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Plagiatsaffäre

Wie Franziska Giffeys Doktorarbeit überprüft wird

Immer wieder werden Politiker des Plagiats überführt. Sie empfinden die Überprüfung als Hetzjagd. Das sehen die Prüfer anders.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD).

Foto: Reto Klar

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Berlin. Im Rückblick klingt Sigmar Gabriels Lob an die Familienministerin unfreiwillig sarkastisch. Anfang des Jahres wird Franziska Giffey beim Politikaward 2018 zu dem gekürt, was sie zweifelsohne ist: Die Aufsteigerin des Jahres. Von der Brennpunktbürgermeisterin zur Familienministerin. Was für eine Geschichte.

Laudator Gabriel sagt, sie habe als Kommunalpolitikerin in Neukölln den Kopf oben und das Herz offen gehalten. Neu und ungewohnt sei Giffey „im oft akademisiert wirkenden“ Politikbetrieb. Als sie die Trophäe entgegennimmt, fragt der Moderator, ob man den Preis nun zum „Alles-Richtig-Gemacht-Preis“ umbenennen sollte. Giffey lacht. Und lehnt ab.

Bereits Monate vor der Preisverleihung hat ein Mann, der sich Robert Schmidt nennt und seinen wahren Namen verschweigt, eine Webseite mit dem Titel „Eine kritische Auseinandersetzung mit der Dissertation von Dr. Dcl“ angelegt. Er hat Hunderte von Stunden damit verbracht, wissenschaftliche Arbeiten einzuscannen, abzugleichen, Befunde zu schreiben. Die Webseite ist eine Unterseite des Wikis VroniPlag, jenes kollaborativen Internetprojekts, das bereits zahlreiche Politiker des Plagiats überführt hat.

Sinngemäße Textübernahmen nicht gekennzeichnet

Rund eine Woche nach der Preisverleihung wird bekannt: Dr. Dcl, das steht für Dr. Franziska Giffey. Die Plagiatsprüfer sind sich sicher: Giffeys politikwissenschaftliche Dissertation mit dem Titel „Europas Weg zum Bürger“ enthält „zahlreiche wörtliche und sinngemäße Textübernahmen, die nicht als solche kenntlich gemacht sind“. Es handle sich um einen „ernstzunehmenden Fall“. Die Ministerin beauftragt die Freie Universität Berlin, die ihr den Doktortitel verliehen hat, die Arbeit zu überprüfen.

Steht Giffey bald in einer Reihe mit Namen wie Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan oder Frank Steffel? Wie fühlt sich das an, als Hoffnungsträgerin der SPD plötzlich als Betrügerin dazustehen? Und wer ist eigentlich dieser Robert Schmidt?

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Seine Spur kann man im VroniPlag-Wiki aufnehmen. Dort ist er seit 13. Januar 2014 aktiv, hat 6203 Beiträge geschrieben, die Arbeiten von Annette Schavan und des damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert untersucht. Treffen mit Journalisten lehnt Schmidt ab, aber er antwortet auf E-Mails.

Anonymer Hinweisgeber bereits 2011

Fragt man ihn, warum er anonym bleiben will, dann schreibt er: seine Person und Motivation täten nichts zur Sache. Außerdem wolle er in Ruhe arbeiten. Auf Giffeys Dissertation habe bereits 2011 ein anonymer Hinweisgeber aufmerksam gemacht. Vor gut einem halben Jahr habe er, Schmidt, beschlossen, genauer hinzuschauen. Da war Giffey etwa drei Monate im Bundeskabinett.

Von einer gezielten Jagd auf Politiker will Schmidt nichts wissen. Auch die Zahlen sprechen dagegen. Von 203 bisher namentlich veröffentlichten Fällen betreffen 17 die Arbeiten von Politikern aus dem gesamten Parteienspektrum.

Aber gut zu sprechen ist Schmidt auf Politiker nicht. Er schreibt von der Skrupellosigkeit politischer Eliten, malt sich belustigt aus, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – dessen Doktortitel trotz starken Plagiatsverdachts nicht aberkannt wurde – „seiner ebenfalls plagiierenden Genossin“ die Entlassungsurkunde überreicht.

Sind Neid oder gar Hass auf Politiker sein Antrieb? Selbst wenn dem so wäre, sagt der anonyme Plagiatsprüfer, es würde nichts daran ändern, „dass diese Leute nicht korrekt gearbeitet und im schlimmsten Fall betrogen haben – und dafür waren sie selbst verantwortlich.“

Knapp ein Drittel der Seiten betroffen

Das vorläufige Ergebnis zum Fall Giffey: Plagiatsfundstellen auf 60 von 205 Seiten (Stand 15. März 2019). Knapp ein Drittel der Seiten sollen also betroffen sein. Verbildlicht wird das Ausmaß des vermeintlichen Betrugs in sogenannten Barcodes. Einzelne Seiten werden als Längsbalken nebeneinander angeordnet. Weiße Balken stehen für saubere Textstellen. Schwarze Balken zeigen Seiten, auf denen abgeschrieben wurde, auf dunkelroten ist mehr als die Hälfte kopiert, auf hellroten mehr als 75 Prozent.

Bei Giffey ist der Barcode überwiegend weiß, größere Stellen sind schwarz, sieben Streifen dunkelrot, einer ist hellrot. Zum Vergleich: bei Guttenbergs Barcode ergibt sich ein umgedrehtes Bild: hier dominieren hellrot und schwarz. Nur einzelne Streifen sind weiß.

Reaktionen auf den Fall

Entsprechend vorsichtig sind die Reaktionen auf den Fall Giffey. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), für dessen Nachfolge die Familienministerin immer wieder im Gespräch ist, sagt dieser Zeitung im Interview: Selbst wenn die Überprüfung negativ ausfalle, werde ihre Politik sicher weiter wertgeschätzt. Auch die Basis in Neukölln, wo Giffey bis 2010 ihre Arbeit als Europabeauftragte des Bezirksbürgermeisters in ihre Promotion goss, steht hinter ihr.

Ein stürmischer Montag im März. Die Familienministerin hat soeben im Festsaal des Vivantes-Klinikums Neukölln die neue Phase des Förderprogramms „Stark im Beruf“ eingeläutet. Es soll Frauen mit Migrationshintergrund den Berufseinstieg erleichtern. Giffey hat Schecks mit Förderbeträgen überreicht und auf ein Gruppenbild bestanden, auf dem alle Frauen den Bizeps spannen. „Ihr seid Vorbilder“, sagte Giffey immer wieder.

Als sie schon durch den Wind in ihr Dienstauto eilt, muss sie sich doch etwas zu Robert Schmidt fragen lassen. Frau Giffey, wie fühlt es sich an, wenn jemand anonym an Ihrer Karriere sägt? Ihr hellblaues Jackett flattert im Wind. Kurz stockt sie. Dann zeigt sie in Richtung der Frauen, die sie gerade besucht hat. Deren Zukunft sei wichtiger als ihr Doktortitel, dafür lohne es sich zu kämpfen.

Jetzt greift der Pressesprecher ein. Die drei Sätze zum Thema Plagiat rattert er herunter, ohne dabei Luft zu holen. Die Ministerin habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen verfasst, sie habe die Überprüfung durch eine unabhängige Kommission der FU veranlasst, das Ergebnis bleibe abzuwarten.

Die Gefühlswelt der Gejagten

Will man in die Gefühlswelt der Gejagten eintauchen, muss man einen anderen fragen. Frank Steffel hat mit sich gerungen, bevor er dem Gespräch zugesagt hat. Kein Journalist habe je gefragt, wie es ihm mit den Vorwürfen geht. Den Doktortitel hat ihm die Freie Universität Berlin (FU) im Februar aberkannt. Nach 18 Jahren ganz vorne in der Landes-CDU hat er den Rückzug angetreten, den Posten als Kreischef in Reinickendorf abgegeben.

Er empfängt mich dort im Bürgerbüro, vor sich ein Ordner mit Gutachten, die 327-seitige Doktorarbeit, Stichwortzettel. Zehn Jahre habe er an seiner Dissertation zum Thema Unternehmertum in den neuen Bundesländern gearbeitet. Die Behauptung, er habe vorsätzlich getäuscht, treffe ihn ins Mark, sagt Steffel.

Nur geht es inzwischen um weit mehr als eine Behauptung. Das FU-Präsidium schreibt in einem einstimmigen Beschluss, von einer „zumindest bedingt vorsätzliche Täuschung“. Steffel will das nicht auf sich sitzen lassen. Beim Interview reißt es ihn mehrfach aus dem Stuhl, er zupft an den Seiten seiner Arbeit bis er an Stellen landet, mit denen er seine Unschuld unterstreichen will.

Steffel spricht von technischen Fehlern

Er hat nachgezählt. Auf acht Seiten nennt er die Quelle 25 Mal in den Fußnoten und 32 Mal im Fließtext. Nur hat er die übernommenen Textpassagen nicht in Anführungszeichen gesetzt. Technische Fehler, vielleicht, so sieht es Steffel. Aber: „Der Vorwurf, ich hätte den Autor vertuscht, der ist doch absurd.“

Es gibt andere Seiten in Steffels Arbeit, auf denen er Absätze weitaus großflächiger abgeschrieben hat, es bei „Vergleiche“ belassen hat. Im Jargon der Plagiatsjäger: ein Bauernopfer. Der Autor nennt die Quelle, aber verrät nicht, dass er sich über weite Strecken aus dieser bedient.

Die Vorwürfe gegen Steffel gehen auf einen Mann namens Martin Heidingsfelder zurück. Der wurde inzwischen aus der VroniPlag-Community ausgeschlossen, geht als Einzelkämpfer auf Plagiatsjagd. Heidingsfelder rühmt sich damit, Geld für seine Tätigkeiten zu bekommen, lässt sich gerne mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Monsterjäger“ fotografieren.

In der VroniPlag Community ist die Jäger-Metapher verpönt. Auch bei Gerhard Dannemann. Der Jurist am Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität sieht sich als Dokumentar. Er ist einer der wenigen VroniPlag-Mitarbeiter, die man zum Interview treffen kann. Auch er arbeitet am Fall Giffey, sichtet Schmidts Ergebnisse. Das Vier-Augen-Prinzip ist einer der wichtigsten Standards der Plagiatsprüfer.

Zwischen Publicity und dem Kampf um Wahrhaftigkeit

Nennt man den Namen Robert Schmidt, hört man förmlich, wie Dannemann auf Abstand geht. Besonders penibel arbeite Schmidt, er sei einer der wenigen, die sich vor allem mit Politikern beschäftigen. Während sich Schmidt über die Publicity freut, die diese Fälle mit sich bringen, fürchtet Dannemann, dass sie vom Eigentlichen ablenken: vom Kampf um Wahrhaftigkeit. Aber einig sind sie sich darin: Giffey hat nicht sauber gearbeitet.

Dannemann öffnet Fragment „Dcl 053 04“. In solchen Fragmenten landen Textabschnitte, auf denen Übereinstimmungen zwischen Giffeys Arbeit und der abgekupferten Quelle erkennbar sind. Original und Kopie stehen nebeneinander. Übereinstimmungen sind farblich markiert, hellgrün, hellblau, braun, lila.

Es sind nur einzelne Satzteile, aber bei genauerem Hinsehen drängt sich der Verdacht auf: Giffey hat die Quelle als Schreibvorlage verwendet, einzelne Satzteile umgestellt, umformuliert, neu zusammengewürfelt. „Wertung als Bauernopfer“, steht in den Anmerkungen

Hin und wieder streut Giffey, wie Dannemann sagt, „auf gut Glück“, eine Quelle ein. Nur finden sich keine Belege für ihre Argumentation in der Quelle.

„Systematische Blindzitate“

Könnte auch ein Flüchtigkeitsfehler sein, denkt man. Aber Dannemann sagt: „Dafür sind es zu viele. Es sieht nach systematischen Blindzitaten aus.“ Ein Muster. Das erkennt auch Schmidt. An anderen Stellen übernimmt sie Zitate samt Fehlern - überprüft also nicht die Original-Quelle. Was Giffey da mache, so sieht es Dannemann, ist „eine der gefährlichsten Formen des Plagiats.“ Um das zu untermauern, spricht der Jura-Professor von Drogen.

Die Opioid-Krise, jene Drogenepidemie also, die alleine 2017 mehr als 72.000 Tote in den USA gefordert hat, man kann sie auf eine Verkettung von Plagiaten zurückführen. Angefangen hat alles mit einem Leserbrief an eine Medizin-Zeitschrift. Darin wurde das Suchtpotenzial von starken Schmerzmitteln verharmlost. Dieser Brief wurde zitiert, dann wurden Zitate zitiert und zitiert, bis der Leserbrief zu einer Studie anschwoll. Jahre später wurden Opioide nicht nur bei Krebs im Endstadium verschrieben, sondern auch bei Knieschmerzen. Die Drogen überschwemmten das Land. Auch weil Wissenschaftler aus zweiter Hand zitierten – ohne die Quelle zu prüfen.

Nun wird Giffeys Dissertation kaum zu Todesfällen führen. Aber Menschen wie Dannemann geht es ums Prinzip. Und das lautet so: Plagiate – ob plump oder versteckt – sind Gift für die Wissenschaft.

Es dürfte Monate dauern, bis die FU über Giffeys Arbeit entscheidet. Womöglich wird auch sie das Gefühl ereilen, von dem Frank Steffel spricht: Ohnmacht. Auf dessen Mitgefühl sollte die Ministerin jedoch nicht setzen. Öffentlich will sich Steffel nicht zu ihrem Fall äußern. Nur so viel: Er sei gespannt auf das Ergebnis.

Was gegen Giffey spricht, ist die Statistik. Vier Mal gaben die Plagiatsprüfer der FU bislang Hinweise auf Betrugsfälle. Vier Mal wurden die Titel aberkannt.