„Fridays for Future“

So organisiert die Generation Greta den Streik

In Berlin fand der bislang größte Schülerstreik gegen Klimawandel statt. Soziologen sprechen von einer neuen, politischen Generation.

Bunte Plakate auf der Fridays for Future-Demo im Invalidenpark in Berlin-Mitte.

Bunte Plakate auf der Fridays for Future-Demo im Invalidenpark in Berlin-Mitte.

Foto: Anikka Bauer

Freitag, 8.30 Uhr. Famke Hembus hatte genug Schule für heute. Die 15-Jährige lehnt an einem Geländer vor dem Robert-Blum-Gymnasium in Schöneberg. Morgenwind zerzaust die schulterlangen Haare, sie blinzelt in die grauen Regenwolken.

Das mit dem Musiktest ging schnell, Bass- und Violinschlüssel wurden abgefragt. Kein Grund zur Aufregung. Famke spielt seit acht Jahren Klavier, beruhigt ihre Klassenkameradin Hannah Blitz: „Ja ja, stimmt schon, die Kreuz-Vorzeichen sehen aus wie Hashtags.“ Hastige Blicke auf das Handy, die Nachrichten poltern durch den Chat. Für Famke geht es an diesem Tag um Wichtigeres als Schule. Es geht um die Zukunft. Ihre, unsere. So sieht Famke das.

Kundgebungen in 50 Ländern

Am gestrigen Freitag hatte die Schülerbewegung „Fridays for Future“ zum globalen Klimastreik aufgerufen. Begonnen hatten die freitäglichen Proteste an einem Montag. Es war der erste Schultag nach dem Dürresommer in Schweden, als die 16-jährige Greta Thunberg ein Schild mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet“ („Schulstreik für das Klima“) vor den Stockholmer Reichstag trug – und die Schule schwänzte.

Am 15. März sollte der Protest für eine entschlossene Klimapolitik seinen bisherigen Höhepunkt erreichen. Kundgebungen in mehr als 1000 Städten und über 100 Ländern.

Famke und Hannah gehören zu den Organisatoren der Berliner Klimastreiks. Für Famke war gestern der erste Freitag in diesem Jahr, an dem sie in der Schule war. Den Geschichtsunterricht hat sie seit knapp drei Monaten nicht besucht. Ihre Freundin Hannah hat sie zu „Fridays for Future“ gebracht, hat ihr einen Demo-Aufruf auf Instagram gezeigt.

Sie ist da so reingerutscht, erzählt Famke, hat erst Plakate aufgehängt, mehr und mehr Aufgaben übernommen.

Sie ist im Bergmannkiez in Kreuzberg aufgewachsen, beide Eltern kommen vom Film, die Mutter setzt sich beruflich für erneuerbare Energien ein. Sie unterstützen ihre Tochter in ihrem Engagement. Inzwischen hat die keine Zeit mehr für Gesangsunterricht, keine Zeit fürs Kick-Boxen, nur noch Lernen auf den MSA (Mittlerer Schulabschluss) – und „Fridays for Future“.

„Bitte, mach, dass es nicht regnet“

Noch eineinviertel Stunden bis zum Demostart. 5000 Teilnehmer sind in Berlin angemeldet. Famke und Hannah huschen die Treppe zur S-Bahn herunter. Immer wieder die Blicke zum Himmel. „Bitte, mach, dass es nicht regnen“, sagt Hannah. Famke hofft auf mehr als 10.000 Teilnehmer. „Das wäre so cool.“

Berufsverkehr in der S1. Beide tragen schwarze Jacken, Hochwasser-Jeans, Doc Martens mit roten Schnürsenkeln. Teenagerinnen-Talk, aber etwas ist anders: Hannah war gestern zum Interview beim Fernsehsender „Kika“. Lief gut. Aber die Maske, völlig überschminkt hätten die sie. „Ich sah aus wie ne Trulla.“ „Du bist ne Trulla“, sagt Famke. Zwei Minuten später streicht Famke Hannah durch die Haare, kuscheln die beiden auf dem S-Bahnsitz.

Friedrichstraße, Hauptbahnhof, zu Fuß zur Demo. 9 Uhr. Als die beiden den Invalidenpark betreten, wirkt es, als seien mehr Kamerateams als Schüler da.

Rückblick. Dienstagabend im Berliner Büro von Greenpeace. Ohrenbetäubendes Gewusel, gut 40 Jugendliche haben sich in den Konferenzraum gesetzt. „Hüpfen ist super, aber wollen wir nicht lieber tanzen?“ „Hey ist das Gretas Zitat auf deiner Handyhülle.“ „Wie nice!“ „Wir wollen eine kleine Armee von Schülern, die Seifenblasen machen.“

Das Geld kommt aus Spenden, längst unterstützen Organisation wie Greenpeace die Schüler mit der Logistik, stellen Räume zur Verfügung, andere besorgen Lautsprecher. Gerne schließen sich inzwischen professionelle Umweltorganisationen den Schülerstreiks an. Denn wer sorgt sich schon glaubwürdiger um die Zukunft des Planeten, als jene, die in ihr leben werden?

Das Dilemma mit der Presse

Famke sitzt mit Emil Exner, einem 17-Jähriger Gymnasiasten und eine Reporterin auf dem Fußboden. Emil wird das mit den Kameras langsam zu viel. Luisa Neubauer, die Führungsfigur der Proteste in Deutschland, ist auch da beim Organisationstreff. Mit ihr das Fernsehteam, das sie ein Jahr lang begleitet. Dazu noch zwei Kamerateams, Hörfunk, Zeitung. „Wir brauchen auch mal geschützte Räume“, sagt Emil. „Luisa sagt, auch schlechte Presse ist gute Presse“, sagt Famke.

Davon gab es in den letzten Wochen genug. FDP-Chef Christian Lindner etwa schrieb, politisches Engagement sei toll, aber der globale Umgang mit dem Klimawandel, „das ist eine Sache für die Profis“. Fast schon täglich mahnen Politiker und Journalisten, die Schüler sollten ihrer Schulpflicht nachkommen. Neubauer steht in den sozialen Medien in einem Dauer-Shitstorm. Heuchlerisch sei sie, predige Klimaschutz und jette gleichzeitig um die Welt. Und Greta Thunberg – stellvertretend für die ganze Schülerbewegung – wird als fremdgesteuert und instrumentalisiert verpönt.

Die Angriffe gegen Greta, die findet Famke nicht okay. „Da mobben Erwachsene Menschen ein junges Mädchen“, sagt sie. Auch ihre Freundin Hannah Blitz, so erzählt sie es, sei auf Instagram von einem Troll angefeindet worden. Sie und ihre Ökofreunde sollten sich erhängen, habe er geschrieben.

Kohleausstieg, Verkehrswende, Klimaschutz

„Das zeigt doch nur, wie hilflos die sind“, sagt Famke. Und „Fridays for Future“ erfährt viel Zustimmung. Mehr als 12.000 Wissenschaftler haben sich als „Scientists for Future“ hinter die Schüler gesellt. Greta Thunberg wurde für den Friedensnobelpreis nominiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Engagement der Jugendlichen gelobt.

Nur, ist es genau die Klimapolitik, ihrer Regierung, gegen die sich die Teenager auflehnen. Sie wollen einen „echten Klimaschutz“. Man müsse endlich Konsequenzen aus dem Pariser Abkommen ziehen. Kohleausstieg, Verkehrswende, das sind die Schlagworte.

Die Dienstagabend-Treffen sind in ihrem jugendlichen Chaos recht organisiert. Kleingruppen tagen in verschiedenen Räumen. Hier die Ansprechpartner für die jüngeren Demonstranten, da die Mobilisierungsgruppe, Faktengruppe, Gestaltungsgruppe. Über insgesamt fünf Whatsapp-Kanäle wird vor der Freitagsdemonstration die Plakatgestaltung organisiert, das Programm verbreitet. Die Organisatoren haben eine eigene Chat-Gruppe auf dem geschützten Telegram-Messenger. Um 18:30 Uhr beginnt im Greenpeace-Büro das große Plenum. Die Presse wird vor die Tür geschickt.

Das hat es noch nie gegeben

Protestforscher sagen, ihre Kraft beziehe die Umweltbewegung auch durch das „Schule-Schwänzen“. Letztlich ist es ein Streik, wenn sich keiner daran stört, bekommt er keine Aufmerksamkeit. „Da entsteht die erste politische Generation seit mindestens 15 Jahren“, sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin. Umweltthemen seien besonders geeignet, Jugendliche zu mobilisieren. Da gebe es Parallelen zur Anti-Atom-Bewegung, den 68ern. „Aber das Teenager selbst eine Protestbewegung auslösen, das hat es noch nie gegeben“, sagt Hurrelmann. Obwohl die Schüler Unterstützung vom Elternhaus erfahren, lehnten sie sich auf einer abstrakten Ebene gegen die Politik der Älteren auf. Man suche noch nach einem Namen für die neue Generation. Generation Z, das seie bedeutungslos. „Generation Greta vielleicht“, sagt der Jugendforscher.

Die Veranstalter zählen 25.000 Teilnehmer

Freitag, 10 Uhr. Der Invalidenpark ist voll. Hannah springt neben Famke auf und ab. „Guck mal, guck mal, da kommen immer mehr.“ Am Ende zählen die Veranstalter 25.000 Teilnehmer. Die Polizei spricht von maximal 20.000.

Der Wind weht medizinballgroße Seifenblasen über die wogende Masse. Grundschüler sind gekommen, Eltern, Großeltern. Luisa Neubauers stimme schallt aus den Lautsprechern: „Was wir hier machen ist richtig nice!“ Und: „Die Klimapolitik ist der größte Betrug an unserer Generation.“

Um kurz vor 11 Uhr übernimmt Famke das Kommando auf einem Lautsprecherwagen. Sechs Helfer zeihen und drücken den Wagen, Famke bestimmt die Geschwindigkeit. Sie rennt vor den Wagen, springt auf, schiebt mit. Ständig kriegt sie Nachrichten über Funk, wie der Protestzug vorne vorankommt.

„Hurra, diese Welt geht unter“

Aus den Boxen dröhnt der Hip-Hop-Song: „Hurra, diese Welt geht unter“. Famke sing mit. „Unter der Brücke richtig laut werden“, feuert einer die Menge an. Es schallt: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns unserer Zukunft klaut.“

Später am Nachmittag ist es ruhig um Famke. Sie ist zu Hause. Zufrieden. „Das haben wir geschafft. Fühlt sich schon toll an.“ Sie überlegt, ob sie zum nächsten Treffen gehen soll. In einer Woche wieder Demonstration, in zwei kommt die Schwedin Greta Thunberg nach Berlin. Und dann sind da noch die MSA-Prüfungen.