Frank Wolf

„Ein großes Problem ist das Lohndumping“

Frank Wolf führt jetzt Verdi in der Region. Er will die Gewerkschaft in der Digitalbranche verankern.

Ein Banker steht jetzt an der Spitze: Frank Wolf, neuer Landesbezirksleiter Verdi Berlin-Brandenburg.

Ein Banker steht jetzt an der Spitze: Frank Wolf, neuer Landesbezirksleiter Verdi Berlin-Brandenburg.

Foto: Reto Klar

Es kommt bisweilen vor, dass langjährige Amtsinhaber ihre Funktionsbezeichnung schon fast wie einen Vornamen tragen. Bei „Bahnchef Mehdorn“ war das so und auch Susanne Stumpenhusen war eben „Verdi-Landeschefin“. Nach 17 Jahren endete aber die Ära der ersten Landesbezirksleiterin der fusionierten vereinigten Dienstleistungsgewerkschaften in Berlin und Brandenburg. Ihr Nachfolger Frank Wolf kommt nicht aus dem öffentlichen Dienst, sondern aus der früheren Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), die auch in Verdi aufgegangen ist. Als oberster Vertreter von 160.000 Mitgliedern in Berlin und Brandenburg ist der gelernte Banker jetzt eine der einflussreichsten Personen in der Region.

Herr Wolf, gerade haben die Gewerkschaften für die Beschäftigten der Bundesländer den besten Tarifvertrag seit Jahren herausgeholt. Woran lag das aus Ihrer Sicht?

Frank Wolf Wir hatten einen großen Nachholbedarf und die Kolleginnen und Kollegen waren überaus streikbereit. Wir haben in unserer Stadt einfach nicht die Löhne und Gehälter, die wir bräuchten. Berlin prosperiert, die Mieten steigen maximal. So schnell können wir gar keine Tarifabschlüsse machen. Gerade die jüngeren Kollegen haben eine Wertschätzung ihrer Arbeit erwartet.

Fürchten Sie nicht, dass Ihre kampferprobten Mitglieder im öffentlichen Dienst über die dreijährige Laufzeit ein bisschen passiv werden?

Das wird eine der Aufgaben der Hauptamtlichen für die Diskussion mit den Ehrenamtlichen sein. Wir werden erstmal die Mitglieder befragen und schauen, ob sie den Abschluss annehmen. Wir müssen natürlich im Laufe der Monate den Spannungsbogen aufrechterhalten. Wir wollen uns auch als Verdi entsprechend verändern, um stärker auf die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben zuzugehen. In anderen Branchen geht es aber weiter mit den Tarifrunden: bei den Banken, der BVG, im Einzelhandel.

Sie selber kommen aus der Finanzbranche. Was bedeutet das für die Arbeit von Verdi in Berlin–Brandenburg?

Ich bin gelernter Banker und habe die Ochsentour hinter mir: Auszubildendenvertretung, Betriebsrat, dann bin ich zur Gewerkschaft HBV gewechselt, die dann in Verdi aufgegangen ist. Meine ebenfalls neu gewählten Stellvertreterinnen kommen aus dem öffentlichen Dienst beziehungsweise von der Post. Wir werden uns als Team die Aufgaben untereinander so aufteilen, dass wir optimal die Interessen unserer Mitglieder vertreten können.

Die Finanzbranche steht ja vor großen Umwälzungen. Banken bauen Stellen ab, schließen Filialen. Wird es einen weiteren Abbau von Arbeitsplätzen in der Region geben?

Die Künstliche Intelligenz und die Digitalisierung verändern die Finanzbranche kolossal. Die Dynamik ist ernst zu nehmen. Wir wollen Themen wie Beschäftigung, berufsbegleitende Qualifizierung, mobiles Arbeiten über Zukunftstarifverträge absichern. Ich bin aber überzeugt, dass der stationäre Vertrieb also über Filialen immer noch eine Zukunft hat. Dass man keine Zweigstellen mehr hat, kann ich mir nicht vorstellen.

Sie sagen, Sie wollen näher an die Menschen in den Betrieben ran. Wie wollen Sie die Gewerkschaft stärker in der Digitalwirtschaft verankern? Da gibt es ja veritable Konzerne inzwischen.

Es ist schwierig, wir sind aber auf einem guten Weg. Wir müssen unterscheiden zwischen den alten Start-ups wie etwa Zalando, die schon Strukturen haben, und den jungen Unternehmen. Viele Mitarbeiter in Start-ups fühlen sich ja als eigene Unternehmer, sie sind jung und wollen Dinge umsetzen. Dass sie dabei womöglich ausgenutzt werden, bekommen viele Mitarbeiter zunächst vielleicht gar nicht so mit. Es ist natürlich für uns wichtig, die Wahl von Betriebsräten zu unterstützen. Vor allem müssen wir klarmachen, wofür wir stehen und kämpfen: Wir wollen gemeinsam gute Arbeitsbedingungen und faire Löhne!

Geht es denn im Kern um Betriebsräte oder sind auch andere Formen der Vertretung denkbar?

Der Betriebsrat ist die klassische Form, wobei ein Betriebsrat nicht unbedingt gewerkschaftliche Strukturen schafft. Man muss halt schauen, wie die Leute reagieren. Solange alles in Ordnung ist, das Geld fließt und die Arbeitszeiten noch nachvollziehbar sind, gibt es womöglich keinen so großen Bedarf. Aber wenn klar wird, dass sie durch Überstunden und Mehrarbeit ausgenutzt werden, wachen viele Beschäftigte auf. Es gibt aber noch eine andere Dimension: In vielen Firmen arbeiten Menschen aus 50 verschiedenen Ländern. Die Spanier und Franzosen sehen Gewerkschafter aus einem ganz anderen Blickwinkel als die Deutschen, die Osteuropäer wieder anders. Gerade in unserem Schmelztiegel Berlin stehen wir da vor ganz großen Aufgaben.

Verdi hat ja lange mit Amazon um die Betriebsratsvertretung in den Logistik-Zentren gekämpft. Ist das jetzt erledigt oder haben Sie noch andere solche Konflikte?

Wir haben viele Konflikte in diesem Sektor. Ein großes Problem ist das Lohn- und Sozialdumping. Daher streiten wir für gute Arbeit und die Absicherung mit Tarifverträgen. Der Amazon-Konflikt ist noch nicht beigelegt, und auch bei Zalando gibt es noch viel zu tun. Wir wollen zunächst erreichen, dass die Internethändler in die Tarifbindung gehen und nach Handelstarifvertrag zahlen.

Droht da gar ein Streik?

Die Arbeitgeber gehen nicht so mit den abhängig Beschäftigten um, wie wir uns das vorstellen. Ich gehe davon aus, dass die Konflikte bei den Internetfirmen zunehmen werden, weil die Gewerkschaft dort immer stärker wird und sich die Beschäftigten die Bevormundung durch Arbeitgeber immer weniger gefallen lassen. Streik ist keine Lösung, sondern nur legitimes Mittel zum Zweck, was dann eingesetzt wird, wenn alle anderen Versuche, auf friedlichem Weg zu einer Lösung zu kommen, scheitern.

Sie sind als Verdi auch für die Postdienste zuständig. Wie lässt sich in diesem Sektor Ausbeutung von Scheinselbständigen verhindern? Man sieht ja inzwischen Autos aus Lettland, die Sachen ausliefern.

Das sind natürlich Verhältnisse, die wir sehr kritisch sehen. Die Auslagerung von Arbeit in ein zuweilen undurchdringliches Netz von Subunternehmen liefert immer wieder besonders krasse Beispiele von Ausbeutung. Nicht selten steckt da kriminelle Energie dahinter. Hier sind natürlich Überwachungsbehörden und Gesetzgeber gefordert, um dieses Treiben zu stoppen. Wir haben da aber auch ein internationales Problem. Da werden gezielt Arbeitskräfte aus den ärmeren europäischen Ländern angeheuert, die bereit sind, für sehr wenig Geld zu arbeiten. Da diese Beschäftigten die Sprache nicht können und ihre Rechte nicht kennen, sind sie leichte Beute für miese Geschäftemacher und werden manchmal sogar um den kargen Lohn betrogen. Diese Probleme öffentlich zu machen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, ist auch für uns eine wichtige Aufgabe.

Wird sich das nicht durch den Fachkräftemangel ändern? Es wird ja inzwischen in vielen Branchen besser gezahlt, nicht nur im öffentlichen Dienst. Es wird über einen höheren Mindestlohn diskutiert. Muss man sich immer noch für ganz schäbige Jobs hergeben?

Der Arbeitsmarkt verändert sich derzeit sehr rasch und ich gehe davon aus, dass künftig gute Tarifverträge mit deutlichen Lohnsteigerungen drin sind. Viele Firmen, aber auch der öffentliche Dienst sind unter Druck und müssen besser zahlen, damit sie auf dem Arbeitsmarkt das dringend benötigte Personal bekommen. Auf der anderen Seite wird diese Entwicklung natürlich nicht alle Probleme auf dem Arbeitsmarkt beseitigen. Daher sind Mindestlöhne in angemessener Höhe absolut notwendig. Das Problem bleibt allerdings die Umsetzung. Ich kann nur begrüßen, dass der Zoll verstärkt überprüft, ob die Mindestlöhne auch gezahlt werden. Wir brauchen diesen Mindestlohn, damit die Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten können und später auch eine Rente erhalten, mit der sie leben können.

Muss man nicht auch die Berliner Arbeitgeber stärker in die Pflicht nehmen, damit das Gehaltsniveau steigt? Eine IT-Firma mit Kunden in Deutschland und der Welt verdient ja nicht weniger als anderswo und könnte dann auch die gleichen Löhne bezahlen.

Da gibt es ein Umdenken. Früher sind die Einstiegsstufen in Tarifverträgen sehr niedrig gestaltet worden. Jetzt merken viele Unternehmen, dass das für sie ein Stolperstein ist. Sie bekommen nämlich keine qualifizierten Arbeitskräfte mehr. In der IT-Branche ist das ganz extrem. Aber es geht eben auch um Wertschätzung für Arbeitnehmer, nicht nur ums Geld.

Bundesarbeitsminister Heil (SPD) hat ausrechnen lassen, dass 12,63 Euro pro Stunde nötig sind, um über das Grundsicherungsniveau zu kommen.

Das ist das Mindeste, was bezahlt werden muss. Sonst hat man nach 40 Jahren Arbeit eine Rente von unter 1000 Euro. Wir haben über die steigenden Mieten gesprochen. Da sieht jeder, dass man mit 900 Euro Rente nicht weiterkommt. Wir müssen auch sehen, wie wir mit prekären Beschäftigungsverhältnissen umgehen. Zu deren Ausweitung hat auch der Berliner Senat beigetragen, etwa mit den Ausgründungen bei der Charité und bei Vivantes.

In diesen kommunalen Krankenhauskonzernen gärt es, weil die Therapeuten und andere Mitarbeiter verlangen, wieder in die Stammbelegschaft aufgenommen zu werden. Wie bewerten Sie das Verhalten der Geschäftsführungen an diesem Punkt?

Das ist ein Unding. Im Dezember hat der Senat beschlossen, die ausgelagerten Tochterfirmen in die Tarifbindung zurückzuführen. Aber es wird nicht gemacht. Die Kolleginnen und Kollegen befinden sich inzwischen im Erzwingungsstreik und das absolut zu Recht. Wie sich die Charité-Führung gegenüber den Therapeuten verhält, ist skandalös. Ich weiß nicht, warum der Senat da nicht reagiert. Da muss man durchsetzen, was man beschlossen hat. Wenn ich höre, dass ab 1. April dort ein neuer Geschäftsführer für die Therapeuten-Gesellschaft kommt und die das solange aussitzen, dann muss der Senat eingreifen.