsam.“

Enttäuschung über Darsteller, die nicht kamen

Weniger glücklich ist Winfrieds Frau Samantha, 29, mit der Walker Stalker Con. Neben den Verkaufsständen ziehen TV-Stars das Publikum an. Nun haben aber fünf der angekündigten Darsteller abgesagt. Darunter ausgerechnet der Negan-Darsteller Jeffrey Dean Morgan, den weniger hart gesottene Seriengucker als knuddeligen Detektiv Jason in Anwaltsserie „The Good Wife“ kennen. Um näher und früher an den Schauspielern sein zu können, haben Besucher wie Samantha für zwei Tage statt 106 Euro Eintritt teurere VIP-Karten gekauft. „Die kosten 235 Euro und nun sind nur Darsteller da, die man nicht so braucht. Wir sind wirklich sauer.“ Auch Xandra aus Hamburg zeigt sich nach den ersten Stunden in den Hallen enttäuscht. „Ich hätte mir begehbare Filmsets gewünscht und dass sich Schauspieler einfach unter das Publikum mischen“, sagt sie. „Auch Schmink-Utensilien fehlen hier völlig.“

Vielen ist aber die Begeisterung anzusehen. Wie Kinder im Süßigkeitengeschäft schauen sie sich die Auslagen der Stände an. Es gibt Kaffeebecher zu den Serien, „Star Wars“-Plakate, „Pokemon“ und „South Park“-Puppen und Damenstrumpfhosen mit tanzenden Skeletten darauf.

Jonny aus dem britischen Bournemouth ist einer der Aussteller. „Nach dem vergangenen Jahr in Mannheim findet die diesjährige Messe glücklicherweise in Berlin statt. Es gibt weit mehr Besucher.“ In der kommenden Woche zieht der 30-Jährige mit der Convention weiter nach London, dann nach Gent. „Klar: Das ist ein Leben auf der Straße. Aber es rechnet sich für mich: Hier kommen 10.000 Menschen an einem Wochenende an meinen Stand. So viel Publikum hätte ich mit einem festen Geschäft in England nicht.“ Für Geld kann man sich mit den Serienstars fotografieren. Sogar Synchronschauspieler sind gefragt. Besucherin Katrin etwa bittet Charles Rettinghaus, der Walking-Dead-Held Daryl Dixon synchronisiert, ihr eine schöne Ansage für ihren Anrufbeantworter aufs Handy zu sprechen. Ein bisschen Star will auch manche Besucherin sein. Jana aus Köln und Charlotte aus Hamburg sind die niederträchtigen aber perfekt gestylten Filmfiguren Maleficent und Cruella De Vil, Franziska aus Hellersdorf steckt im 100-Euro-Kostüm von Comic-Figur Gwenom und trägt eine schaurige weiße Kontaktlinse auf dem somit tot wirkenden linken Auge.

„Ich lese Comics seit ich Kind bin“, sagt die Erzieherin. Auf Conventions begegne sie anderen Fans, die es wie sie lieben, im Privatleben bei Treffen ihre Lieblingsfiguren zu verkörpern. Eigentlich sei sie ja eher schüchtern, aber durch Messen habe sie viele neue Freundschaften geschlossen. Bei dieser hier gedenke sie aber jetzt nicht allzulang zu bleiben. Es sei unglaublich heiß in ihrem Kostüm. Sie habe wohl das heutige Wetter falsch eingeschätzt.

"Walker Stalker Con": Messegelände, Sonntag 10 bis 17 Uhr.