Konzertkritik

Sophie Hunger becirct Publikum mit betörend klarer Stimme

Magische Momente: Die vielseitige Wahlberlinerin stellt im gut gefüllten Tempodrom ihr aktuelles Album „Molecules“ vor.

Sängerin Sophie Hunger vor dem Tempodrom.

Sängerin Sophie Hunger vor dem Tempodrom.

Foto: Reto Klar

Sophie Hunger, 1983 in Bern geboren, ist eine vielseitige Musikerin. Aus Jazz und Folk, Rock und Elektronik weiß sie sich zu bedienen. Sie komponiert auch Soundtracks, erhält Einladungen wie zum renommierten Montreux Jazz Festival. An Gitarre und Piano hat sich die Songschreiberin in die Herzen einer breiten Fangemeinde gespielt, in die Schweizer Charts und jetzt auch ins Tempodrom ihrer Wahlheimat Berlin. Am Freitagabend stellte sie dort noch einmal - bereits im Herbst gab sie sechs etwas kleinere Clubgigs in der Stadt - ihr aktuelles Album „Molecules“ vor.

Auf dem Album macht sie Schluss mit ihren charakteristischen mehrsprachigen Texten und beschränkt sich: aufs Englische, auf Drums, Synthies und Gitarre. Elektropoppig kommt dieses Album daher und es sind durchaus tanzbare Nummern darauf. Viel Bewegung kommt trotz Breakbeats und effektvoller Lichtkegel allerdings nicht in die unbestuhlte und gut gefüllte Arena. Zu sehr ist Hungers aufmerksames Publikum ans Zuhören gewöhnt. An fein gearbeitete Balladen, kunstvolle Arrangements, an ganz eigene Songgebilde, die über Allerweltsschemen à la Strophe-Bridge-Refrain weit hinausgehen.

Betörend klare Stimme

Hunger kann mehr. Eine Mischung aus Björk, Ane Brun und Joan Baez, werden ihre Lieder von einer betörend klaren Stimme getragen, von bittersüßen Hooklines, gern mehrstimmig unterlegt. Diplomatentochter Hunger spricht mehrere Sprachen, ist aber spürbar mehr bei sich, wenn sie Deutsch oder auch Französisch singt.

Es ist sehr sympathisch, wenn Künstler sich beständig weiterentwickeln, nicht anfangen, sich nur noch selbst zu covern. Doch man darf die These wagen, dass sich der Ausflug in den englischsprachigen Elektropop eher als eine Sackgasse für Hunger erweisen wird. Die Herzen fliegen ihr viel mehr zu, wenn sie an Gitarre und Klavier (fast) allein zu einem Song anhebt, um ihre wunderbaren bis skurrilen Gedankenfetzen und Beobachtungen in Liedform preiszugeben.

Ironie und Gedankenschärfe

Das sind ihre magischsten Momente - wie beim neuen, Post-„Molecules“-Song „Rote Beete aus Arsen“, ein „Lied über Irrtümer“ wie sie ankündigt. Das Intro dazu ist eine kleine Variation über die DDR-Nationalhymne, was heute die wenigsten im Saal überhaupt noch mitbekommen. Der Text lässt sich über „die deutsche Frau“ aus und ist in seiner Ironie und seiner hingeworfenen Gedankenschärfe eben das, was Sophie Hunger zu einem Gutteil ausmacht.

Im Vorprogramm machten Steiner & Madlaina die Schweizer Frauenpower komplett, ein Duo, das man sich vormerken sollte und das mit „Das schöne Leben“ schon eine gewitzte, echte Partyhymne im Programm hat.