Brexit

Unternehmen und Berliner Briten bereiten sich auf Brexit vor

Der Austritt Großbritanniens aus der EU sorgt für Unruhe auch in Berlin. Briten fürchten um ihren Aufenthalt, Unternehmen um ihre Geschäfte.

Matt Pitt ist gebürtiger Engländer und hat sich in Deutschland einbürgern lassen -

Matt Pitt ist gebürtiger Engländer und hat sich in Deutschland einbürgern lassen -

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Am 23. Januar 2019, dem Tag als Matt Pitt Deutscher wurde, ging alles ziemlich schnell. Fast kam er zu spät in das kleine Amtszimmer. Dann: Aufstehen, das „Feierliche Bekenntnis“ aufsagen, der Sachbearbeiterin die Hand schütteln, Urkunde entgegennehmen. „Ich war ziemlich aufgeregt, aber happy“, sagt Pitt. Mehr als eineinhalb Jahre hatte die Einbürgerung gedauert.

Der 32-Jährige hat britische Eltern und lange in London gelebt, seit vier Jahren wohnt er in Berlin. Mit seiner Freundin hat er ein Start-up gegründet, und er ist jetzt Deutscher geworden – wegen des Brexit. Seine Geschichte steht für das, was Europa auszeichnet, und für die Selbstverständlichkeiten, die der Brexit infrage stellt – auch in Berlin.

Zahl der Einbürgerungen steigt

Die rund 20.000 Briten, die in der Hauptstadt wohnen, sorgen sich um ihre Zukunft. Seit klar ist, dass der Inselstaat die EU verlassen will, stieg die Zahl der Einbürgerungen. Wollten in Berlin 2015 nur 45 britische Staatsbürger Deutsche werden, waren es 2016 schon 178, 2017 bereits 558. Für das vergangene Jahr liegen noch keine Zahlen vor. Aber allein im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, wo auch Matt Pitt lebt, wurden bis Oktober 2018 fast 100 Briten eingebürgert.

Wie und wann der Brexit kommt, ist auch wenige Tage vor dem Termin 29. März unklar. Gibt es einen Vertrag oder tritt der schlimmste Fall ein? Das No-Deal-Szenario. Berlins Briten rüsten sich für beides: 8394 haben bei der Ausländerbehörde einen Aufenthaltstitel für den Fall eines ungeregelten EU-Austritts beantragt, sagte ein Sprecher der Innenverwaltung der Berliner Morgenpost.

Ausländerbehörde droht der Ausnahmezustand

Und der Rest? „Viele schwanken zwischen einer Stimmung aus Panik und so einem ,ach-wird-schon’-Gefühl“, sagt Pitt. Er ist sich sicher: Gut geht es nicht aus. Viele Berliner Briten hätten deshalb einen Joker in der Hinterhand: heiraten. Mit einem deutschen Partner oder jemandem aus dem EU-Ausland wäre zumindest der Aufenthalt geregelt.

Berlins Ausländerbehörde droht wegen der ungeregelten Aufenthaltsverhältnisse der Ausnahmezustand. Innerhalb kürzester Zeit müssten die Briten, die in der Stadt leben, mit Aufenthaltstiteln versorgt werden, warnte der Chef der Behörde, Engelhard Mazanke, kürzlich. Allein für die Bewältigung des Brexits müsste die Behörde um mindestens 25 Mitarbeiter aufgestockt werden.

Bislang kein signifikanter Zuzug von Firmen

Vielfach wurde gemutmaßt, Berlin könnte vom Brexit profitieren. Die Idee: Junge Menschen aus aller Welt gründen Unternehmen eher in Berlin, das Zugang zum europäischen Markt hat, und weniger in London. So wie Matt Pitt, der seine Agentur pixel+fox eröffnete. Allerdings gibt es laut Wirtschaftsförderung Berlin Partner bislang keinen signifikanten Zuzug von Firmen. Eher steige die Unsicherheit für Unternehmen. Eine Bertelsmann-Studie kommt nun zu dem Ergebnis, dass der Brexit Berlin jährlich rund 290 Millionen Euro kosten würde.

Ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der EU träfe die Berliner Wirtschaft weitgehend unvorbereitet. Auch die Firmen scheinen auf einen glimpflichen Ausgang zu hoffen. Eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin unter 200 Mitgliedsunternehmen ergab kürzlich: 64 Prozent haben noch keine Vorkehrungen getroffen. Gerade für kleine Betriebe wäre die Zollabfertigung eine enorme Herausforderung. Das Vereinigte Königreich ist mit 1,2 Milliarden Euro Handelsvolumen einer der größten Wirtschaftspartner Berlins. Die IHK geht deshalb davon aus, dass in Berlin jährlich rund 500.000 Zollpapiere zusätzlich ausgestellt werden müssen. Welche Folgen das haben könnte, zeigt ein Fall aus Kreuzberg: Das britische Kult-Geschäft „Broken English“ steht vor dem Aus. Ende Mai ist Schluss, weil die Eigentümer nicht wissen, unter welchen Bedingungen sie noch ihre britischen Delikatessen und Andenken importieren können.

Unsicherheit steigt – ob mit oder ohne Deal

„Es bricht mir das Herz, zu sehen, was jetzt passiert“, so Pitt, der sich in Berlin etwas aufbauen will. Er sei rechtzeitig nach Berlin gezogen, könne die Sprache und habe deshalb die Staatsbürgerschaft bekommen. Viele hätten ganz andere Probleme. „Das Traurige ist die Unsicherheit für die Menschen, die in Berlin leben möchten.“ Diese Unsicherheit steigt – ob mit oder ohne Deal.